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DIE AUFERSTEHUNG

Gießen | Die Totengräber erfüllten routiniert ihre Aufgabe und traten dann vom Grab zurück.
Der Pastor erhob seine Stimme:
„Von Erde bist du genommen, zur Erde sollst du wieder werden…,“ sagte er routiniert wie bei einer Grundsteinlegung. Seine Rede hatte er sicher schon lange in abgewandelter Form in der Schublade liegen, dachte Orf.
Dann ergriff der Pastor die kleine Schippe und warf eine handvoll Sand in das Grab. Man hört nur noch ein dumpfes Geräusch, als sei der Sarg leer:
„Kommt, lasset uns beten…,“ drängelt der Pastor feierlich. Er sprach daher wie ein Versicherungsvertreter, der das ewige Leben versprach.
Orf aber dachte nur:
Schon früher habe ich mich gefragt, ob unsere Verbindung nicht ewig gehalten hätte, wenn schon einer von uns früher gestorben wäre?! Im Übrigen, wie das wohl ist - sterben?
Auf jeden Fall wird dann alles anders sein, als das, was wir bisher kennengelernt haben.
In meinem Testament jedenfalls steht schwarz auf weiß, daß ich bei meinem Tod nicht auf Kissen gebettet werden möchte. Denn ich schlafe grundsätzlich auf dem Bauch.
Hätte ich nicht meine geliebten Worte, die ich jeden Abend wie ein Süchtiger meinem Computer anvertraue, überfiele mich die pure Verzweiflung, dachte Orf.
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Hommage an Orpheus und Euridike (1)
Und trotzdem, der Tod ist auch für mich immer in Sichtweite wie ein trigonometrischer Punkt. Nur werde ich mich diesem Punkt nicht freiwillig nähern, auch wenn ich ihn nie aus den Augen verliere.
Beerdigung hin und Beerdigung her, dachte Orf. Der Tote kann noch so ein Schwein gewesen sein, plötzlich glaubt jeder trotzdem ein paar abgedroschene Worte sagen zu müssen:
Irgendwie war der Verstorbene doch ein besonderer Mensch usw.
Wer ist kein besonderer Mensch? dachte Orf.
Und kaum sind diese Notlügen ausgesprochen, versinken die Gesichter schluchzend im Taschentuch. Plötzlich wird für Minuten um einen Menschen getrauert, den es so nie gab. So, als ob der Verstorbene kein Anrecht hätte auf ein paar Worte, die auch wirklich seinem Wesen entsprachen?
Aber schon beim Beerdigungskaffee schleicht sich das Wörtchen „aber“ ein.
Vielleicht, dachte Orf, hätte ich bei Eura`s Beerdigung gar nicht mitgehen sollen. Und manchmal frage ich mich, ob ich jemals dabeigewesen war?
„Asche zu Asche…!“ höre ich noch die feierliche Stimme des Pastors, während jeder von der Trauergemeine eine Schippe Sand auf das Grab wirft.
Jetzt endlich bin ich sie los! dachte Orf.
Und er hoffte, dass Eura niemals wieder von den Toten auferstehen würde.
Ich werde selbst dafür sorgen, dachte er, dass man einen schweren Stein auf ihr Grab legt.

Kommentare zum Beitrag

Peter Herold
14.251
Peter Herold aus Gießen schrieb am 31.07.2012 um 12:19 Uhr
In seinen Gedanken wird er sie sicher nicht so schnell los werden. Aber mit der Zeit wird es besser.
Am besten man geht wohin, nimmt alle schlechten Erinnerungen mit, die einen nur quälen und vergräbt sie oder versenkt sie in einem tiefen Wasser.
Hilft wirklich, erfahre ich derzeit täglich.
Dr. Mathias Knoll
7.400
Dr. Mathias Knoll aus Gießen schrieb am 31.07.2012 um 20:44 Uhr
Lieber Herr Herold,
Lieber Herr Sauter,
vermutlich geht es uns gemeinsam wie dem "Faust":
„Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben!"
Gruß M.K
Peter Herold
14.251
Peter Herold aus Gießen schrieb am 31.07.2012 um 21:23 Uhr
Ja schon lieber Herr Dr. Knoll, aber! Wa uns nicht umbringt macht uns nur härter.
Schönen Abend noch
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Dr. Mathias Knoll
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