Heimatverein Zsambek macht Mahngang – 75 Jahre Vertreibung

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Wettenberg-Wißmar
(vm). Die Beschlüsse der Siegermächte zur „Rückführung“ auch der Ungarndeutschen nach Deutschland, waren den meisten Zsambekern bekannt. Dennoch konnte niemand glauben, dass die ungarische Regierung von der Möglichkeit der Ausweisung Gebrauch machen würde.

An 75 Jahre Vertreibung erinnerte der Heimatverein Zsambek in Wißmar, wo auf den Tag genau, am 17. April 1946, ca.230 Vertriebene ankamen. Mit einer Kranzniederlegung an der Gedenktafel an der alten Post, wo der Heimatverein Zsambek mit der Heimatstube sein Domizil hat, endete mit einem Mahngang diese Gedenkfeier – coronabedingt und unter Einhaltung der Hygienevorschriften  in kleinem Rahmen.

Erinnerungskultur sei ein wichtiger Bestandteil gegen das Vergessen sagte Ehrenbürgermeister Gerhard Schmidt. Er ist Ehrenvorstandsmitglied und war  maßgeblicher Wegbereiter des Zustandekommens der Partnerschaft mit Zsambek und Tök während seiner Amtszeit, in der er auch die Gründung des Heimatvereins Zsambek unterstützte und begleitete.

Am ehemaligen Bahnhof Wißmar, begann der Weg des Erinnerns. Hier verließen die Vertriebenen damals den Zug, der sie, wie viele Andere gleichen Schicksals, auf der Bahnstrecke von Wetzlar nach Lollar (Kanonenbahn) an Dörfern entlang der Bahn verteilte. Damit endete die Fahrt der Entwurzelten ins Ungewisse, aber es begann eine lange Zeit bis zur Normalität. Am Mahngang nahmen der Vorsitzende des Heimatvereins Zsambek, Thilo Hain mit seiner Mutter Adelheid Hain teil. Ebenso vom geschäftsführenden Vorstand, Johann-Gottfried Hecker, Barbara Yeo-Emde und Dieterich Emde.

Zeitzeugen sind ein wichtiger Teil einer solchen Gedenkveranstaltung. Mit Matthias Engel hatte man das große Glück eines solchen Zeitzeugen. Der 93jährige verlieh mit der lebendigen Schilderung seiner Erinnerungen und Wahrnehmungen und dem Einordnen von Geschehnissen im langen Prozess  des Ankommens und der Integration, der Veranstaltung einen besonderen Wert und würdevollen Rahmen.

Am 20. März 1946 erschien am Aushängebrett des Gemeindehauses in Zsambek die Liste aller „Umsiedlungspflichtiger Personen“. Bald kam das große Abschiednehmen von allem, mit dem man so stark verwurzelt war: Von Haus und Hof, den Toten auf den Friedhöfen, der Kirche, die vielen Generationen das Haus Gottes war, wo man in mancher Not,  Hilfe, Trost und Stärkung fand. Man nahm Abschied von Verwandten, Freunden und Bekannten, die mit anderen Transporten fahren sollten.

In vier Transporten traten die Zsambeker am 5., 7., 8. und 13. April den Weg in die Heimatlosigkeit an. Sie kamen in das Land ihrer Vorfahren – ein  durch den Krieg verwüstetes Land. Es durften 20 kg Lebensmittel und 80 kg Haushaltsgegenstände pro Person mitgenommen werden. Es waren ca. 1200 Personen im Zug. 30 Personen pro Waggon, zusammengepfercht vom Kleinkind bis zum über 80jährigen.

Schon in der alten Heimat hatte Matthias Engel mitgeholfen, dass Familien und Verwandte möglichst auf den Transporten zusammenblieben. Daher konnte er auch im Durchgangslager Finsterloh in Wetzlar bei der Weiterverteilung seiner Landsleute organisatorisch unterstützen. Das heutige „Sängereck“ – damals „Wolf’sche Saal“ – war der 2. Anlaufpunkt der Neuankömmlinge in Wißmar und auch eine weitere Station des Mahngangs. Die Wahrheit ist, Begeisterung gab es in der einheimischen Bevölkerung nicht über die Neuankömmlinge, berichtete Johann-Gottfried Hecker. Auch hier gelte, im Nachhinein nicht zu (ver)urteilen und die Reaktionen und Ressentiments der Menschen immer in ihrer Zeit und den vorherrschenden Umständen zu sehen. Tage zuvor waren bereits viele Sudetendeutsche Vertriebene eingewiesen worden. Da machte die überraschende Ankunft weiteren Lastwagen mit fremden Menschen und ihrem Gepäck erhebliche Probleme.

Hilfsbereitschaft der Einheimischen war nicht unbedingt zu erwarten. Wer sollte es ihnen verübeln, wo sie doch selbst noch mit Mangel zu kämpfen hatten. In der Gastwirtschaft Wolf wurde die Verpflegung organisiert, gekocht, denn nicht alle hatten eine Kochgelegenheit. Nachdem die Vertriebenen im Dorf, vorwiegend privat, eingewiesen waren, begann die Zeit des Eingewöhnens. Das ungewohnte oberhessische Essen und schwierig auch der schwer verständliche schwäbische Dialekt. Im Alltag fielen die Frauen durch ihre besondere Tracht („Schusterschürzen“) und die älteren Männer durch ihre großen Hüte auf. Viele Frauen und Großeltern lebten auch zunächst allein mit ihren Kindern bis ihre Männer aus Krieg und Gefangenschaft zu den Familien zurückkehrten.

Als Johann Danko 1954 aus russischer Kriegsgefangenschaft „heimkehrte“ wurde er in der Bahnhofstraße von einer großen Menschenmenge begrüßt, erzählt man sich. Das war bereits zu einer Zeit, als die ärgsten Hürden im Bemühen um Normalität überwunden waren. Matthias Engel hatte bis dahin, wie er sich erinnert, immer wieder um Verständnis bei beiden Seiten geworben. Durch sein ungebrochenes Engagement hatte er damals maßgeblichen Anteil daran, dass die Ungardeutschen sich eine eigene Existenz aufbauen konnten. Mit Politgrößen wie Ludwig Bodenbender, Abgeordneter des Hessischen Landtages und Hessischer Staatsminister für Landwirtschaft und Forsten, zog er durchs Land und warb um Unterstützung.

Die Röderheide bei Salzböden war und ist ein Zeichen gelungener Siedlungs- und Eingliederungspolitik, dank des steten Eintretens von Matthias Engel, der ein Stückweit den Weg bereitete, aber auch dank der Ein- und Weitsicht der politische Verantwortlichen in den Dörfern. Von elementarer Bedeutung waren der Aufbau und die Exsistenzsicherung. Die Frauen fanden Arbeitsplätze im Haushalt und in der Zigarrenindustrie. Die Männer als Arbeiter  in der Industrie (im nahen Lollar) oder als Handwerker. Vorwiegend auch im Bauhandwerk, so u.a. bei den Firmen Lemmer (Lollar), Faber & Schnepp (Gießen), Mandler & Schieferstein (Krofdorf-Gleiberg). Sie waren begehrte und beliebte Arbeitskräfte, weil sie als zuverlässig, fleißig und talentiert galten. In der Zeit des Häuslebauens kamen den Schwaben ihre nachgesagten Tugenden zu Pass: Nachbarschafts- und Verwandtenhilfe waren ausgeprägt.

Mit Improvisieren in der Not, Disziplin und Fleiß, gelang mit den Jahren mehr und mehr die Integration. Es war aber ein steiniger Weg und der 93jährige Zeitzeuge erinnert sich, wie man mit einem ersten Schwabenball 1948 in Odenhausen im Saal von Koch’s Peter, offensiv um Zutrauen und Freundschaft geworben hat. „Das war der Zeitpunkt der Annäherung, wo das Leben begann“, so Matthias Engel, zumindest in Odenhausen, wie er ergänzt. Später, als sich die legendären Schwabenbälle in der Kongresshalle in Gießen etablierten, sei der Damm aus Argwohn und Misstrauen zwischen Neu- und Altbürgern endgültig landauf und landab gebrochen, so der Senior weiter. Dazu sind Namen wie Matthias Kaiser (Lahnau) und Manfred Barho (ehemaliges Vorstandsmitglied des Heimatvereins Zsambek) zu nennen. Die Einheimischen versuchten die Neuen auch in die Ortsvereine zu integrieren. Eheschließungen (Mischehen) waren nichts Ungewöhnliches. Auch die Erhaltung der Kultur der Vorfahren und das Brauchtum spielten eine Rolle.

1968 gründete sich eine Jugendtanzgruppe. Sie übte die alten Ungarndeutschen Volkstänze ein und zeigten dabei auch die ehemalige Zsambeker Tracht. Zunächst als „Tanzgruppe des Kreises Wetzlar“ und später als „Tanzgruppe der Stadt Lollar“. Die Tanzgruppe hatte mit einer starken Präsenz der Ungarndeutschen im Bewusstsein der hiesigen Bevölkerung einen großen Platz eingenommen. Überregional viel beachtet, auch mit ihren Auftritten bei den „Hessentagen. Natürlich darf auch die „Knoblauch-Kirmes“ auf der Röderheide (Salzböden) nicht unerwähnt bleiben.

Die in der Bergstraße in Wißmar erbaute Gaststätte Dix spielte als Zentrum für den Zusammenhalt der Ungarndeutschen eine bedeutende Rolle. Folgerichtig kam es dort am 19. September 1986 mit 25 Personen zur Gründung des Heimatvereins Zsambek. Neben der Erinnerung an den spannenden und von vielen mit Herzblut und Überzeugung vorangetriebenen Prozess des Zustandekommens der Partnerschaft zwischen Wettenberg, Zsambek und Tök, würdigte Gerhard Schmidt in der Heimatstube besonders auch das Wirken des Heimatvereins Zsambek.

Es sei wichtig, nach wie vor, einen festen Partner an der Seite der Gemeinde zu wissen. Im Mai 1987 reisten 120 Personen aus Zsambek an. Ein Kulturprogramm war selbstverständlich und auch ein Ausflugsprogramm in Mittel- und Oberhessen. Bei diesem Anlass wurde vor dem Bürgerhaus Wißmar der „Zsambekplatz“ feierlich eingeweiht. Die Bemühungen um eine offizielle Partnerschaft gingen auf „diplomatischen Wege“ zwischen Budapest und Bonn (Außenministerium der Bundesrepublik) weiter. Am 7. Oktober 1988 war es endlich so weit. In einer Partnerschaftsfeier im Bürgerhaus Wißmar konnten in Anwesenheit des 1. Botschaftssekretärs der Ungarischen Botschaft, Josef Kovacz, die Partnerschaftsurkunden von den beiden Bürgermeistern Imre Zink und Gerhard Schmidt unterzeichnet werden. Um die jungen Menschen stärker einzubeziehen wurde bei dieser Begegnung erstmals über einen Schüleraustausch zwischen der Zichy-Miklos-Schule und der Wettenbergschule gesprochen.

Bis heute finden regelmäßige Schüleraustausche statt, derzeit von Volker Wehrum organisiert, die auch organisatorisch und finanziell vom Heimatverein Zsambek unterstützt werden. Die Partnerschaft mit Zsambek wurde 1993  auf die Gemeinde Tök erweitert. Daran hat die verstorbene Helga Mayer-Jaeger einen entsprechenden Anteil, unterstützt durch den ebenfalls verstorbenen Friedel Schäfer.

In der Satzung des Heimatvereins wurden als Aufgaben und Ziele festgelegt: 1. Bewahrung der Kultur der Deutschen aus der ungarischen Heimatgemeinde, 2. Förderung der ungarndeutschen Heimatkunde, 3. Pflege der Zusammengehörigkeit mit der Heimatgemeinde Zsambek und den dort verbliebenen deutschen Mitbürgern, 4. Finanzielle und ideelle Unterstützung der deutschen Minderheit in Zsambek und 5. Organisation der kulturellen Veranstaltungen und Heimattreffen.

Mit allen Vorständen unter ihren jeweiligen Vorsitzenden Mathias Tiefau, Anton Bader, Johann Hain, Ludwig Hankowetz und aktuell Thilo Hain hätten sich immer wieder Menschen gefunden, die sich als bekennende Partnerschaftler und überzeugte Europäer für die Sache einsetzten, indem sie auf vielfältige Weise durch ihr Handeln, Geschichtsbewusstsein schärften und damit auch einen Beitrag für die Friedensicherung leisteten, so Gerhard Schmidt. In diesem Erbe verstehe er auch seine Aufgabe als amtierender Vorsitzender, sagte Thilo Hain bei der Kranzniederlegung.

1 KOMMENTAR

  1. Danke für den sehr informativen Artikel.

    Besondes gefreut hat mich die sachbezogene Schilderung auch der “problematischen” Aspekte der erzwungenen Rückwanderung.

    Ich bin politsch gesehen wahrlich kein Fan der 50er Jahre mit deren restaurativen Politik.

    Aber der Fairnis halber sollte auch die linken Kräfte anerkennen, dass die staatlichen und zivilgesellschaftlichen Stellen mit der Integration von (ich glaube mich an die Zahl erinnern zu können) 6 Millionen entwurzelten Menschen recht gut voran gekommen sind. Zumindest hat sich gegen Ende der 50er deren reaktionäre politische Interessenvertretung in den Parlamenten mangels Zuspruch aufgelöst.

    Vielleicht lässt sich auch irgendwann einmal über die jetzigen Flüchtlinge sagen:

    (….) ” „Das war der Zeitpunkt der Annäherung, wo das Leben begann“ ” (….)