Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

Die Wahl naht aber weglaufen gilt nicht.

Gießen | Morgen ist Sonntag, Wahlsonntag. Der Tag an dem immer das Wetter schlecht ist, man mit schwerem Kratzen im Hals das Bett hüten muss, sich die Beine bleiern schwer anfühlen oder ein Großteil der deutschen ihre verdammten Schuhe nicht finden können.
Für viele ist vielleicht auch das Konzept mit über 18 nochmal einen Kindergarten oder eine (Grund)Schule freiwillig und am Sonntag zu betreten zu verstörend. Auch Rathäuser wirken bedrohlich, denkt man an das kauernde Sitzen mit der Wartemarke in der Hand auf viel zu kleinen Stühlen bevor man einem Gemeindebüttel sein Fahndungsfoto überreicht um den neuen Perso zu beantragen. Das kann gefühlt bis zu 3 Tage dauern. Auch in Altenheimen kann man wählen, aber am Ende wird man doch nur wieder von Oma erkannt und zum Kaffetrinken genötigt.
Das sind natürlich alles rationale und anzuerkennende Gründe sein Wahlrecht in die Tonne zu kloppen. „Es werden schon genug hin gehen“, „Meine Stimme zählt doch eh net“, „Für was soll ich dann wähle? Die da oben machen doch eh was se wolle“. Bei der letzten Bundestagswahl dachten immerhin 28,5% der Wahlberechtigten so.
Damit hat über
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ein Viertel der Wahlberechtigten ihre Teilnahme an der Demokratie verweigert. Es gibt ganz klar genug Anlass dafür den Wahlen und der Politik mit Frust zu begegnen, mit Wut oder Enttäuschung, sogar mit Angst. Aber das macht eine aktive Teilnahme nur noch wichtiger. Es wird nicht reichen zu warten bis den Parteien die Stammwähler wegsterben um zu einem Neustart zu kommen. Wenn man politische Ziele, Wünsche und Vorstellungen hat die sich mit den Programmen einer Partei decken, was hält einen davon ab dieser die Stimme zu geben? Es gibt so viele Möglichkeiten sich zu informieren. Wahlprogramme, Reden und Vorträge, Fragerunden mit den örtlichen Abgeordnetenkandidaten, Wahlstände und auch politische Talkshow. Es gibt den Wahl-O-Mat, an dem man seine Antworten auf politische Fragen mit dem Programm der Parteien vergleichen kann. Da machen fast alle Parteien mit, nicht nur die Großen.
Selbst wenn man politisch nicht interessiert ist, durch den Wahl-O-Mat ist man in 10 Minuten durch. Wahlprogramme zu lesen ist da sicherlich aufwendiger, aber man hat etwas worauf man einen Politiker festnageln kann. Einfach mal aufbewahren, das Gelump passt in einen Schuhkarton. Und zur nächsten Wahl in vier Jahren einfach mal mit dem angemeckerten abschnitt zum Kandidaten gehen. Dann kann man ihn loben weil der Punkt gut umgesetzt wurde oder man kann ihn festnageln warum da nichts passiert ist.
Vielleicht weckt die Abgabe seiner Stimme auch wieder das Interesse am politischen Geschäft in Deutschland. Vielleicht hört man wieder genauer hin, fragt bei Gelegenheiten auch mal nach und geht dadurch auch besser gerüstet in die anderen Wahlen. Kommunal-, Landes- und Europapolitik wollen auch gemacht und deren Vertreter gewählt werden.
Letztlich hat man vielleicht auch ein Problem seinen Favoriten zu bestimmen kann aber genau sagen wen man auf keinen Fall im Bundestag haben will. Unglücklicherweise hilft man aber gerade diesen Parteien. Eine niedrige Wahlbeteiligung gibt den Stimmen für die Parteien mehr Gewicht. Das kann man verhindern wenn man den Politikern die Stimme gibt denen man am besten die Vertretung der eigenen Interessen zutraut.
Darüberhinaus ist wählen nicht schwer, Die Wahllokale sind geöffnet von 08:00 – 18:00 Uhr. Auf der Wahlbenachrichtigung befindet sich ganz oben die Anschrift des Wahlraums. Da kann man dann zum Beispiel im Rahmen eines gemütlichen Spaziergangs hin zockeln. Man hat ja Zeit. Im Wahlraum hat man dann die Gelegenheit noch einmal die rechtlichen Grundlagen der Wahl einzusehen sowie einen Musterstimmzettel zu studieren.
Anschließend geht man dann zu den Wahlhelfern, stellt fest im richtigen Wahllokal zu sein und lässt sich den Stimmzettel aushändigen. Damit geht es dann in die Wahlkabine und zu den Kulis. Bei der Bundestagswahl hat man zwei Stimmen. Eine Erststimme für den Direktkandidaten als Abgeordneten für den Bundestag und eine Zweitstimme für die Landesliste Partei. Man darf sich beim Wahlvorstand auch Hilfe holen wenn man etwa an einer Sehbehinderung leidet oder andere Umstände einem die Wahl erschweren. Man darf sich nur nicht in seiner Wahl beeinflussen lassen oder andere bei ihrer Wahl beeinflussen. Für die Generation Smombie noch ein Hinweis. In der Wahlkabine herrscht striktes Verbot von Film und Foto Aufnahmen. Wer erwischt wird muss seinen Stimmzettel abgeben, bekommt aber auf Wunsch einen neuen der dann ohne Selfie auszufüllen ist.
Hat man dann seinen Stimmzettel markiert so dass der Wählerwille eindeutig zu erkenn ist wird dieser so zusammengefaltet das für keinen die Stimmabgabe zu erkennen ist. Auch das könnte dazu führen noch einmal einen komplett neuen Stimmzettel ausfüllen zu müsse, wenn man etwa damit offen zeigend durch den Wahlraum exerziert.
Jetzt ist es auch schon fast geschafft. Nun braucht man nur noch seine Wahlbenachrichtigung zeigen und kann sofort… Und wenn man in den wirren der vergangenen Wochen seine Walbenachrichtigung verschlampert hat? Dann nimmt man einem seinen Reisepass oder Personalausweis mit über den man sich legitimiert. Wenn dann alles geklärt ist geht’s mit Schwung an die Urne. Dort wird der Wahlvorstand den Einwurf freigeben und es ist geschafft. Glückwunsch, sie haben gewählt.
Jetzt können sie den Spaziergang fortsetzen, die Oma wieder aufs Zimmer schieben oder zum Fußball.
Vielleicht finden sie das alles aber auch so spannend dass sie den Wahlhelfern noch über die Schulter schauen wollen. Das können sie gerne tun, vorausgesetzt es kommt nicht zu Störungen der Wahl oder des Wahlvorstandes Die Wahlhandlung ist natürlich geheim, die Wahl an sich aber öffentlich. Da hat jeder Bürger das Recht von morgens um 08:00 Uhr bis zur Auszählung der letzten Stimmer vor Ort zu sein.
Morgen ist ein spannender Tag, der über die nächsten 4 Jahre Bundespolitik entscheiden wird. Wenn es gegen 18:00 zu den ersten Hochrechnungen kommt wird an menschlichen Reaktionen wieder alles dabei sein. Vom Lobpreisen bis zum Biss in die Tischkannte. Egal wie ihre Reaktion ausfallen wird, vorher hatten sie 10 Stunden Zeit zum wählen und können mitgestalten wie die nächsten 35040 Stunden bei uns Politik gemacht wird.

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Kommentare zum Beitrag

Bernd Zeun
10.372
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 23.09.2017 um 17:53 Uhr
Ein wirklich guter Beitrag; bleibt zu hoffen, dass die Mühe sich gelohnt hat und ihn bis morgen 17:30 Uhr möglichst viele lesen und zu Herzen nehmen und notfalls noch ins Wahllokal spurten. Bei der Rechnung am Schluss ist allerdings ein kleiner Fehler unterlaufen, es sind sogar 35064 Stunden zum Mitgestalten ;-)
75
Schelto Coolhaas van der Woude aus Gießen schrieb am 23.09.2017 um 22:13 Uhr
Schöne Anleitung, ich hoffe sie wird von Vielen gelesen und angewendet.
Martin Wagner
2.334
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 25.09.2017 um 08:57 Uhr
Danke für den gut gemachten Beitrag.

Erfreulicherweise hat sich die Wahlbeteiligung erhöht. In "meinem" Wahlbezirk lag sie kurz vor 85 %. Sicher eine Ausnahme, da im Bezirk viele Studenten (dort erhielt eine Kleinpartei, welche eher unter dem Begriff Spasspartei fallen dürfte über 5 Prozent ......) wohnen.

Das mit dem Zuschauen bei der Auszählung ab 18 Uhr ist sehr löblich, aber eher im Bereich Wünschenswertes anzusiedeln. Ich bin ja schon einige Jahre Wahlhelfer und noch nie ist ein Wahlbürger als Kontrolleur im Wahllokal aufgetaucht. (Höchstens der Hausmeister, weil er endlich Feierabend haben wollte.) Was ich dabei für nicht gut finde ist, dass die Wahlparty im Rathaus schon um 18 Uhr anfängt. Warum eigentlich nicht erst um 19 Uhr und dann mit der öffentichen Aufforderung vorher ab 18 Uhr die Wahlhelfer im Lokal zu kontrollieren?

Demokratie - wenn sie funktionieren soll - lebt nun einmal von der ständigen gegenseitigen Kontrolle der Akteuere.
Florian Schmidt
4.243
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 25.09.2017 um 22:25 Uhr
Herr Zeun, das Schaltjahr habe ich nicht bedacht.
Herr Wagner, Wahlbeobachter würde ich mir auch wünschen. Ich bin nun auch seit 15 Jahren Wahlhelfer und war dieses Jahr zum ersten mal auch stellvertretender Wahlvorsteher. Die Menschen sollten ein wirkliches Interesse für die Wahlen entwickeln und sie nicht nur als leidige Pflicht betrachten.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Florian Schmidt

von:  Florian Schmidt

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Florian Schmidt
4.243
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