Gemischte Teams im Hessischen Fußball – Die Bunte Liga Gießen

295

Seit ihrer Gründung 2006 organisiert sich die Bunte Liga Gießen selbst. Das heißt, dass Teams bestehend aus bis zu 6 Leuten sich regelmäßig verabreden, um für 2×30 Minuten auf den Bolzplätzen der Stadt gegeneinander zu spielen. Anschließend werden die Spielberichte und -ergebnisse auf der Internetseite eingetragen und veröffentlicht. Dabei wird kein Schiri benötigt, denn das oberste Gebot lautet: Fairplay vor Ehrgeiz! Neuigkeiten werden über die gängigen sozialen Medien verbreitet.

Der Name der Liga ist Programm. Es handelt sich in jeder Hinsicht um eine Bunte Liga, denn Leute jeder Herkunft, jedes Glaubens, jedes Geschlechts und jeder sexuellen Orientierung sind willkommen. Und nicht nur in Gießen wird der Sport als verbindendes Element verstanden. Ob in Marburg, Köln, Freiburg oder Berlin: Das Prinzip Bunte Liga findet sich in vielen Städten wieder und bietet seit geraumer Zeit eine Alternative zum in Landesverbänden organsierten Vereinsfußball.

Vorsichtig optimistisch war die Organisationsgruppe der Bunten Liga Gießen, als sie hörte, dass es vom Hessischen Fußballverband für 48 Monate erlaubt wurde, dass Frauen auf Antrag am Wettbewerb des Männersports teilnehmen dürften. Was viele nicht wissen: Auch vorher durften Frauen in Hessens Männermannschaften spielen – jedoch lediglich außer Konkurrenz. Nun dürfen Frauen bis zur Hessenliga, also der 5. Liga, mitmischen.

Bei der Neuregelung bleiben jedoch einige Fragen offen. Warum handelt es sich um ein auf 48 Monate beschränktes Pilotprojekt? Warum müssen Frauen einen Antrag stellen, um am Männersport teilnehmen zu können? Wird das Projekt wissenschaftlich betreut, um seine Auswirkungen auf den Hessischen Fußball zu ermitteln? Stellt der HFV finanzielle Mittel zur Verfügung, um für die Frauen ein würdevolles Umziehen und Duschen zu gewährleisten? Gibt es auch Bestrebungen, Personen, die nicht den beiden dominanten Geschlechtern zuzuordnen sind, den Zugang zum Sport zu ermöglichen?

Bei all den offenen Punkten sieht die Organisationsgruppe der Bunten Liga Gießen in der Neuregelung einen ersten Schritt in die richtige Richtung und hofft, dass der HFV nach den 48 Monaten ein positives Resümee ziehen kann.

Innerhalb der Bunten Liga Gießen hat es eine Befragung der Frauen zu dem Thema gegeben. Wir möchten nun einigen Stimmen Gehör verleihen:

“Ich habe selbst, bis ich 16 war, mit Jungs zusammen Fußball gespielt und finde diese Regelung super. Sie gibt Frauen die Möglichkeit, ihren Sport im gewohnten Umfeld weiter zu betreiben – wenn sie beispielsweise bis zur B-Jugend sowieso schon im selben Verein gespielt haben. Auch nimmt es vielleicht der ein oder anderen Spielerin eine lange Fahrtstrecke ab, die teilweise dazu führt, dass man das Hobby durch andere private Verpflichtungen nicht mehr so ausüben kann, wie man es gerne tun würde. Ich kann mir gut vorstellen, dass tendenziell eher mehr Spielerinnen in Vereine eintreten. Klar ist aber auch, dass es vor allem in der Anfangszeit auch ein gewisses Maß an Rücksichtnahme seitens der Männer geben muss oder diese zumindest sensibilisiert werden sollten. In der Bunten Liga habe ich mit diesem Thema aber überwiegend positive Erfahrungen gemacht und bin daher guter Dinge, dass es auch im Vereinsfußball funktionieren kann.”

“Ich denke, dass es eine absolute Bereicherung für den Männerfußball sein wird. Ich hatte in meiner Jugendzeit und in der Bunten Liga bei Männern gespielt. Beide Teams haben von meinem Einsatz profitiert. Es gibt dem Charakter des Spiels, dem Spielwitz eine ganz neue Richtung und fördert den Charakter und die Flexibilität der Beteiligten.”

“Ich bin zusammen mit drei Jungs, einem Bruder und zwei Cousins, aufgewachsen und hab immer schon Fußball mit Jungs beziehungsweise später auch mit Männern gespielt. Ich fand es vor allem körperlich immer deutlich fordernder als mit Frauen und teilweise von der Spielqualität her besser. Da ich recht ehrgeizig bin, hat mir das immer sehr viel Spaß gemacht und deswegen spiel’ ich ja auch in der Bunten Liga, mit Männern ist der Sport einfach anders als mit Frauen.”

“Allgemein finde ich es cool, wenn im Vereinssport nicht immer strikt zwischen Frauen und Männern differenziert wird. Ich finde, jeder Mensch sollte spielen, wie und worauf er Bock hat. Und ob gemischt oder reine Frauen- oder Männermannschaft sei den Menschen selbst überlassen. Dass die neue Regelung Auswirkungen auf die Bunte Liga haben wird, kann ich mir nicht vorstellen.”

“Nein, ich glaube nicht, dass die neue Regelung irgendwelche Auswirkungen auf die Bunte Liga geben wird. Ich kann mir vorstellen, dass man sich die neuen Regeln des Hessischen Fußballs dazu anschauen wird und mit denen der Bunten Liga vergleicht (wie darf man wechseln, o. Ä.). Vielleicht wird man ja einige übernehmen.”

“Ich denke, dass es auch in Hessen bei Einzelfällen bleiben dürfte, weshalb es keine größeren Auswirkungen auf den hessischen Fußball geben dürfte. Auch rechne ich mit keinerlei nennenswerten Auswirkungen auf die Bunte Liga, da die Unterschiede zum Verbandsfußball bestehen bleiben: kein Schiri, kleinere Feldgröße usw. Ich persönlich würde weiterhin lieber in der Bunten Liga mit Männern zusammenspielen als im Verein.”