Deutsch-italienischer Lesemarathon zu Italo Calvino zum 100. Geburtstag des Autors gab Überblick über sein Leben und Werk

159
Grazia C. Caiati (am Pult) und DIG-Vorsitzende Rita Schneider-Cartocci (Mitte, Plakat haltend) mit LeserInnen und ZuhörerInnen vom Calvino-Lesemarathon. (Foto: A. Riva/DIG)

Nach der letzten Online-Ausgabe des jährlichen Lesemarathons konnte die beliebte literarische Veranstaltung dieses Jahr wieder in Präsenz stattfinden. Die Deutsch-Italienische Gesellschaft Mittelhessen e.V. freute sich, LeserInnen und ZuhörerInnen der Textauswahl vom bekannten Autor, Essayist und Intellektuellen Italo Calvino am Freitag, 10. März 2023, in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar willkommen zu heißen.

Nach Klassikern wie Dante, Boccaccio und Goethe sowie zeitgenössischen Literaten wie Umberto Eco und Elsa Morante war der Lesemarathon 2023 wieder einem Schriftsteller des 20. Jahrhunderts gewidmet. Italo Calvino wurde nämlich 1923 in Kuba geboren und sein Jubiläumsjahr wird in verschiedenen Veranstaltungen geehrt.

Die 1. Vorsitzende der DIG Mittelhessen e.V. Rita

DIG-Vorstandsmitglied und Moderatorin des Lesemarathons Grazia C. Caiati (l.) und DIG-Vorsitzende Rita Schneider-Cartocci (r.). (Foto: A. Riva/DIG)

Schneider-Cartocci begrüßte die Anwesenden und freute sich über das vielfältige Publikum, das aus Interessenten jeder Altersgruppe bestand, die sich als LeserInnen beteiligten oder als einfache ZuhörerInnen da waren. Sie bedankte sich insbesondere bei einer italienischen Freundin des Vereins, Frau Costanza Panebianco aus Kalabrien, die die TeilnehmerInnen mit den selbstgebackenen, für März typischen süditalienischen Süßigkeiten „Zeppole“ verwöhnte. Das Wort wurde dann DIG-Vorstandsmitglied Grazia C. Caiati, Moderatorin der Veranstaltung, übergeben, die sich als Literaturexpertin der DIG schon seit Jahren mit der Organisation der Lesemarathons beschäftigt.

Der Lesemarathon zu Italo Calvino war eine Initiative der VDIG Vereinigung Deutsch-Italienischer Kultur-Gesellschaften e.V. im Rahmen von – oli – omaggio alla lingua italiana/Wir lieben Italienisch und fand unter der Schirmherrschaft der Botschaft der Italienischen Republik Berlin statt. Er wurde von der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG und Mondadori unterstützt. Die wissenschaftliche Beratung übernahm Cesare De Marchi.

Der Ansatz war also sehr theoretisch, aber für die Veranstaltung wurden auch Auszüge aus Prosawerken Calvinos ausgewählt. Caiati bereicherte die Informationen über Leben und Werk des Autors durch eine abwechslungsreiche PowerPoint-Präsentation, in der sie bedeutende Etappen und Begriffe stichwortartig zeigte und die Werke Calvinos durch Bilder der Covers auch visuell darstellte.

Eine Kurzbiografie verdeutlichte die wichtigsten Momente des Lebens Calvinos, der in Kuba nur ein paar Jahre als kleines Kind lebte und dann nach Sanremo in Ligurien umzog. 1944 wurde er zu Partisan und in der Nachkriegszeit war er Mitglied der Italienischen Kommunistischen Partei (PCI) und schrieb für die Zeitung „L’Unità“. Er arbeitete für den Verlag Einaudi, bei dem auch viele seiner Werke erschienen sind. In den fünfziger Jahren entfernte sich Calvino von der Politik und widmete sich vollständig der Literatur. 1964 heiratete er die Übersetzerin Esther Singer. Ende der sechziger Jahre zog er mit seiner Familie nach Paris um und lebte dort viele Jahre, bis er 1980 nach Italien, nach Rom, zurückkam. Die Siebziger und die Achtziger waren sehr fruchtbare Jahre für ihn. 1985 starb er in der Nähe von Siena, kurz bevor er seine „Lezioni americane“ an der Universität Massachusetts halten konnte.

Mit einem Auszug aus „Il sentiero dei nidi di ragno” (1946) (Leserinnen: Schülerinnen der Goetheschule Wetzlar Emily Rampado aus Bozen und Laura Uhl) wurde das Engagement des Autors in der Resistenza verdeutlicht. Die komplette Widmung an der Literatur wurde durch die Lesung aus dem Essay „Il midollo del leone“ (1955) (Leserin: Laurin Geranio) präsentiert. Es folgte ein Text aus dem fantastischen Roman „Il barone rampante“ (1957) (Leserinnen: Heidelore Reuter, Dagmar Thum und Julia Hofer), der die Wichtigkeit des Lesens als Thema hatte, das auch im Essay „Cibernetica e fantasmi“ (1962) (Leserinnen: amtierende DIG-Jugendclubleiterin Lucia Hedrich und Grazia Caiati) über die „Berufung als Bücherwurm“ und den automatischen Prozess der Literatur, wo der Leser der Erfinder ist, zu finden ist.

Aus der letzten Schaffensphase Calvinos wurden noch Auszüge aus drei Werken vorgelesen: „Le città invisibili“ (1972) (Leserin: Karola Weil), in dem es um unwirkliche Städte geht und ein surrealer Dialog zwischen Kublai Kahn und Marco Polo stattfindet; „Se una notte d’inverno un viaggiatore“ (1979) (Leser: Michael Fasel und Robert Killenberger), ein Hyperroman mit einer Rahmenerzählung und zehn Romananfängen, unter denen sich ein Mann und eine Frau entscheiden sollen; „Palomar“ (1983) (Leserinnen: Dana Welters und Grazia Caiati), das weder ein Roman noch ein Essay ist, und Beschreibungen, Beobachtungen, Meditationen von Herrn Palomar, Alter Ego Calvinos, beinhaltet.

Durch die Auswahl der Texte auf Italienisch und Deutsch konnte man die Entwicklung Calvinos besser verstehen und eine Kostprobe seines nicht einfachen Stils mit langen Sätzen erleben. Die Abwechslung zwischen theoretischen Schreiben und Prosa machte die Veranstaltung kurzweilig.

Als Lesetipp empfahl Caiati „Marcovaldo“, zwanzig Erzählungen über einen Menschen in Turin, der auf der suche nach Kleinigkeiten, die das Leben schön machen, war.

Ein großes Dankeschön gilt allen Leserinnen und Lesern, die mit ihrer Stimme und Ausdrucksfähigkeit viel Leben und Vielfalt in Calvinos Texte eingebracht haben, und an Grazia Caiati für die organisatorische Arbeit und die Moderation.