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Die evangelische Kirche in Wieseck - ein Kulturdenkmal mit wechselvoller Geschichte

Gießen | Die Evangelische Kirche in Wieseck geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Die Kirche mit ihrem dreistufigen Haubenhelm-Turm prägt das Ortsbild und ist hessisches Kulturdenkmal.
Für die Kirchengeschichte Wiesecks ist es von besonderer Bedeutung, dass schon drei Jahre nach der ersten urkundlichen Überlieferung des Dorfes eine Kirche erwähnt wird. Der Abt Beatus des elsässischen Klosters Honau/Rhein schenkte seinen iroschottischen Mönchen zu Honau neben sechs anderen Kirchen (als Teil einer sogenannten Klosterkette) auch eine Kirche „im Hof, der Wieseck genannt wurde“ im Jahre 778. Erbauer der Kirche war wahrscheinlich das Grafenhaus der Rupertiner, die in jener Zeit die größten Grundbesitzer in der Gegend gewesen sind. Bereits um 900 war die Wiesecker Kirche nicht mehr im Honauer Besitz. Vermutlich ging das Patronatsrecht an die Mutterkirche in Großen-Linden über, die es bis 1585 ausübte. Im Hochmittelalter zählte die Kirche in Wieseck zur Erzdiözese Trier. Zur selbstständigen Pfarrei wurde Wieseck wahrscheinlich erst in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. An der Stelle der alten (hölzernen) Kirche wurde im 13.
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Wieseck (101)Kirche (739)Gießen (2442)Evangelisch (62)
Jahrhundert ein steinernes Gotteshaus mit einem quadratischen Ostturm errichtet. Der Altar war den Heiligen Valentinus, Barbara, Dorothea und Katharina geweiht. Schutzpatron der Kirche wurde der Erzengel Michael, der somit die Verbindung der Rupertiner zu dem irischen Kirchenmann Beatus erklärt. Ihr Schutzpatron war St. Michael, derselbe Heilige, den auch die Iren als ihren Schutzherren verehrten.
Zur Vergrößerung des Kirchenschiffes wurde die Südmauer im Jahr 1493 weiter nach außen verlegt. In die Mauer integriert wurde ein spätromanisches Portal, vermutlich das alte Hauptportal. In diesem Zuge wurde der Triumphbogen im Chor vergrößert und eine Sakramentsnische geschaffen.
Ein bedeutsamer Einschnitt war die Einführung der Reformation durch Landgraf Philipp den Großmütigen im Jahre 1526. Kurz danach hat wahrscheinlich auch in Wieseck das neue Bekenntnis Eingang gefunden haben. Urkundlich begegnet als erster lutherischer Pfarrer 1531 Gerhard Steuper in Wieseck.
Die barocke Turmhaube entstand nach dem großen Brand von 1646, die Renovierung der Kirche erfolgte dann 1649 unmittelbar nach dem 30jährigen Krieg.
Ein schweres Geschick traf die Kirchengemeinde, als 1867 der Blitz in den Kirchturm einschlug. An drei Seiten wurde der
Turm beschädigt. Rechts von der Orgel, die selbst völlig zerstört wurde, zersplitterte hinter dem Alter unter dem mittleren Fenster ein Pfeiler. Anschließend fand eine umfassende Innenrenovierung statt: die Nord-Westempore wurde um eine Südempore erweitert und neue Einrichtungsgegenstände angeschafft (Altar, Kanzel und Gestühl).
Als im Jahr 1900 eine neue Orgel auf der Westempore eingebaut wurde, beseitigte man die Chorempore. Das Ostfenster wurde wieder freigelegt und die vier Fenster im Langhaus um 80 cm erhöht. Bei der Innenrenovierung im Jahr 1925 wurden alte Malereien freigelegt. Eine weitere Renovierung des Innenraums erfolgte 1973/74, bei der auch spätmittelalterliche Malereien im nördlichen Schiff entdeckt wurden.
Im September 1929 richtete eine Dachdeckerfirma den Turmhelm, da sich das Turmkreuz bedenklich geneigt hatte. Dabei kam ein bereits vom Rost angefressenes Kästchen mit alten Urkunden zum Vorschein. Das älteste Schriftstück stammte aus dem Jahr 1736.
Über dem spätgotischen Westportal befindet sich eine achtteilige Fensterrose aus dem 19. Jahrhundert. Ein Grabstein des Pastors Johann Balthasar Steinberger von 1713 ist in der Kirche aufgestellt.
Erst 1862 ist eine Orgel bezeugt, als Reparaturen mit Johann Georg Förster vereinbart wurden. Förster reparierte das Werk 1867 abermals, nachdem es durch Blitzschlag beschädigt worden war.
Die Kirche verfügt über ein Vierergeläut. Die Tonkombination der vier Glocken wird als „Idealquartett“ bezeichnet. Die älteste Glocke datiert von 1680. Im Jahr 1734 wurde eine zweite Glocke mit 90 cm im Durchmesser gegossen, die im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen wurde. Sie wurde 1924 durch eine neue Glocke mit 72 cm Durchmesser und 234 kg Gewicht ersetzt. Nachdem diese im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen worden war, schaffte die Gemeinde 1957 als Ersatz eine neue Glocke an. Eine Glocke aus dem Jahr 1690 wurde wahrscheinlich 1817 umgegossen. Sie musste ebenfalls im Zweiten Weltkrieg abgeliefert werden, wurde 1948 aber vom „Glockenfriedhof“ in Hamburg zurückgeholt. Im Jahr 1924 stifteten in die USA ausgewanderte Wiesecker die „Lutherglocke“. Sie ging im Zweiten Weltkrieg verloren und wurde 1959 ersetzt.


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