Mit einem Informationsstand in der Gießener Innenstadt hat der Werkstattrat der Lebenshilfe Gießen auf die laufende Bundestagspetition zur Reform der Werkstätten für behinderte Menschen aufmerksam gemacht.
Gießen. Der Werkstattrat der Lebenshilfe Gießen hat Ende August in der Gießener Innenstadt über die Forderungen nach einer Reform der Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) informiert. Im Mittelpunkt standen ein faires und verlässliches Entgeltsystem, bessere Chancen und Übergänge auf den allgemeinen Arbeitsmarkt sowie anerkannte Zertifikate für die beruflichen Fähigkeiten von Werkstattbeschäftigten.
Der Werkstattrat ist die gewählte Interessenvertretung der Werkstattbeschäftigten. Er bringt ihre Anliegen gegenüber der Werkstattleitung ein und wirkt bei Entscheidungen mit, die den Arbeitsalltag und die Rechte der Beschäftigten betreffen.
Am Informationsstand kamen 124 Unterschriften zusammen. Zahlreiche Passantinnen und Passanten nahmen zudem Flyer mit, auf denen ein QR-Code zur Online-Petition abgedruckt war. Einige wollten die Informationen auch an Kolleginnen, Kollegen oder Bekannte weitergeben.
In den Gesprächen zeigte sich, dass viele Menschen bislang nur wenig über die Arbeit in Werkstätten, die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Zusammensetzung des Werkstattentgelts wissen. Auf großes Interesse stieß auch der Hinweis, dass die Werkstätten-Mitwirkungsverordnung aus dem Jahr 1980 stammt und damit mittlerweile 46 Jahre alt ist. Werkstatträte Deutschland fordert eine grundlegende Erneuerung der Verordnung, um die Mitbestimmung der Werkstattbeschäftigten zu stärken.
„Der Infostand war für uns ein großer Erfolg. Wir konnten viele Menschen über unsere Arbeit und den notwendigen Reformbedarf informieren. Dabei geht es nicht nur um ein faires Entgelt und bessere Übergänge auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Werkstattbeschäftigte müssen für ihre erworbenen beruflichen Fähigkeiten auch Zertifikate erhalten, die außerhalb der Werkstatt anerkannt werden und ihnen bei ihrer weiteren beruflichen Entwicklung wirklich helfen“, sagt Daniel Tabert vom Werkstattrat der Lebenshilfe Gießen.
Werkstatträte Deutschland und die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) setzen sich dafür ein, die berufliche Bildung in Werkstätten stärker an das allgemeine Berufsbildungssystem anzubinden. Gefordert werden standardisierte und bundesweit anerkannte Zertifikate beziehungsweise Teilzertifikate. Diese sollen für Unternehmen sowie Berufs- und Branchenverbände nachvollziehbar machen, welche Kenntnisse und praktischen Fähigkeiten die Teilnehmenden erworben haben. Damit würden ihre Leistungen sichtbar und ihre Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt verbessert.
Die Lebenshilfe Gießen betreibt sechs Werkstätten, in denen Menschen mit und ohne Behinderung in unterschiedlichen Produktions- und Dienstleistungsbereichen tätig sind. Sie sieht seit Jahren Reformbedarf beim Werkstattentgelt, bei der Anerkennung beruflicher Kompetenzen und bei den Perspektiven der Beschäftigten.
„Berufliche Fähigkeiten und Leistungen müssen sichtbar und auch außerhalb der Werkstatt anerkannt werden. Deshalb brauchen wir verlässliche Qualifizierungsangebote und bundesweit vergleichbare Zertifikate, die für Betriebe eine echte Aussagekraft besitzen. Gemeinsam mit einem fairen Entgeltsystem und besseren Übergängen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wäre dies ein wichtiger Schritt zu mehr beruflicher Teilhabe“, erklärt Dirk Oßwald, Vorstand der Lebenshilfe Gießen.
Einen konkreten Schritt in diese Richtung hat die Lebenshilfe Gießen bereits unternommen: Im Februar 2026 startete ihr erster einjähriger Zertifikatslehrgang „Assistentin/Assistent Gastgewerbe“. Sechs Teilnehmende erwerben dabei theoretische Kenntnisse und praktische Fähigkeiten aus Küche und Hauswirtschaft. Der Lehrgang endet mit einem Abschlusstest und einem Zertifikat. Entwickelt wurde das Angebot im Rahmen des bundesweiten Netzwerks Zertifikatslehrgänge, in dem rund 100 Werkstätten zusammenarbeiten. Weitere Lehrgänge und zusätzliche Berufsfelder sollen folgen.
Zugleich schafft die Lebenshilfe Gießen über ihr Inklusionsunternehmen Gastrowelt Mittelhessen sozialversicherungspflichtige und langfristige Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.
Darüber hinaus begleitet der Fachdienst berufliche Integration derzeit rund 70 Menschen mit Behinderung an unterschiedlichen Beschäftigungsstandorten. Er unterstützt Unternehmen, die einen Praktikumsplatz, einen betriebsintegrierten Beschäftigungsplatz oder einen regulären Arbeitsvertrag anbieten möchten. Dazu gehören die Beratung zu geeigneten Beschäftigungsformen und öffentlichen Fördermitteln, Unterstützung bei Anträgen sowie die professionelle Begleitung des gesamten Inklusionsprozesses. Auch bei Fragen oder Konflikten am Arbeitsplatz steht der Fachdienst den Beteiligten zur Seite.
Die Petition fordert nicht die Abschaffung der Werkstätten, sondern deren Weiterentwicklung unter fairen und zukunftsfähigen Bedingungen. Sie kann noch bis zum 8. September 2026 auf der Petitionsplattform des Deutschen Bundestages mitgezeichnet werden:
https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2026/_04/_17/Petition_198637.html
Weitere Informationen:
Werkstattentgelt und berufliche Teilhabe:
https://www.lebenshilfe-giessen.de/begleitung/arbeiten-und-berufliche-bildung/werkstattlohn-fragen-und-transparenz
Angebote für Unternehmen:
https://www.lebenshilfe-giessen.de/dienstleistungen/betriebsintegrierte-beschaeftigung





