Lich | Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Bouffier,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Dr. Braun,
ich wende mich an Sie, Herr Bouffier, in Ihrer Funktion als Ehrenvorsitzender der CDU im Landkreis Gießen und an Sie, Herr Dr. Braun, als amtierender Vorsitzender der Kreis CDU aus Sorge um den Fortgang der Debatte rund um die Veranstaltung der Giessener CDU mit Herrn Saenger und die folgenden Erklärungen des UdV-Vorsitzenden. Ich will vorab sagen, dass ich keinen Anlass zu der Auffassung habe, dass Sie sich persönlich die Positionen von Herrn Schellhase zu Eigen machen werden.
Allerdings können die jüngsten Entgleisungen des Vorsitzenden einer CDU-Untergliederung, der Union der Vertriebenen (UdV), im Nachgang der Veranstaltung eben dieser Untergliederung im Verbund mit weiteren CDU-Gliederungen vom 28. Oktober 2010 nicht unkommentiert und ohne Konsequenzen bleiben.
In der jüngsten Berichterstattung vom 10. November 2010 erklärt Herr Schellhase zur sogenannten Kriegsschuldfrage, dass „das Geschichtsbild der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht von unabhängigen deutschen Historikern entworfen, sondern weitgehend auf der Grundlage der Nürnberger Prozesse von den Siegern entsprechend diktiert worden sei.“
Wie Sie sicherlich wissen und mir zustimmen werden, ist diese rechtsrevisionistische These vor allem im Bereich von rechtsradikalen Vereinigungen und Parteien verbreitet. Hierzu lassen sich zahlreiche Redebeispiele und Äußerungen aus dem rechten Lager zitieren. In der Vergangenheit hat die Christlich Demokratische Union auf Bundesebene in einer Reihe von ähnlich gelagerten Fällen sofort und in meinen Augen richtig und angemessen reagiert. So ist der damalige CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann nach dem antisemitischen Tenor einer Rede konsequenterweise zunächst aus der CDU-Bundestagsfraktion und später auch aus der hessischen CDU ausgeschlossen worden.
Aus meiner Sicht ist es nicht verantwortbar, dass nunmehr auf der Ebene des CDU-Kreisverbandes der Eindruck entsteht, dass bei einer klaren Grenzüberschreitung keinerlei Reaktion und Positionierung erfolgt. Gerade gezielte Provokationen an den Rändern erfordern von allen Verantwortungsträgern eine klare und entschiedene Positionierung.
Daher fordere ich Sie auf, unverzüglich und unmissverständlich dem Treiben von Herrn Schellhase im Namen der CDU ein Ende zu setzen. Eine klare Positionierung in der Sache durch die CDU im Landkreis Gießen und in Hessen ist zwingend geboten.
Ich unterstreiche nochmals unsere Position zum Ausgangspunkt der Kontroverse, die jetzt in dieser Form eskaliert. Die Kritik an dem Auftritt von Herrn Saenger war und ist in der Sache begründet gewesen. Der Fraktionsvorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat zu den Positionen von Herrn Saenger klar und unmissverständlich Position bezogen. Wer eine solch umstrittene Person als Gastredner einlädt, der muss mit Kritik umgehen können und provoziert diese durch die bekannte Vorgeschichte. Wer Polen und England eine Mitschuld am Zweiten Weltkrieg gibt, der versucht die Geschichte zu verfälschen und zu verdrehen und hat sich aus einer ernstzunehmenden Debatte verabschiedet.
Daher möchte ich Sie ausdrücklich und nachhaltig auffordert, umgehend die notwendigen Konsequenzen in der Sache und der Person zu ziehen.
endlich wird sich mal INHALTLICH mit den geschichtsrevisionistischen "Thesen" auseinandergesetzt und Konsequenzen gefordert!
bei allen weltanschaulichen Unterschieden, die es geben mag, hat die Geschichte gelehrt: nur gemeinsam ist es möglich den Faschismus zu verhindern! Da sind alle Demokraten, auch die in der CDU, gefordert.
Wehret den Anfängen!
In der Tat ist das ein im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdiges Unterfangen die Historie in diesem Umfang immer wieder verdrehen und verfälschen zu wollen. Und gerade einer Vertriebenenvereinigung stünde es meiner Ansicht gut zu Gesicht nicht immer wieder zu versuchen Vertriebene pauschal für zweifelhafte politische Stoßrichtungen instrumentalisieren zu wollen und Vertriebenen ebenso pauschal den Anstrich einer "revisionistischen Freakshow" zu geben.
Es müssten doch langsam die Vertriebenen verstorben sein. Wie lange wird die Vereinigung dann noch ihren Status tragen können? Oder sind Enkel von Vertriebenen auch noch vertrieben?
> Oder sind Enkel von Vertriebenen auch noch vertrieben?
Gute Frage! ;-) Aber ich glaube es gibt (leider) genügend Nachwuchs bei denen, die sich nach wie vor als Vertriebe sehen und die revanchistische Arbeit Ihrer Eltern und Großeltern vorsetzen.
Es handelt sich tatsächlich um eine legitime Fragestellung. Und wer sich als was sieht ist ja zunächst einmal gleichgültig: Vermutlich würden wir alle irgendwo in unserer Ahnenreihe irgendwen finden der irgendwann einmal von irgendwo vertrieben wurde. Wieviele "Vertriebene" aber tatsächlich Vertrieben wurden entzieht sich meiner Kenntnis gänzlich.
Naja, Frau Steinbach selbst ich ja glaube ich auch keine "echte Vertriebene". In Wikipedia heißt es dazu:
"In einem Artikel der polnischen Tageszeitung „Rzeczpospolita“ wurde 2002 Steinbach als „falsche Vertriebene“ dargestellt. Ihre Eltern waren im Reichsgau Danzig-Westpreußen, wo sie geboren wurde, nicht heimisch, sondern erst nach dessen Annexion im Zweiten Weltkrieg aus dem Westen Deutschlands dorthin gezogen." (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Erika_Steinbach)
Denn Ihr Vater stammt aus Hanau, ihre Mutter aus Bremen und beide sind erst nach 1939 in das Gebiet gekommen, wo sie 1943 geboren wurde.
Hmm... folglich eine zugezogene Vertriebene... ;o)
Wie dem auch sei: Ich wäre wohl mit der Letzte der anzweifeln würde, dass es auch bei der Vertreibung Leid gegeben hätte, und dass das durchaus auch Leute getroffen haben könnte, welche dies nicht durch eigene Grausamkeiten "erworben" hätten. Gerade deshalb finde ich es auch ungeheuerlich, wenn sich immer mal wieder irgendwer in grenzenloser Selbstherrlichkeit als Sprecher(-vereinigung) Vertriebener aufspielt um diese dann für seine kruden Ansichten zu instrumentalisieren.
Also mich interessiert in erster Linie:
haben die angesprochenen Herren auf diesen offenen Brief reagiert, und wenn ja, wie?
wie steht die CDU-Basis dazu?
gerade die Schüler-Union, Herr Lipp hatte ja bereits die Unterstützung dieser Veranstaltung (zum Glück) dementiert, müsste doch von sich aus aktiv werden?
und ob es direkt Betroffene oder Nachkommen sind, die Geschichtsrevisionismus betreiben, ist für mich zweitrangig
Sagen wir mal so Peter:
ich bin schon der Ansicht, dass die Mitglieder auch der CDU diesen Geschichtsrevisionis in der überwältigenden Mehrheit ablehnen! Das heißt, wenn auch nicht öffentlich, werden sie "Druck machen", denn man sollte nicht denken, dass die Basis der CDU sich von solchen Leuten "instrumentalisieren" läßt!
Ne offizielle Antwort / Reaktion seitens der Angeschriebenen, nee das erwarte ich nicht wirklich :-) - würde Ihnen aber gut zu Gesicht stehen!
> Erwartest Du Stefan wirklich eine Reaktion der CDU?
Schön wäre es, aber ich glaube nach meinen hier gemachten Erfahrungen nicht dran! :-(
> würde Ihnen aber gut zu Gesicht stehen!
Das hast Du völlig recht, Stefan!
> die Mitglieder auch der CDU diesen Geschichtsrevisionis in der überwältigenden Mehrheit ablehnen!
Bist Du Dir da so sicher, Stefan. Also ich weiß nicht, ob es nicht doch eine größere Gruppe in der CDU gibt, die solche Thesen gut heißen. Man sollte mal recherchieren, mit welchen Wahlergebnissen Frau Steinbach die letzten Jahre ins Präsidium gewählt wurde. ;-)
auch wenn viele Mitglieder der CDU (meines Erachtens!) anfällig erscheinen für fragwürdiges Gedankengut, so denke ich doch, dass auch für sie hier eine Grenze des Zumutbaren überschritten ist, zumindest habe ich die Hoffnung, dass auch sie erkennen wenn solche Leute "das Sagen" hätten auch ihr politisches Dasein sehr schnell besiegelt wäre!
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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