“Anger 10”: Freilichtbühnen als Teil der NS-Propaganda – Vortrag in Großen-Buseck

Freilichtbühnen als Teil der NS-Propaganda

Vortrag von Martin Berghane in „Anger 10“ – Großen Buseck

Wieder einmal erwies sich die ehemalige Synagoge “Anger 10” als ein Geheimtipp für hochkarätige Veranstaltungen zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in Geschichte und Gegenwart. Dieses Mal war es der Geschichtsdidaktiker Martin Berghane, der über “Theaterpropaganda – was tun mit den Überresten nationalsozialistischer Freilichtbühnen” referierte. Veranstalter war der „Freundeskreis Anger 10 – ehemalige Synagoge Großen-Buseck“.

Dass die Nazis wie wohl alle faschistischen Bewegungen bei Propaganda- und Macht-Inszenierungen sich gerne bei Theater und Religion bedienten, überrascht nicht, wenn man an Reichsparteitage und andere Auftritte denkt. Aber wie sie historische Themen auf eigens dafür geschaffenen Freilichtbühnen für ihren Machtanspruch in Szene setzten, war den meisten in „Anger 10“ Anwesenden bislang unbekannt.

Berghane hatte seinen Vortrag mit Fotos, Film-Ausschnitten aus der Wochenschau und Textstellen klug und spannend strukturiert. Am Beispiel der Freilichtbühne Stedingsehre, gelegen in der Wesermarsch, erläuterte er die Thing-Bewegung des Nationalsozialismus in den Jahren 1933 bis 1935. 40-60 von insgesamt ca. 400 geplanten Freilichttheatern wurden damals errichtet, in denen die sogenannten Thingspiele stattfanden. Dort fanden die als Propaganda konzipierten Aufführungen mit großen Menschenmengen auf der Bühne vor 20.000 Zuschauern statt. Die vielen Laienschauspieler sollten das Gefühl der Einheit der Volksgemeinschaft mit dem Publikum herstellen.

Doch schon bald zeigten sich innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung gegenläufige Tendenzen: An Stelle dieser rückwärtsgewandten, mythischen Ideologie wollte man sich lieber als modern und in die Zukunft gewandt präsentieren. 1935 verbot Goebbels den Begriff „Thing“. Diese Ausformung nationalsozialistischer Propaganda verlor den parteiinternen Kultur-Streit.

Viele der geplanten Theaterstätten wurden daher nicht mehr gebaut. Einige der bereits fertiggestellten überdauerten die Zeiten und werden noch heute für Veranstaltungen genutzt, wie z.B. die Freilichtbühne Loreley. Andere blieben im Ganzen oder als Überreste erhalten. Bei vielen ist die Frage immer noch nicht gelöst, wie im Rahmen der Erinnerungskultur mit ihnen umzugehen ist.

Wie bedeutsam Erinnerungskultur ist, zeigte sich in der den Vortrag anschießenden, lebhaften Diskussion: Es wurde z.B. deutlich, wie viele Parallelen sich am Beispiel der nationalsozialistischen Freilichtbühnen zu heutigen rechtsextremen Parteien aufzeigen lassen. So sind bewegungsinterne Richtungskämpfe zwischen rückwärtsgewandten, historischen Bezügen auf der einen und modernistischen Bestrebungen auf der anderen Seite auch heute zu beobachten.

Martin Berghane lehrt an der Universität Münster Geschichtsdidaktik und ist Vorstandsmitglied des Freundeskreises Anger 10 – ehemalige Synagoge Großen-Buseck. In „Anger 10“ finden regelmäßig Veranstaltungen zu NS-Geschichte, Regionalgeschichte, Demokratieförderung oder weiteren allgemeinbildenden Themen statt. So ist für das kommende Jahr eine Ausstellung zu Bodenprofilen geplant. Die nächste Veranstaltung wird am 10. 11., 18 Uhr vor Anger 10 stattfinden, wo die Gedenkfeier anlässlich der Novemberpogrome 1938 gemeinsam mit der IGS begangen wird.

www.anger10.de