Nachrichten für alle

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Die Inklusiv-Reporter*innen „Die Normalos“ waren zu Gast in einer von Redakteur Kays Al-Khanak (3. von rechts) geleiteten Übung für Journalismus-Studierende der JLU.

Übung zu Berichterstattung in Einfacher Sprache: Inklusiv-Reporter der Lebenshilfe Gießen tauschen sich mit Studierenden der Fachjournalistik Geschichte aus

Gießen (-). Wachsender Rechtsruck in der Gesellschaft, Ukraine-Krieg oder Israel-Konflikt: Täglich werden Menschen in den Nachrichten über aktuelle Ereignisse, das Weltgeschehen oder auch regionale Themen informiert. Doch die Texte in Zeitungen, Internet und Fernsehen sind nicht für alle gut und umfassend zu verstehen. Studien zufolge haben fast 40 Prozent aller in Deutschland lebenden Menschen Probleme, Texten in Alltagssprache zu folgen. Sie sind somit auch von der klassischen Berichterstattung in den Medien ausgeschlossen. Hiermit beschäftigt sich nun eine Übung für Studierende der Fachjournalistik Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU). In dem Blockseminar verfassen und veröffentlichen die angehenden Journalist*innen Berichte in Einfacher und Leichter Sprache, um so zum Beispiel auch Menschen mit Lernbehinderung abzuholen. Für einen entsprechenden Austausch waren die Inklusiv-Reporter*innen der Lebenshilfe Gießen – „Die Normalos“ – mit Redaktionsleiterin Jasmin Mosel zu Gast in der Lehrveranstaltung.

Mit Einfacher und Leichter Sprache sollen Informationen bestenfalls für alle Menschen zugänglich und verständlich gemacht werden, um selbstbestimmt in allen Lebensbereichen teilhaben zu können – darum geht in der journalistischen Übung „Empowerment durch Einfachheit“ in Zusammenarbeit mit dem Büro für Integration der Stadt Gießen. „Gerade in einer Zeit, in der populistische Bewegungen vorgeben, mit einfachen Lösungen komplexen Problemen begegnen zu können, ist das von großer Bedeutung“, macht Redakteur Kays Al-Khanak deutlich, der die Übung leitet. „Wir versuchen einzuüben, wie komplizierte Themen einfach ausgedrückt werden können.“ Vorab sprachen die Studierenden mit Einwanderern, um zu erfahren, welche Themen in Stadt und Region für Nicht-Muttersprachler*innen interessant sind und wie diese vermittelt werden können. „Die Normalos“ gaben dann einen Einblick in die Arbeit der inklusiven Social-Media-Redaktion und beantworteten die Fragen der Studierenden nach Interessensschwerpunkten, Möglichkeiten der Information sowie Wünschen an die regionale und überregionale Berichterstattung.

„Es ist sehr schade, dass ich als erwachsener Mensch auf Kindernachrichten zurückgreifen muss“, merkt Katharina Volz an. Als Mensch mit Lernbehinderung verstehe sie „klassische Nachrichten“ oftmals nur teilweise oder sogar gar nicht. Auch Inklusiv-Reporter Philipp Noack sagt: „Gerade bei überregionalen Zeitungen bin ich raus.“ Insbesondere Wirtschaftsthemen findet er schwierig. „Ich würde mir wünschen, dass darüber verständlicher berichtet wird.“ Auf regionaler Ebene interessiert sich der 26-Jährige etwa für Sport und Kulturtermine, diese seien mitunter allerdings schwierig zu finden. Vor allem das Thema Inklusion vermissen „Die Normalos“ in der journalistischen Berichterstattung. „Das müsste viel häufiger in den Medien sein“, findet Daniel Tabert – besonders, weil potenziell jeder Mensch von Behinderung betroffen sei. Daher sei es wichtig, die Teilhabe behinderter Menschen als Menschenrecht zu stärken und fehlende Inklusion sichtbar zu machen. „Wer soll uns denn verstehen, wenn niemand zuhört?“, fasst Tabert zusammen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass Journalist*innen mit Behinderung in den Redaktionen noch immer stark unterrepräsentiert sind.

Mehr zur Arbeit der inklusiven Social-Media-Redaktion „Die Normalos“ gibt es auf www.lebenshilfe-giessen.de und auf Instagram (normalos.inklusivreporter).

Lebenshilfe Gießen
Die Lebenshilfe Gießen e.V. ist ein gemeinnütziges Unternehmen und begleitet über 3000 Menschen mit und ohne Behinderung in ein selbstbestimmtes Leben.