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Südsudans Straßenkinder werden erwachsen. Für manche von ihnen gibt es Hoffnung.

Gießen | Kürzlich erzählte AnnGrace Asha, die Frau unseres Bischofs, wie es eigentlich dazu gekommen war, dass unsere Kirche hier in Yei, Südsudan, mehrere Waisenhäuser in der Region unterhält. Einrichtungen, die nicht irgendwo in Europa oder Amerika geplant worden sind, sondern zunächst als recht provisorische Projekte gestartet wurden. Später sind sie mit Hilfe von christlichen Organisationen aus den USA mit festen Gebäuden ausgestattet und auch eine Zeit lang mit Finanzen für die laufenden Kosten unterstützt worden. Inzwischen müssen diese Kosten wieder aus Eigenmitteln getragen werden – z.B. dadurch, dass unsere Clinic 10% ihrer Einnahmen für die Waisenhäuser zur Verfügung stellt.
Ende der 1990er Jahre, als der Krieg zwischen Nord- und Südsudan noch im vollen Gange war, zog unser Bischof mit seiner Gemeinde aus dem Busch, wo sie sich versteckt hatten, zurück nach Yei. Die Stadt war im März 1997 befreit worden. Kirche war damals so etwas wie Großfamilie. Wer etwas zu essen hatte, teilte es mit den anderen. Feste Hütten und Häuser gab es noch nicht, das Leben fand im Freien statt, im Schatten der Bäume, die den Krieg
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überlebt hatten. Jedesmal, wenn sich die Familienmitglieder irgendwo niederließen, um etwas zu essen, hatten sie hungrige Zuschauer. Kinder, die im Krieg ihre Eltern verloren hatten und die jetzt in irgendwelchen Löchern vor sich hin vegetierten. Kinder, die alles aßen, was irgendwie essbar war. Kinder, die natürlich auch stahlen, was ihnen unter die Finger kam – und dafür reichlich Schläge und andere Misshandlungen erleiden mussten. Straßen-Kinder im Sinne des Wortes.
Die kleinen verhungerten Gestalten erregten nicht nur das Mitleid der Familie und Gemeinde unseres Bischofs, sondern sie adoptierten die Waisen, versuchten sie auch auf andere Familien und Gemeinden aufzuteilen. Das, obwohl sich damit die Notlage für die eigenen Familienangehörigen sich nicht gerade besserte.
Es ist auf phänomenale Weise erstaunlich, was aus diesen verlassenen und verwahrlosten Kindern geworden ist. Sekundarschüler, die sich anschicken, eines Tages Universitätsreife zu erlangen.
Deshalb hier noch einmal eine „echte“ Lebensgeschichte einer 17-jährigen, die zu den ersten Waisenkindern gehört, die unsere Kirche damals aufgenommen hat.

„Mein eigentlicher Name ist Francis Montag, aber meine Mutter und meine Großmutter pflegten mich 'Aboba'* zu nennen. Aber die wenigsten meiner Bekannten wissen das.
Sofern Sie noch mehr Informationen über mich brauchen, bitte rufen sie die Nehemia-Waisenhaus-Sekundarschule an oder kontaktieren meinen Bruder Gabriel Nono. Ich habe leider noch kein eigenes Telefon.
Bitte entschuldigen Sie die Tatsache, dass ich nicht weiß aus welchem Landkreis ich stamme, denn ich bin ein Waise. Als ich noch ein kleines Mädchen war, wurde ich deshalb im Waisenhaus von Harvesters** in Yei aufgenommen. Dort wuchs ich auf. Von meiner ursprünglichen Familie weiß ich nur, dass sie aus Yei stammt, wo noch einige von meinen Brüdern und Schwestern leben.
Ich bin im Jahr 1994 geboren, also gegenwärtig siebzehn Jahre alt. Mein Geburtstag ist am 5. Juni, und ich freue mich darauf ihn in ein paar Monaten zu feiern.
Die Namen meiner Eltern sind: Fastino Soroba war mein Vater, meine Mutter hieß Ferris Teeyu. Sie sind verstorben.***
Aber ich habe Vormünder um mich herum, z.B. Rose Kadija und Vicki, meine Schwester – und nicht zu vergessen meinen Bruder John.
Ich startete mit der Grundschule in der Waisenhaus-Schule von Harvesters im Jahr 2003 und erhielt dort meinen Grundschulabschluss im Jahr 2011. Anschließend durfte ich in die Nehemia-Waisenhaus-Sekundarschule wechseln und werde nun meine Schulausbildung hier fortsetzen.
Meine Lehrer bescheinigten mir, dass ich die Grundschule auf brilliante Weise absolviert habe und mein Benehmen gegenüber den Lehrern und Klassenkameraden dort tadellos gewesen sei. Ebenso lobten sie meine Pünktlichkeit, Kooperationsbereitschaft und vollständige Anwesenheit bei allen Schulveranstaltungen. Weiter berichten sie, dass ich hart arbeiten würde.
Ich lese gerne, insbesondere die Bücher 'The Joy for a Woman's Soul' von Barbara Johnson, 'Someone cares' von Edwin D. Roles und 'My Journey to Womanhood' von Ephigenia W. Gachin. Im übrigen versuche ich auch meine eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben.
Ich bete dafür und habe große Hoffnung, dass ich nach Beendigung der Sekundarstufe eine Universität besuchen kann. Ich würde gerne eine Verwaltungslaufbahn einschlagen und später für ein Waisenhaus arbeiten – so wie mir als Waise in einem Waisenhaus gedient wurde.
Herzlichen Dank für jegliche Hilfe!“

Anmerkungen:
* Aboba oder Abuba heißt „Oma“
** „Harvesters“ ist eine christliche Organisation aus den USA, die im Südsudan in Partnerschaft mit der Evangelical Presbyterian Church mehrere vorbildlich organisierte Waisenhäuser und Grundschulen unterhält.
*** Francis drückt sich hier sehr gewählt aus. Ihre Eltern gehörten zu den Kämpfern der Südsudanesischen Befreiungsarmee, und sie sind an uns unbekannten Kriegsfolgen gestorben.

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Kommentare zum Beitrag

Peter Herold
23.872
Peter Herold aus Gießen schrieb am 18.02.2012 um 13:33 Uhr
Es erstaunt mich immer wieder, dass gerade aus den USA Hilfe, aber auch Krieg kommt. Das passt irgendwie nicht so recht zusammen
Ullrich Drechsel
1.729
Ullrich Drechsel aus Gießen schrieb am 18.02.2012 um 15:11 Uhr
Ohne zu behaupten, dass die militärischen Reaktionen der USA immer gerechtfertigt sind, hat man drüben über dem Teich wohl andere Ansichten darüber, wie man Gefahren von außen möglichst schon im Vorfeld abwehrt. Das hat mit der Großzügigkeit, mit der Organisationen, Bürger, Kirchen etc. der USA arme Völker unterstützen, offenbar keinen Zusammenhang.
Peter Herold
23.872
Peter Herold aus Gießen schrieb am 18.02.2012 um 17:48 Uhr
Das ist ja auch gut so, oder etwa nicht?
Ullrich Drechsel
1.729
Ullrich Drechsel aus Gießen schrieb am 18.02.2012 um 18:01 Uhr
Genau. Sehe ich auch so.
Peter Herold
23.872
Peter Herold aus Gießen schrieb am 18.02.2012 um 18:07 Uhr
Ich kann mich noch gut erinnern an die Schulspeisung. Nur dieser Brei mit Schokoladengeschmack, der war grässlich
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