An ihrem letzten offiziellen Schultag an der Alexander-von-Humboldt-Schule unternahm die Klasse 9P einen besonderen Ausflug. Das Ziel war der Lern- und Erinnerungsort im ehemaligen Notaufnahmelager Gießen – ein Ort, an dem Geschichte nicht nur erzählt, sondern spürbar wird.
Schon beim Betreten des Geländes war zu merken, dass dieser Ort viel erlebt hat. Über Jahrzehnte kamen hier Menschen an, die ihre Heimat verlassen mussten – auf der Suche nach Sicherheit, Frieden und vor allem Freiheit. Im Museum erfuhren wir, wie Menschen aus der DDR, aber auch aus vielen anderen Ländern, nach ihrer Flucht hier ihre ersten Schritte in ein neues Leben machten.
Die Klasse nahm am Workshop „Freiheit“ teil. Dabei sprachen die Schülerinnen und Schüler zunächst darüber, was Freiheit für sie persönlich bedeutet. Für manche bedeutet Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können. Für andere heißt sie, die eigene Meinung offen sagen zu dürfen, ohne Angst haben zu müssen. Schnell wurde klar, dass Freiheit für viele Menschen keineswegs selbstverständlich ist.
Besonders bewegend waren die Fluchtgeschichten verschiedener Personen in der Ausstellung und die Beschäftigung mit Liedern, die man mit der Wende verbindet. Geschichte wurde plötzlich greifbar. Hinter jedem Ausstellungsstück, jedem Foto und jedem Bericht stand ein echtes menschliches Schicksal.
Dieser Ausflug war für die Klasse aber noch aus einem weiteren Grund besonders. Ihre Klassenlehrerin Elena Kurter verbindet mit diesem Ort eine ganz persönliche Geschichte. Vor vielen Jahren kam sie selbst als Kind in dieses Aufnahmelager, nachdem ihre Familie aus der Türkei fliehen musste. Während des Besuchs wurde den Schülern bewusst, dass Flucht kein abstraktes Thema aus Geschichtsbüchern ist, sondern Teil realer Lebensgeschichten – auch von Menschen, die sie jeden Tag sehen.
Gerade dadurch bekam der Workshop eine besondere Tiefe. Freiheit bedeutete plötzlich nicht nur ein Wort aus dem Unterricht, sondern Hoffnung, Sicherheit und die Chance auf einen Neuanfang.
Dies war zugleich der letzte gemeinsame Ausflug als Klasse 9P. Das machte den Tag noch emotionaler. Die Schülerinnen und Schüler blickten nicht nur auf die Vergangenheit anderer Menschen, sondern auch auf ihre eigene gemeinsame Zeit zurück. Viele Erinnerungen, Erlebnisse und Herausforderungen verbinden sie. So wurde dieser letzte Ausflug zu einem würdigen Abschluss: nachdenklich, bewegend und unvergesslich. Sie nehmen aus dem Lern-und Erinnerungsort nicht nur neues Wissen mit, sondern auch eine wichtige Erkenntnis: Freiheit ist ein kostbares Gut, das geschützt und wertgeschätzt werden muss.
Text und Bild: Wurm




