Fahrgastverband PRO BAHN kritisiert Vertragsverlängerung von RMV-Geschäftsführer Knut Ringat – fehlende kritische Bestandsaufnahme im Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) vor der Vertragsverlängerung

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Der aktuelle RMV-Geschäftsführer Knut Ringat. Für den Rhein-Main-Verkehrsverbund wäre dringend ein personeller und struktureller Neuanfang geboten. Bild: PRO BAHN Hessen

„Für den Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) wäre dringend ein Neuanfang geboten. Dieser ist aus Sicht des Fahrgastverbandes PRO BAHN und seinen hessischen Verbandsgliederungen ohne eine kritische Bestandaufnahme und Bewertung der Fehlentscheidungen der letzten Jahre aber nicht zu erwarten“. Auf dieses Fazit lässt sich die Entscheidung des RMV-Aufsichtsrats reduzieren, der sich in seiner Sitzung am 15.06.2023 offenbar ohne relevante Kritik für eine Vertragsverlängerung mit Knut Ringat ausgesprochen hat.

PRO BAHN hat viel Bauschmerzen damit, dass Projekte des RMV in den letzten 10 Jahren noch nicht mal ansatzweise zum vorausgesagten Erfolg geführt haben. Mit einem überbordenden Pathos wurde Projekt für Projekt beim Start inszeniert und eine „innovative“ App nach der anderen vorgestellt. Nach Jahren erlebte man so manche Bauchlandung. Prominentestes Beispiel ist das Projekt RMVSmart, für welches ein Mehrfaches an Probanden angekündigt war, als sich letztlich gefunden haben. Eine erhebliche Summe an Geld wurde investiert, aber insgesamt ein Verlust bei den Fahrgeldeinnahmen erzielt. Ein Schatten ihrer selbst sind in dem Vergleich die Teile von RMVSmart, welche nun in das Bestands-Fahrpreissystem überführt wurden. Und nach Einführung des Deutschland-Tickets sind diese auch großenteils nutzlos.

Der Misserfolg der Wasserstoffflotte für die Regionalzuglinien im Taunus ist nicht nur ein Thema der Landespolitik. In der Ausführung ist der RMV mit im Boot, da man die Ausschreibung der misslungenen Nahverkehrsleistung zu verantworten hat. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als sich Lieferschwierigkeiten ebenso abzeichneten wie die Geburtswehen der Alstom iLint-Nahverkehrstriebwagen im laufenden Betrieb, wäre von einem Geschäftsführer des Verkehrsverbundes ein funktionierender „Plan B“ notwendig gewesen. Stattdessen sucht man nach Ausflüchten und schiebt die Verantwortung für das Desaster einseitig der Herstellerfirma der Wasserstoff-Züge zu. In der Bevölkerung der betroffenen Kommunen im Taunus ist die Akzeptanz in für die Eisenbahn und den ÖPNV insgesamt um mehrere Jahrzehnte zurückgeworfen worden – mit entsprechenden Einnahmeausfällen für den RMV.

Die Zahl der im RMV-Umfeld gegründeten Unternehmen, in welche nicht unerheblich Startkapital aus der RMV-Kasse bereitgestellt wurde, darf in dem Umfang ebenfalls hinterfragt werden. Muss der RMV auf allen Gebieten die federführende Rolle übernehmen? Sollte man dies nicht lieber Lehre, Forschung, Entwicklung und insbesondere der mittelständischen Wirtschaft überlassen?  Als Beispiel nennt der PRO BAHN Landesverband Hessen Mobility Inside. Aus Fahrgastsicht wäre es besser gewesen, sich dem „Brot und Buttergeschäft“ zu widmen, wie es an anderer Stelle in Bahnkreisen mal genannt wurde. Da man viele Randthemen auf dem Schirm hatte, fehlen seit Ende der 2000er Jahre auf klassischen Feldern im RMV Kapazitäten. Zu dem Brot und Buttergeschäft zählt aus Sicht von PRO BAHN die zielgerichtete und zeitnahe Umsetzung des Ausbaus und der Ausweitung der

Infrastruktur des Schienenpersonennahverkehrs in urbanen Übergangsbereichen sowie im ländlichen Raum. Geschäftsführer Ringat steht federführend für eine rückwärtsgewandte Bestellung von Nahverkehrsleistungen wie das Beharren, die Leistungsangebote in den Bündelungen unverändert für die Zeit bis 2040 auszuschreiben, der fehlenden Anzahl in Zukunft erforderlicher Züge, entstandener Unbeweglichkeit im Fahrplan. Die Art und Weise der Linienausschreibungen widerspricht dabei auch klar den Konzepten des Deutschlandaktes.

Ein Kassensturz hätte gutgetan, bei welchen Nebenkriegsschauplätzen Geld verausgabt wird, bevor man sich das Plazet beim RMV-Aufsichtsrat holte, ab 2024 die Fahrpreise für die gesamte „klassische RMV-Tarifpalette“ um über 8% zu erhöhen. Welche Kalkulation der Einnahme-Erhöhung dieser Tarif-Erhöhung zugrunde liegt, erschließt sich nicht: Da bis auf Einzelfahrscheine und Tageskarten bereits jetzt alle Tarife für Monatskarten (außer der 9-Uhr-Monatskarte und der 65+-Monatskarte) in der niedrigsten Preisstufe über dem Preis für das Deutschland-Ticket liegen. Offenbar sollen nun Menschen, die aus finanziellen Gründen und/oder mangels Angebots nur selten den ÖPNV nutzen (können), mit höheren Preisen für Einzelfahrten die Einnahmeausfälle aus den o.g. Fehlentscheidungen ausgleichen, während gleichzeitig Vorzugskunden, die sich ein Smartphone-Prepaid-Ticket leisten können, Rabatte erhalten. Dies ist nicht nur unsozial, diese Rechnung wird auch nicht aufgehen.

Zu alledem zeigt Herr Ringat aus Sicht der interessierten Bevölkerung keine Kooperation, keine Dialogbereitschaft, sich einem thematischen Diskurs zu stellen. Mag er dies im repräsentativen Raum zur Genüge tun, reicht dies in der Breite nicht aus. Die Termine gegenüber der interessierten Bevölkerung, wozu man auch Vereine und Verbände zählen darf, sie stehen in 15 Jahren RMV-Chef Knut Ringat bei Null.

1 Kommentar

  1. Danke für den sehr informativen Artikel.

    Vielleicht mag ich ein Korinthenkacker sein, aber mich wundert schon, dass ein sehr aktiver Interessensverband die Mechanismen zwischen Verwaltungen, Parlamenten und Dienstleister (hier den RMV) in all den Jahren offensichtlich nicht verstanden hat.

    absolute Kurzfassung: (zugegeben meist nur Theorie, also weniger die alltägliche Praxis)

    Alle Macht geht vom Volke aus.

    Dafür wählt sich diese Parlamente, welche die politische Richtung bestimmen.

    D.h. das Volk / Parlamentare kontrollieren nicht nur die Verwaltung (bzw. die untergeordneten Dienstleister), sondern geben diesen ins Detail gehenden konkreten Anweisungen.

    Wenn das nicht nur Theorie für Sonntagsreden sein soll, wie kann es dann geschehen, dass die
    hier beschriebene Person über so viele Jahre “wirken” kann und noch weiter wirken soll??

    Warum schaffen es nicht – die im Wesentlichen nicht parteigebundenen – Interessenverbände der Zivilgesellschaft über die festgelegten Einflusswegen nicht, so “einen Typ in die Wüste zu schicken”???

    In dem angesprochenen Aufsichtsrat sitzen doch die vom Volk beauftragten Politiker?

    Schlafen die nur oder sind sie froh, dass Sitzungen nicht zu lange dauern (und somit die sauhohen Aufwandsentschädigungen sich zu einem gigantischen Stundenlohn auftürmen)?

    Das ist bei mir wirklich keine rethorische Frage. Ich verstehe das einfach nicht.

    Ich würde mich in Grund und Boden schämen, wenn durch meine mangelnde Aufsicht irgendwelche Leutchen sich auf Kosten der Allgemeinheit (… bekanntlich zahlen nur die kleinen Leute viel Steuern, was wirklich weh tut – Reiche zahlen die aus ihrer Portokasse) ohne großen Aufwand die Taschen voll machen können.

    Bitte lieber Interessensverband: Am 8. Okt. ist Hessenwahl – ich erwarte eine klare Wahlempfehlung, denn es dürfte schon klar sein, welche Leute von welchen Parteien ihrer Aufsichtspflicht ungenügend nach kommen.