27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus: Erinnerung an Karl Steinmüller

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Jehovas Zeugen wurden direkt ab 1933 von den Nationalsozialisten mit unnachsichtiger Härte verfolgt. Auch Karl Steinmüller aus Fellingshausen gehörte zu den eher unbekannten Widerständlern der menschenverachtenden NS-Ideologie. Er überlebte knapp acht Jahre Zwangsarbeit im Konzentrationslager Buchenwald.

Der 27. Januar ist als Gedenktag den Opfern des Nationalsozialismus gewidmet. Damals wurden unzählige Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer politischen Haltung, ihres Lebenskonzepts und nicht zuletzt aufgrund ihres Glaubens grausam verfolgt und hingerichtet. Aktuelle Ereignisse machen deutlich, dass die Erinnerung an diese Brutalität wichtiger denn je ist. Unter den fast vergessenen Opfern befindet sich auch Karl Steinmüller aus Fellingshausen. Wie schaffte er es, angesichts der menschenunwürdigen Haftbedingungen knapp acht Jahre Zwangsarbeit im Konzentrationslager Buchenwald zu überleben?

„Nicht in der NSDAP und keine strafbare Handlung“
Karl Steinmüller wird am 27. September 1882 in Fellingshausen geboren und wohnt zusammen mit seiner Ehefrau Karoline und ihren vier Kindern in der Helenenstraße 9. Er arbeitet als Bergmann bei der Firma Stumm in Rodheim-Bieber und ist ein guter, eher unscheinbarer Bürger und Nachbar. Er führt ein durch und durch normales Leben. Doch in einer Sache unterscheidet er sich deutlich von seinem damaligen Umfeld: Er lehnt die menschenverachtende NS-Ideologie als überzeugter Zeuge Jehovas ab, da sie sich aus seiner Sicht nicht mit christlichen Werten vereinbaren lässt. So verwundert es nicht, dass auf einer Karteikarte über Karl Steinmüller steht: „Nicht in der NSDAP und keine strafbare Handlung“.

Häftlingsnummer 1238 mit Lila Winkel
Diese starke innere Haltung führt dazu, dass Karl Steinmüller am 26. November 1936 in Haft genommen wird. Am 2. November 1937 wird er mit der Häftlingsnummer 1238 in das Konzentrationslager Buchenwald überführt. An seiner Häftlingskleidung wird das typische Abzeichen für Jehovas Zeugen angebracht: der Lila Winkel. Gerade an diesem Abzeichen erkennen sich die Häftlinge und helfen sich gegenseitig, wo es geht. Dieser Zusammenhalt trotz menschenunwürdigen Haftzustände, Folter und Zwangsarbeit bis zur absoluten Erschöpfung hilft Karl, die acht Jahre in Buchenwald zu überleben. Am 5.Mai 1945 wird das Konzentrationslager Buchenwald von den Alliierten befreit. Auch Karl Steinmüller kommt endlich wieder frei und wird mit seiner Familie vereint.

Wichtige Erinnerung
Karl Steinmüller steht stellvertretend für tausende mutige Menschen, die sich und ihren Überzeugungen trotz enormen Drucks eines totalitären Regimes treu blieben. Der 27. Januar ist ein wichtiger Gedenktag, da Antisemitismus sowie Hass und Diskriminierung gegen religiöse Minderheiten leider nicht mit dem NS-Regime untergingen. Tatsächlich steigt die Anzahl an Hass-Taten auch hierzulande besorgniserregend. Jehovas Zeugen sind davon nicht ausgenommen. Die Erinnerung des 27. Januars stellt ein besonderes Mahnmal gegen diese Art religiöser Intoleranz dar und sollte jeden an die Inschrift des Monuments der KZ-Gedenkstätte Dachau erinnern: „Nie wieder.“

Infokasten

Obwohl Jehovas Zeugen schon immer politisch neutral waren und damit für keine Regierung eine Gefahr darstellen, wurden sie oft Zielscheibe von totalitären Regimes. Von den circa 25000 Zeugen Jehovas, die 1933 in Deutschland lebten, wurde fast jeder Zweite von den Nationalsozialisten verfolgt. Europaweit wurden über 4 200 zu Zwangsarbeit in Konzentrationslagern verurteilt. Insgesamt kamen rund 1 800 zu Tode, davon wurden 282 aufgrund von Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen hingerichtet. Unter der SED-Diktatur litten ab 1950 über 6 000 Zeugen Jehovas unter direkter Verfolgung., 65 verloren ihr Leben durch SBZ- oder SED-Haft. Seit 2016 sind Jehovas Zeugen in Russland wieder verboten, 113 sitzen dort derzeit aufgrund ihrer Religionsausübung Haftstrafen ab (Stand Oktober 2023).