Erfolgreiche Abschlussveranstaltung im Zeichen Italiens des Zweiten Wetzlarer Literaturfestivals: Daniel Speck ließ das Wetzlarer Publikum in die Welt von „Villa Rivolta“ eintauchen

Autor Daniel Speck (l.) und Moderator Jörg Braunsdorf (r.). (Foto: A. Riva/DIG)
Daniel Speck (Foto: A. Riva/DIG)

Am zweiten Juniwochenende fand das erfolgreiche 2. Wetzlarer Literaturfestival mit zahlreichen Lesungen und Veranstaltungen rund um die Buchwelt statt. Am Sonntag, 14. Juni 2026, wurde das dreitägige Event mit einem beliebten Gast abgeschlossen: Dank der Zusammenarbeit von Deutsch-Italienischer Gesellschaft Mittelhessen e.V., Kulturinitiative an Lahn und Dill und Stadtbibliothek Wetzlar ist es gelungen, den bekannten Bestsellerautor Daniel Speck nach Wetzlar zu bringen. Die Konkurrenz des ersten Fußball-WM-Spiels der deutschen Nationalmannschaft berührte die „Speck-Fangemeinde“ – wie DIG-Vorsitzende Rita Schneider-Cartocci das Publikum bezeichnete – nicht: Über 150 begeisterte Leserinnen und Leser aus verschiedenen mittelhessischen Städten versammelten sich in der Hospitalkirche und freuten sich über die Lesung aus Specks letztem Roman „Villa Rivolta“.

Ein großes Publikum war auf „Villa Rivolta“ gespannt. (Foto: A. Riva/DIG)

„Villa Rivolta“ habe politische, historische, zeitgeschichtliche Bezüge, führte Moderator Jörg Braunsdorf die Lesung ein. Die Geschichte spielt nämlich in Mailand in den Sechziger und Siebziger Jahren, einer Zeit voller Veränderungen in der damaligen italienischen Gesellschaft, und basiert auf wahren Begebenheiten der Familie des Automobilunternehmers Renzo Rivolta. Speck kam zum Stoff für dieses Buch durch ein Treffen mit Piero Rivolta, dem Sohn von Renzo, auf einem Oldtimer-Event 2016. Piero erzählte ihm viele Episoden seines Lebens und der Schriftsteller sah nicht nur die Geschichte der Familie Rivolta, sondern die Geschichte Italiens der Sechziger und Siebziger Jahre – alles spannendes Material für einen neuen Roman.

Autor Daniel Speck (l.) und Moderator Jörg Braunsdorf (r.). (Foto: A. Riva/DIG)

Die Lesung fokussierte auf den drei Hauptcharakteren des 600-seitigen Romans, Piero Rivolta, Valeria und später Flavio, die aus drei verschiedenen Welten kommen. Piero ist der Sohn des Unternehmers und kennt eine Welt ohne Grenzen; Valeria ist die Tochter des Dienstmädchens bei den Rivoltas, sie gehört also der Welt der kleinen Leute und muss Verbote und Befehle ihrer Mutter respektieren. Piero und Valeria kennen sich seit der Kindheit, wachsen zusammen in der Villa auf, spielen zusammen, teilen Geheimnisse, werden zusammen zu jungen Erwachsenen mit Träumen und zwei unterschiedlichen Leben. Und dann erscheint Flavio, der Sohn eines sizilianischen Arbeiters, Student mit revolutionären Ansichten, der Marcuse liest und Valeria weist, dass sie aus Pieros Welt austreten muss. Das ist die Geschichte einer Freundschaft (vielleicht einer Liebe?), die in der Zerrissenheit von Valeria und ihrem Wunsch auf Emanzipation die Umstrukturierung der Gesellschaft in jenen Jahren zeigt.

Ob Villa Rivolta ein Spiegelbild des Italiens der Nachkriegszeit sei, fragte Braunsdorf den Autor. Die Villa und die ganze Anlage, wo auch die Fabrik sich befindet, stellen ein Mikrokosmos der italienischen Gesellschaft der Sechziger und Siebziger Jahre dar, und zwar die obere und die untere Schicht. Er will erzählen, wie diese Ordnung umstrukturiert wurde. Die Villa und insbesondere der Garten sind ein Ort, der unberührt bleibt und sich nicht verändert, wo die Zeit stehen geblieben ist und an den die Figuren immer wieder zurückkehren können.

In diesem Garten findet auch die letzte Szene des Buches statt, in der Piero, Valeria, Flavio und noch die Freundin Lele zusammensitzen und Weihnachten zusammen feiern, obwohl sie ganz unterschiedliche politische Überzeugungen und soziale Herkunft haben. Und diese Szene, die im Jahr 1967 spielt, rege eine ganz aktuelle Überlegung an, so Speck: Wir leben auch in einer aufgewühlten, politisch geprägten Zeit, aber können wir mit Menschen und Freunden anderer Überzeugungen und mit anderen Lebensstilen friedlich zusammen sitzen und diese Unterschiede akzeptieren, statt uns gegenseitig anzugreifen?

Im Roman kommen selbstverständlich auch die Autos und die Ikonen Mailands in den goldenen Jahren vor. Die Firma Rivolta hat Kühlschränke und Motorroller bis zu den berühmten Autos ISO-Rivolta hergestellt, die zusammen mit den Marken Vespa und Olivetti Wahrzeichen des Italiens der Sechziger und Siebziger Jahre waren. Das italienische Kino, große Leidenschaft von Daniel Speck, der selbst Kinogeschichte in Rom studiert hat, spielt auch eine Rolle, da die Figuren oft ins Kino gehen. Die politischen Bewegungen der Zeit sind auch immer im Hintergrund. Man merkt also, dass es dem Schriftsteller tatsächlich gelungen ist, neben der Familiensage eine kleine Geschichte Italiens der Nachkriegszeit zu schreiben.

Daniel Speck las lebhaft und mitreißend mehrere Passagen, die die Themen ansprachen und die Figuren leben ließen, und begleitete seine Lektüre und Anmerkungen mit einer Fotopräsentation, die auch visuell die Zuhörer in die Welt der Siebziger Jahren brachte und den Bezug des Romans zur zeitgeschichtlichen Realität verdeutlichte: Fotos von Villa Rivolta, ihrem Garten und ihren Innenräumen, Bilder aus Filmen der Epoche, Fotos der Autos ISO-Rivolta und der damaligen Mailänder Mode…

Daniel Speck signiert zahlreiche Exemplare von seinem Roman. (Foto: A. Riva/DIG)

Nach der Lesung bekam man Lust, in die Welt von Piero und Valeria einzutauchen und ihre ganze Geschichte zu erfahren. Das merkte man auch am Büchertisch, wo der Autor viele Exemplare von „Villa Rivolta“ signierte. Und die gute Nachricht ist: Speck hat angekündigt, dass es eine Fortsetzung geben wird!