Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

Ausharren in schweren Zeiten

Butele (rechts) mit zwei Krankenpflegern der EPC Clinic Yei
Butele (rechts) mit zwei Krankenpflegern der EPC Clinic Yei
Gießen | Butele Polino stammt aus dem Südsudan. Er hat an der Nehemiah Gateway University in Albanien Betriebswirtschaft studiert und mit einem Bachelor erfolgreich abgeschlossen. Ende 2017 ist er in sein Heimatland zurückgegangen. Dort arbeitet er jetzt als Koordinator der medizinischen Arbeit der Evangelical Presbyterian Church (EPC) in Yei, Südsudan.
Am 3. Mai 2010 habe ich an dieser Stelle unter der Überschrift „Wie alles begann“ zum ersten mal über die EPC Clinic in Yei berichtet. Zusammen mit anderen deutschen Entwicklungshelfern war ich am Aufbau dieses kleinen Krankenhauses beteiligt und habe es als Administrator bis zum Frühjahr 2013 geführt. Da man als Entwicklungshelfer nicht länger als sechs Jahre am selben Projekt arbeiten darf, wechselten meine Frau und ich Anfang 2014 auf eine neue Einsatzstelle nach Albanien.
Aber die Verbindung in den Südsudan ist nie abgerissen. Fast täglich haben wir über Facebook oder WhatsApp Kontakt mit unseren Freunden und ehemaligen Kollegen dort. Und hier in Albanien haben wir sogar einige von ihnen als Studenten wieder getroffen und sie über drei Jahre hinweg begleiten dürfen. Zu unserer großen Freude ist nun einer von ihnen sozusagen mein Nachfolger geworden.
Mehr über...
Ende 2013 brachen im Südsudan heftige Stammeskämpfe aus. Etwas irreführend wird das in den westlichen Medien als „Bürgerkrieg“ bezeichnet. Aber neben den zwei großen Stämmen der Dinka und Nuer, die sich nach wie vor blutig bekämpfen, sind an dem endlosen Rauben und Morden auch andere Stämme beteiligt. Für Außenstehende ist die Lage schwer durchschaubar.
Vor wenigen Wochen wurde in Karthoum ein neuer Friedensvertrag – der wievielte eigentlich? - zwischen der Regierung (Dinka) und den „Rebellen“ (Nuer) unterzeichnet. Das hält aber die marodierenden Gruppen von Regierungssoldaten und irregulären Kämpfern nicht von der Fortsetzung ihrer Verbrechen ab. Fast täglich hören wir von neuen Greueltaten.

In dieser katastrophalen Situation hat die EPC Clinic dennoch immer weiter gearbeitet – im Gegensatz zum staatlichen Krankenhaus in Yei, das von 2016 – 2017 für zwei Jahre komplett geschlossen war.
Butele berichtet aktuell, dass es sehr schwierig geworden ist, die nötigen Medikamente und Verbrauchsmaterialien zu beschaffen. Einmal sind die Straßen nach Uganda aufgrund von Wegelagerei nicht benutzbar. (Kürzlich sind sechs Reisende, die es versucht haben,
Butele mit seinem Komilitonen Robert, ebenfalls aus dem Südsudan, als Student in Albanien
Butele mit seinem Komilitonen Robert, ebenfalls aus dem Südsudan, als Student in Albanien
ausgeraubt und dann geköpft worden.) Dann haben die Menschen im Südsudan kein Geld mehr, weil alle Erwerbsquellen versiegt sind. Sie können also die Behandlungskosten nicht oder nur teilweise begleichen. Damit hat auch die Clinic nicht mehr genügend Mittel zur Verfügung. Das Allernötigste wird mit dem Flugzeug von Uganda nach Yei gebracht, aber das ist teuer.
Die EPC Clinic versorgt auch Patienten, die ihnen von der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ übergeben werden. Eigentlich wäre das staatliche Krankenhaus der Partner dieser Organisation, aber die Patienten weigern sich, dorthin eingeliefert zu werden. Das resultiert aus den miserablen Erfahrungen, die die Menschen dort gemacht haben – und wie ihnen das allerletzte Geld aus den Taschen gepresst wird.

In unseren Tagen wird viel über Entwicklungshilfe und deren Sinnhaftigkeit, Fluchtursachen-Bekämpfung und Afrika generell diskutiert. Solche Projekte wie die EPC-Clinic, die selbst schwerste Krisen aus eigener Kraft überstehen und die nicht ständig weiter mit Finanzhilfen am Leben gehalten werden müssen, interessieren in den zuständigen Ministerien niemanden. Entwicklungshilfe wird in Deutschland über den „Mittelabfluss“ und über „Annahmen“ darüber definiert, welche Effekte diese Mittel auslösen sollen. Ob die Millionen oder Milliarden dann im beabsichtigten Sinne gewirkt haben – und meistens tun sie das nicht – ist in den meisten Fällen nicht mehr nachprüfbar. Dennoch füllt auch unsere Regierung immer weiter die afrikanischen Fässer ohne Boden. Seit vielen Jahren „betteln“ afrikanische Ökonomen darum, diesen Geldfluss zu stoppen, um die „Eliten“ in ihren Ländern dazu zu zwingen, die eigenen Ressourcen zu aktivieren. Anstatt einmal auf diese zu hören, verlangen die zuständigen Ministerien immer mehr Milliarden, die in Deutschland von fleißigen Leuten erarbeitet werden müssen. Aber wie sagt das Sprichwort: „Das Geld ist ja nicht wirklich weg. Es haben nur die Anderen ...“ Leider sind das dann auch die Falschen.
Aber Butele und seine Leute harren weiter aus, behandeln ihre Kranken so gut sie können und hoffen weiter auf Frieden, der ihnen immer wieder versprochen wird – und der nicht kommen will.

Butele (rechts) mit zwei Krankenpflegern der EPC Clinic Yei
Butele (rechts) mit zwei... 
Butele mit seinem Komilitonen Robert, ebenfalls aus dem Südsudan, als Student in Albanien
Butele mit seinem... 

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Jaleshari Karmakar nimmt seit Januar 2018 am Programm „Ein Leben lang genug Reis“ der Entwicklungsorganisation NETZ teil. Ein Jahr später sagt sie: „Früher hatten wir nur sehr selten dreimal am Tag zu essen. Jetzt schon – das Proje
Dem Klimawandel begegnen – in Deutschland und in Bangladesch. Experten aus Bangladesch zu Gast in Schwalbach
Schöffengrund | Der Weltladen Schwalbach lädt am Dienstag, 15....
Anti-SIKO-Demo München Marienplatz
Kundgebung bei der "Sicherheitskonferenz" in München (15.2.20)
Kunstausstellung der GGO zur Bombardierung Gießens am 6.12.1944
2019 jährt sich zum 75. Mal der Tag der Bombardierung Gießens durch...
Plätzchen naschen - Bildung schaffen
Im Rahmen der Kunsthandwerker Ausstellung am 23. + 24. November im...

Kommentare zum Beitrag

Leider gibt es noch keine Kommentare zu diesem Artikel.
Schreiben Sie doch den ersten!

Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Ullrich Drechsel

von:  Ullrich Drechsel

offline
Interessensgebiet: Gießen
Ullrich Drechsel
1.786
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
Mit 4 PS durch die Oberlausitz
Die stille Schönheit. Ohridsee, Halbinsel Lin, Albanien

Veröffentlicht in der Gruppe

Globetrotter

Globetrotter
Mitglieder: 14
Aktuellste Beiträge der Gruppe:
Und sie sind wieder Unsichtbar
In der Corona-Krise sprechen viele von den Helden des Alltags. Da...
JEEP-SAFARI IM WADI – RUM
Nachdem ich die in den Fels gehauene Stadt „Petra“ als zauberhaften...

Weitere Beiträge aus der Region

Blick auf den Berliner Platz am 1.4.2020 mit Einzelpersonen und 2er-Gruppen, die aktiv sind
Verkehrswende-Aktivist*innen fordern: Autofahren und Verbrennen fossiler Energieträger verbieten – sofort!
Knapp 30 Verkehrswende-Aktivist*innen standen am 1.4.2020 in Gießen...
am Nebelhorn/Gipfelhang
Statt eines Osterurlaubs ...
ein paar Impressionen von einem solchen im Jahre 2013. Die Fotos...
Der Bergwerkswald
Urlaub in ferne Länder nicht möglich? Eine gute Gelegenheit, bei...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.