Allendorf (Lumda) | Inspiriert durch einen Beitrag hier in der GZ von Peter Herold, der kürzlich bestimmte Immobilien in der Stadt Gießen vor die Linse nahm, und auch zwei Beiträge von Antje Amstein zum Thema Stuttgart 21, keimte der Gedanke, einmal nicht eben jenes aktuell politisch populäre Prestige-Projekt zu vertiefen.
Nein, es soll um 180° das Gegenteil porträtiert bzw gelistet werden.
Was ist das Gegenteil von Stuttgart 21 mag so manche(r) erst einmal philosophieren?
Es sind genau jene Objekte, -wir reden ja über Bausubstanz, die still und heimlich ihr Dasein fristen. Ohne vielleicht jemals nennenswert in die Presse zu gelangen, wenn sich nicht ein spektakulärer Unfall ereignet.
Ergänzend gilt der Hinweis, dass auch selbst in Parteiprogrammen für Kommunalwahlen jene Stationen "außen vor" bleiben. Ich lese etwas vom Bahnhof in Gießen, verbunden mit dem Wunsch an die Deutsche Bahn AG, dort mögen doch bitte künftig ICE´s halten. Dann kommt eigentlich nicht mehr viel an politischer Programmatik hinzu. Es darf zumindest hinterfragt werden, ob dieser (insbesondere CDU-) Wunsch überhaupt dem Fahrgastwunsch und den Mobilitätsbedürfnissen im Landkreis entspricht.
Die Leute wohnen nicht alle im 500 Meter Radius um den Gießener Bahnhof auf dem Seltersberg.
Fangen wir mal analytisch an.
Im Landkreis Gießen existieren:
a) die Main-Weser-Bahn mit den Stationen: Lang-Göns, Großen-Linden, Lollar und Friedelhausen
b) die Vogelsbergbahn, die Bahnhöfe Großen-Buseck, Reiskirchen, Saasen, Göbelnrod, Grünberg und Lehnheim
c) die Lahn-Kinzig-Bahn, dort Watzenborn-Steinberg, Garbenteich, Lich, Langsdorf, Hungen, Trais-Horloff
Diese 16 Stationen sind "in Betrieb" und werden regelmässig von Regionalzügen angefahren. Schalter wird man aber vergebens suchen. Ausnahme Grünberg, Reiskirchen und Buseck. Im Regelfall steht irgendwo ein mintgrüner Fahrscheinautomat des RMV.
Pflasterung, abschließbare Fahrradboxen und Bahnsteighöhe 55 cm über Schienenoberkante für einen barrierefreien, ebenerdigen Zugang........wo bitte im Landkreis ist sowas realisiert?
......das ist doch Sache der Bundesbahn......wir haben kein Geld......lautet es unisono aus den Mündern vieler Kommunalpolitiker.
Es sei freundlich auf ein Stationsentwicklungsprogramm des RMV hingewiesen. Ferner wurde die "Bundesbahn" schon in 1994 beerdigt. Vielerorts verantwortet und pflegt die DB AG Tochter -Station & Service" diese Anlagen bis zur Bahnsteigkante. Winterdienste besorgen wiederum Subunternehmen per ambulantem Einsatz.
Eigentlich bemerkenswert, dass im Landkreis Gießen schon sehr früh sogenannte NE-Bahnen (umgangssprachlich auch Privatbahnen) aktiv waren. Nämlich die Butzbach-Licher Eisenbahn (BLE) nach Grünberg und die Biebertalbahn nach Bieber. Wer nachrechnet, wird sogar feststellen, die BLE betrieb im Landkreis Gießen mit 25 km sogar mehr Infrastruktur als im Wetteraukreis. Heute betreibt die BLE (als Tochter der HLB = hess. Landesbahn AG) überwiegend Schienenverkehre in der Wetterau, aber auch die Lumdatalbahn Infrastruktur und seit Fahrplanwechsel auch Verkehrsleistungen zwischen Frankfurt und Siegen bzw Marburg.
Mit der Anzahl der oben gelisteten Stationen ist aber keineswegs "Ende Fahnenstange" im Landkreis, denn es gibt zwei zu reaktivierende Bahnlinien.
d) die Horlofftalbahn (Abschnitt Hungen - Wölfersheim); dort Inheiden und Obbornhofen-Bellersheim (10,4 km)
e) die Lumdatalbahn mit Staufenberg-Vitale-Mitte (ehem. Daubringen), Mainzlar, Treis/Lda.-West, Treis/Lda., Allendorf/Lda. und Londorf (9,4 km ab Didier; 14 km ab Lollar)
Heisst: weitere 8 Stationen, wobei Obbornshofen-Bellersheim künftig wohl nicht mehr bedient werden wird? Dafür kommt in Lollar noch der Haltepunkt Texasbrücke hinzu. Lindenstruth bei Reiskirchen an der Vogelsbergbahn muss erst noch planfestgestellt werden..
Damit gebe ich mich jedoch keineswegs "geschlagen", denn -mit historischem Bezug- kommen noch
f) die Kanonenbahn (Lollar - Wetzlar) mit Wismar, Launsbach, Krofdorf, Abendstern, Kinzenbach-Ost und Kinzenbach
g) die Verlängerung der Horlofftalbahn ab Hungen nach Mücke mit: Villigen, Ruppertsburg, Friedrichshütte, Laubach, Laubacher Wald, Freienseen
h) ex Butzbach-Licher-Eisenbahn: Oberkleen,....(weiter im Wetterauer Kreisgebiet).....Muschenheim, Hof und Dorf Güll, Lich-Süd, Nieder-Bessingen, Ober-Bessingen, Münster, Ettingshausen, Harbach, Queckborn bis endend in Grünberg-Süd
e.1) Verlängerung der Lumdatalbahn: Kesselbach, Odenhausen/Lda., Geilshausen, Lumda und Beltershain
b.1) ehemalige bzw geplante Halte an der Vogelsbergbahn: Lindenstruth, (Rödgen, Flughafen und Ebelstrasse liegen im Stadtgebiet Gießens)
i) Biebertalbahn (Gießen-Oswaldsgarten und Rodheimer Strasse im Stadtgebiet) Heuchelheim, Heuchelheimer Mühlchen, Windhof, Abendstern (Kreuzung Kanonenbahn), Krofdorf-Gleiberg, Rodheim, Rodheim-Nord bis Bieber.
a.1) an der Main-Weser-Bahn ist dann auch noch ein ehemaliger Haltepunkt Badenburg nachgewiesen
macht weitere 33 Haltepunkte oder Bahnhöfe im Kreisgebiet, wobei Abendstern, Grünberg und Lich jeweils nur einmal gezählt wurden. Die Stationen Lich-Süd und Grünberg-Süd waren aber räumlich von den DB Stationen getrennt und hoheitlich NE-Betrieben zugeordnet.
Also fanden im Landkreis Gießen die Fahrgäste an 58 Stationen Zugang zur "weiten Welt".
Anmerkungen: die Kanonenbahn lag bis Wismar im Altkreis Wetzlar. Der Bahnhof Pfahlgraben an der Lahn-Kinzig-Bahn hat keinen Personenverkehr
Mittelfristig sind 24 Stationen aber zu renovieren oder zu modernisieren. Obwohl einiges im Argen liegt, sind die gegenwärtig betriebenen Stationen verkehrssicher. Die eigentlichen Bahnhofsgebäude sind zumeist verkauft und im Privatbesitz. In Lang-Göns und Großen-Linden gibt es "Plus-Punkte", das sind verglaste offene Wartehallen, die ein wenig vor Regen schützen. Lollar hat zwei einfache Glaswartehallen. In Grünberg gibt es immerhin Bahnsteigüberdachungen. Die Stationen entlang der Lumdatalbahn und Horlofftalbahn wie auch die eigentliche Infrastruktur sind bestandsgeschützt. Lindenstruth als Personenverkehrsanlage müßte erst planfestgestellt werden.
Langgöns und Lollar hat zumindest noch befahrbare Nebengleise. Ansonsten ist sehr viel Infrastruktur in den Bahnhöfen an befahrenen Strecken zurückgebaut worden. Es wird dabei nur den Minimalbedürfnissen des SPNV Rechnung getragen, was aber für die Fahrplangestaltung Konsequenzen hat.
Das Thema Schienengüterverkehr (Gütertarifpunkte) ist im Landkreis Gießen reduziert auf Staufenberg-Mainzlar und Großen-Buseck. In Lollar befindet sich ein ungenutzer Gleisanschluß.
Gibt es einen "Masterplan" für den ÖPNV im Landkreis Gießen?
Aw: Jain, das "Ding" nennt sich lokaler sowie regionaler Nahverkehrsplan. Kommunen werden im Turnus aufgefordert, ihre Wünsche zu Linienbus und Zugverkehren zu äußern.
Dieses Flickenwerk fällt je nach politischem Gusto von Kommune zu Kommune unterschiedlich aus. Zuweilen entwickelt der Aufgabenträger, der dieses Wünsche umsetzen soll(te) auch eine gewisse Eigendynamik, die unliebsame Projekte plötzlich im Wohlgefallen auflösen lässt.
Eine Bushaltebucht direkt am Bahnsteig wird man im Landkreis Gießen bisher vergebens suchen.
Die lokale Kreisverkehrsgesellschaft (ehem. VVG) wurde in 2004 aufgelöst, bzw mit der Stelle (VGO) in Friedberg fusioniert. Der Landkreis Gießen ist mit 4 von 27 Aufsichtsräten darin relativ unterparitätisch besetzt.
Welche Rolle spielt der Kreisverkehrsdezernent?
Aw: die Stelle wird neu besetzt. Er/Sie vertritt u.a. die Positionen des Landkreises beim RMV.
Vielleicht reichere ich hier und da nachträglich Fotos zu einer Bilderserie ein. Wer historische Fotos (z.B. von der BLE nach Grünberg) hat, kann sie mir auch zumailen.