Fußgängerampeln gelten nicht für Radverkehr

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Alle verhalten sich korrekt: Der Fußgänger ist bei Grün losgegangen und darf bei Umspringen der Ampel auf Rot weitergehen, der Radfahrer darf noch fahren, weil die Rad-Ampel 20 Sekunden länger grün zeigt als die Fußgängerampel. Autos, die von gegenüber nach links abbiegen wollen, müssen dem Rad- und Fußverkehr beim Abbiegen Vorrang gewähren.

Eigentlich ist es einfach: Rote Ampel bedeutet anhalten, grüne Ampel bedeutet fahren. Doch beim Radverkehr wird es kompliziert, denn man muss auch noch wissen, welche Ampel gilt und bei Grün besteht beim Abbiegen generell keine freie Fahrt.

Es ist erst wenige Tage her: Ein Radfahrer fährt die Rodheimer Straße in Gießen stadtauswärts. An der Ecke Krofdorfer Straße wird ihm die Vorfahrt von einem aus Heuchelheim kommenden Autofahrer genommen, der nach links in die Krofdorfer Straße abgebogen ist. Statt einer Entschuldigung wird der Radfahrer wüst beschimpft, weil er angeblich bei Rot gefahren sei. Der Radfahrer ist empört, denn für ihn war das Radsignal eindeutig grün. Grund für den Konflikt war das Unwissen über die Verkehrsregeln: Der Autofahrer hat sich beim Linksabbiegen an den roten Fußgängersymbolen orientiert. Der Radfahrer hat sich hingegen an den grünen Radsymbolen orientiert, die für den Autofahrer nicht sichtbar vor der Kreuzung montiert sind. Die Fußgängerampel wird an der Stelle 20 Sekunden vor der Rad-Ampel rot.

Der ADFC weist anlässlich dieses beispielhaften Konfliktes auf die aktuellen Verkehrsregeln hin: Für Radverkehr gilt grundsätzlich die allgemeine „Autoampel“. Wenn man per Fahrrad auf Radverkehrsführungen unterwegs ist und wenn es ein Fahrradsymbol in der Ampel gibt, dann muss diese Fahrradampel beachtet werden. Dabei ist es nicht relevant, ob das Radsymbol vor oder hinter der zu querenden Straße steht und ob es in einer eigenen Ampel ist oder auf einem gemeinsamen Signalgeber mit Rad- und Fußgängersymbol. Reine Fußgängersignale gelten seit 2012 grundsätzlich nicht mehr für den Radverkehr – nicht einmal auf Fußwegen, die für Radverkehr freigegeben sind.

Entscheidend bei der Frage, ob Auto- oder Fahrradampel gilt, ist die Frage, was eine Radverkehrsführung ist. Diese Frage wird leider auch in der StVO nicht beantwortet. Ein Radweg, ein Radfahrstreifen oder ein gemeinsamer Geh- und Radweg dürften stets als Radverkehrsführung gelten. Schaut man sich die neuen Fahrradampeln auf den Fahrradstraßen des Anlagenrings an, so sind nach Ansicht der Stadt Gießen auch Fahrradstraßen eine Radverkehrsführung, so dass dort die Fahrradampeln – sofern vorhanden – zu beachten sind. Die gestrichelt markierten Radfahrer-Schutzstreifen, die es zum Beispiel in der Ludwigstraße bergauf gibt, sind hingegen Teil der Fahrbahn, so dass auf ihnen eigentlich keine Fahrradampel gilt. Die Stadt Gießen montiert an den Rad-Schutzstreifen dennoch oft Rad-Ampeln, damit der Radverkehr mit etwas Vorsprung grün bekommt, um Rechtsabbiegeunfälle zu vermeiden. Bei Rad-Schutzstreifen achtet die Stadt aber sehr genau darauf, dass diese nicht früher als die Ampeln für den Kfz-Verkehr rot zeigen, denn Unfälle wären zu erwarten, wenn der Radfahrer bei Rot anhalten würde, während der hinter ihm fahrende LKW noch Gas gibt, weil ihm weiterhin grün angezeigt wird.

Die beschriebenen Regeln wurden in den letzten 20 Jahren mehrfach angepasst. Früher galten für den Radverkehr in bestimmten Fällen noch die Fußgängerampeln. Grund für die Änderungen war zum einen, dass 1998 die allgemeine Radwegebenutzungspflicht aufgehoben wurde. Radverkehr soll seitdem im Regelfall frei wählen, ob er mit den Kfz auf der Fahrbahn oder auf dem Radweg fahren möchte. Hier wäre es nicht sinnvoll, wenn für den Radverkehr auf der Fahrbahn die oft früher auf Rot springende Fahrrad- oder Fußgängerampel gelten würde, während von hinten kommende Autos noch grün hätten. Zum anderen ist es nicht sinnvoll, dem Radverkehr zusammen mit dem Fußgängerverkehr rot zu geben, weil der Radverkehr eine Kreuzung schneller räumen kann als ein Fußgänger. Eine auf Rot umspringende Fußgängerampel heißt nicht, dass Fußgänger sofort stoppen müssen, sondern sie können noch ganz in Ruhe ihre Querung fortsetzen, um auf die andere Seite der Straße zu kommen. In dieser „Räumzeit“ kommt noch kein Querverkehr und paralleler Auto- und Radverkehr kann dann noch einige Zeit lang grün haben.