Starkes Signal für die Demokratie: 1.800 Menschen bei Kundgebung „Wettenberg bleibt bunt“

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Trotz Regen starke Beteiligung bei der Kundgebung

Am Sonntag gingen fast zweitausend Menschen in Wettenberg auf die Straße, um für eine bunte Gesellschaft einzutreten und ein Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen.

Die Ende Januar ins Leben gerufene Initiative »Wettenberg bleibt bunt« hatte zur Kundgebung eingeladen und dazu aufgerufen, Position zu beziehen und deutlich zu machen, dass die Menschen in Krofdorf-Gleiberg, Launsbach und Wißmar unmissverständlich zur Demokratie stehen.

Das kam in einem vielfältigen Programm von engagierten Wettenberger Bürgerinnen und Bürgern zum Ausdruck. Zu Beginn stimmte Sängerin Nora Schmidt, begleitet von Thomas Bernsdorff mit „Imagine“ und „No, Woman, no cry“ auf die Veranstaltung ein.

Es begrüßte Initiator Lorenz Schirmer und leitete zu einem Grußwort von Bürgermeister Marc Nees über.

Schirmer sprach in seiner Rede wichtige Punkte an, die viele Menschen derzeit bewegen. „Jetzt sagen manche, so schlimm wird es schon nicht werden. Lass die doch mal machen. Aber genau das hat 1933 auch nicht funktioniert, binnen zwei Monaten war die Demokratie abgeschafft“, sagte Schirmer. Sein Schluss daraus „Man koaliert nicht mit Faschisten“. Er verwies auf das Grundgesetz, das in diesem Jahr 75 Jahre wird und aus der Erfahrung entstanden sei als Antwort auf die Naziherrschaft. Menschenrechte wie die Würde des Menschen entstünden nach Eleanor Roosevelt „In kleinen Orten, ganz in der Nähe – so nah und so klein, dass die Orte auf keiner Landkarte der Welt gesehen werden können. Dennoch bedeuten sie die Welt für jede einzelne Person: die Nachbarschaft, in der wir leben; die Schule oder Hochschule, die wir besuchen; die Fabrik, der Bauernhof oder das Büro, wo wir arbeiten.“

Wichtig war Schirmer zudem, deutlich zu machen, dass aus antidemokratischen Worten Taten entstehen, Walter Lübke, Hanau. Sehr beeindruckt habe ihn in diesem Zusammenhang das Engagement von Serpil Temiz Unvar. Die Mutter des Hanau Opfers Ferhat sei trotz allem geblieben und habe eine Initiative im Namen ihres Sohnes gegründet, um das friedliche Zusammenleben zu fördern. „Sie hat sich für den Mut und die Liebe entschieden“, so Schirmer.

Darüber hinaus betonte Schirmer, die Kundgebung könne nur der Anfang sein: „Der Schutz unserer Demokratie ist ein Marathon.“ Er dankte allen Teilnehmern der Kundgebung für das starke Signal und forderte sie auf, sich für die demokratische Idee zu engagieren in Initiativen, Vereinen und Parteien. Er dankte zudem allen rund 60 Unterstützern der Initiative „Wettenberg bleibt bunt“ und allen engagierten Helfern. „Es ist sehr beeindruckend, was da innerhalb kürzester Zeit auf die Beine gestellt wurde. Es scheint einfach viele zu bewegen, was gerade in unserem Land passiert.“

Lorenz Schirmer begrüßt die Teilnehmer/innen der Kundgebung

Es wurde emotional auf Bühne, als die Wettenberger Musiker Edwin Borg und Günter Kaufmann passende Lieder von Soffie (Im Frühling) und Konstantin Wecker (Sag Nein) anstimmten.

Edwin Borg und Günter Kaufmann mit emotionalem Liedvortrag

Ein sehr emotionaler Moment war auch die erbetene Schweigeminute. Denn ursprünglich wollten im Rahmen der Kundgebung zwei Wettenberger Bürgerinnen und Bürger mit ihrer individuellen Einwanderungsgeschichte über ihre Gefühle und Gedanken in der aktuellen Situation sprechen. Beide haben aber dann aus persönlichen Gründen entschieden, dies nicht öffentlich zu tun. Diese Lücke wollten die Initiatoren von „Wettenberg bleibt bunt“, sichtbar und spürbar machen mit diesem Moment des Innehaltens.

Alle Generationen und Bürgerinnen und Bürger aller Ortsteile brachten sich sehr engagiert und in vielfältiger Weise ein. So sprach Abiturient Leo Kunz vor allem seine Generation an. Wichtig sei es in der aktuellen Situation zu differenzieren: “Die richtigsten Informationen sind die langweiligsten und die spannendsten Informationen sind die falschesten“, sagte Kunz. Er rief Eltern und Großeltern dazu auf, ihre Erlebnisse zu teilen. „Nicht drüber reden führt zu schweigen. Und wieder einmal zeigt uns unsere Geschichte, was schweigen verursacht. Vor allem, dass es schneller geht als man denkt…“ Sein Statement an seine Generation: „Überlasst den Rechten hier im Land nicht eure Stimme!!!! Eure Stimme ist so viel wert! Unsere Freiheit steht so wie damals auf dem Spiel. Wir haben was zu verlieren!“

Sandra Sudler warf die Frage auf, in welchem Wettenberg die Menschen eigentlich leben wollen: In einem Ort, der eher trennt oder verbindet? Für sie als „Zugezogene“ gehe es darum, dass für jeden von uns Heimat vor allem eine Beziehung sei, eine Beziehung zwischen einem Menschen und einem Ort. Für viele sei Wettenberg zum Beispiel der Ort, in dem sie geboren wurden, wo sie frühe Erlebnisse hatten, die sie prägten und zu dem machten, was sie heute sind. Ganz oft werde der Begriff Heimat deshalb mit der Kindheit verbunden. „Er kann aber noch viel mehr sein, nämlich ein Synonym für ein ganz persönliches Geborgenheitsempfinden. Heimat gibt also Sicherheit, Stabilität und Stärke. Sie bedeutet Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit, Gemeinschaft und Solidarität.”, so Sudler.

Sandra Sudler betonte, dass Heimat Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit, Gemeinschaft und Solidarität bedeutet – und zwar für alle im Ort Lebende.

Nach dem gemeinsamen Lied von den Toten Hosen (Willkommen in Deutschland) kam Musiker Andi Jung auf die Bühne und schloss die Veranstaltung mit seinem Beitrag ab. Denn keiner braucht nach der Botschaft der Initiative eine Alternative für Freiheit und Vielfalt.