Inklusives Kunstprojekt: Ergebnisse der Workshop-Woche präsentiert

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In den fünf Workshops wurden Menschen mit Behinderung gemeinsam mit Studierenden künstlerisch aktiv. Es sind ganz verschiedene Arbeiten entstanden. Foto: Lebenshilfe Gießen

Bunter Abschluss der Akademie23

Gießen (-). Plötzlich wird das gewohnte Bild einfach umgedreht: Die Zuschauer*innen finden sich – völlig unvorbereitet – im Lichtkegel auf der Theaterbühne wieder. Dort, wo eigentlich das Publikum sitzt, haben die Schauspieler*innen Platz genommen und kommentieren das Geschehen wahlweise mit frenetischem Applaus, Buh-Rufen, Fan-Gesängen oder gelangweiltem Gähnen. Mittendrin im Performance-Kunstwerk ist das Publikum auch bei der anschließenden Prozession von der Probebühne im Schiffenberger Tal zum Institut für Kunstpädagogik an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU), wo nach Ringvorlesungs-Reihe und Workshop-Woche der Abschluss der Akademie23 gefeiert wurde. Der Auftakt hierzu hätte kaum passender ausfallen können, stand die inklusive und interdisziplinäre Sommerakademie doch unter dem Motto „Vom Vorzug unerwarteter Ereignisse“. Welche Kunstwerke im Rahmen der Kooperation des Atelier23 der Lebenshilfe Gießen, der JLU sowie der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig entstehen würden, war freilich nicht vorherzusehen. Im Fokus stand der Austausch zwischen Menschen mit Behinderung und Studierenden – mit dem Ziel, Inklusion in der Kunst weiter zu fördern sowie neue künstlerische Erfahrungen zu sammeln.

Neben dem Atelier23 und weiteren Einrichtungen der Lebenshilfe Gießen kommen die Künstler*innen mit Beeinträchtigung aus den inklusiven Ateliers Geyso20 (Braunschweig), Schlumper (Hamburg), Kaethe:k (Pulheim), Idyllerei (Kunstraum Nürnberg) sowie dem Theater Thikwa aus Berlin. In fünf parallel abgehaltenen Workshops beschäftigten sie sich gemeinsam mit Studierenden der Kunstpädagogik und der Angewandten Theaterwissenschaft mit verschiedenen Kunstrichtungen: Malerei (Leitung Prof. Martin Schepers und Annette Hasselbeck), Fotografie (Jörg Wagner und Annette Hauschild), Zeichnung und Collage (Lotte Meret Effinger und Yannick Nuss), Skulptur und Plastik (Max Brück und Markus Zimmermann) sowie Performance (Sahar Rahimi und Björn Auftrag). Die Herausforderung lag in allen Bereichen darin, Teilnehmende mit unterschiedlichen Kenntnissen und Expertise zusammenzuzubringen. „Auf jedes einzelne Werk, jede einzelne Vorerfahrung wurde mit Empathie und Fachwissen eingegangen“, verdeutlicht Felix Lachmann vom Atelier23. Dass dies nicht nur gelungen ist, sondern darüber hinaus auch Freundschaften entstanden sind, zeigten am Abschlussabend die vielen strahlenden Gesichter. Den Hintergrund der Akademie23 bringt der Berliner Schauspieler Torsten Holzapfel aus dem Theater Thikwa auf den Punkt: „In der Gesellschaft herrscht noch immer ein Schubladendenken. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass es ein Miteinander auf Augenhöhe gibt, dass wir zusammenarbeiten können ohne die Kategorisierung in ‚normal‘ und ‚nicht normal‘. Wir sind alle gleich.“ JLU-Studentin Anna hat keine Berührungsängste. Sie sagt, dass Menschen mit Behinderung und Studierende gleichermaßen von dem Projekt profitierten. „Wir verstehen uns alle gut, sprechen viel über unsere Kunst und helfen einander – auf beiden Seiten.“

„Die Akademie23 war eine großartige Erfahrung. Wir nehmen alle ganz viel mit und sind hochmotiviert, Inklusion weiter voranzutreiben und solche Projekte immer wieder in Angriff zu nehmen“, resümiert Atelier23-Leiterin Andrea Lührig. Formate wie dieses seien ein „Zukunftsmodell“. Auch Prof. Martin Schepers (Institut für Kunstpädagogik, JLU) zieht ein durchweg positives Fazit: „Es war eine sehr bereichernde, sehr schöne Zeit. Die Woche ist unheimlich schnell vorbeigegangen und war angefüllt mit Eindrücken.“

Die ersten Planungen zur Akademie23 liegen bereits rund drei Jahre zurück. „Ich freue mich, nach dieser Zeit zu sehen, was aus dem Projekt geworden ist und welchen Mehrwert die Akademie23 durch die Zusammenarbeit von vielen unterschiedlichen Beteiligten gewonnen hat. Das ist Vielfalt im originären Wortsinn“, betont Ursel Seifert, Mitglied der Geschäftsführung der Lebenshilfe Gießen.

Die Akademie23 wurde von der Aktion Mensch gefördert. Für den Sommer 2024 ist eine abschließende Ausstellung der Ergebnisse geplant.

Bei der Theater-Performance war das Publikum mittendrin.
Foto: Lebenshilfe Gießen
Felix Lachmann (Atelier23), Prof. Martin Schepers (Institut für Kunstpädagogik, JLU) und Andrea Lührig (Leitung Atelier23) freuen sich über den gelungenen Abschluss der Workshops. Foto: Lebenshilfe Gießen
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Lebenshilfe Gießen
Die Lebenshilfe Gießen e.V. ist ein gemeinnütziges Unternehmen und begleitet über 3000 Menschen mit und ohne Behinderung in ein selbstbestimmtes Leben.