Familie Abraham in Gießen unvergessen

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Meta Abraham und ihr Mann Max

Heidrun Helwig referierte im Oberhessischen Geschichtsverein

Zeitnah zum Gedenktag für die Opfer des Holocaust bot der Oberhessische Geschichtsverein einen Vortrag im Netanyasaal des Alten Schlosses über die Geschichte der jüdischen Familie Abraham an, die aus  Ehringshausen und Katzenfurt im Dilltal nach Gießen übersiedelte. Dr. Michael Breitbach als Vorsitzender des gastgebenden Vereins freute sich über zahlreiche Besucher und begrüßte diese und  die Referentin Heidrun Helwig M.A. herzlich.Helwig war lange als Redakteurin beim Gießener Anzeiger tätig  und ist jetzt in Heidelberg für die Öffentlichkeitsarbeit der Sinti und Roma zuständig  . Zudem ist sie weiterhin Lehrbeauftragte für Journalismus an der Gießener Universität und kann dank intensiver Studien als hervorragende Kennerin der Familiengeschichte der Abrahams gelten, hob Breitbach hervor.

Persönliche Bekanntschaft machte Helwig 2017 mit der in England lebenden Hildegard Abraham anlässlich der Verlegung von vier Stolpersteinen vor dem Haus Neustadt 31 zur Erinnerung an die ehemaligen Bewohner. Hildegard war  sehr daran gelegen, dass man sich in Gießen an ihre Vorfahren Adolf, seine Frau Clementine, seine Mutter Fanny und seinen Sohn Siegbert  erinnern werde. Ihr Hildegard gegebenes Versprechen löste Helwig  eindrucksvoll ein, wie ihre Publikationen und dieser Vortrag bewiesen. Sie zeigte im Detail auf, wie die Nazis die vier jüdischen Bewohner des damaligen Hauses schikanierten, peinigten und  vernichteten . An anderen Verwandten, nicht zuletzt dem Schicksal zweier Brüder von Adolf Abraham und ihren Familien ,  schilderte sie, wie diese auf unterschiedlichen Wegen nach Brasilien und in die USA auswandern konnten. Angesichts des Lebensweges von Adolfs Bruder Karl wies Helwig darauf hin, wie der für viele Juden damals häufige Beruf des Viehhändlers schon Ende 1933 nicht mehr ausgeübt werden konnte, weil Juden den Schlachthof nicht mehr betreten durften.

Tochter Meta und ihrem Mann Max gelang 1939 die Flucht nach Brasilien, wo sie allerdings nicht mehr den Lebensstandard vor dem Naziterror erreichten. Adolfs Bruder Karl wurde kurz vor der Reichspogromnacht als angeblicher Sozialist  nach Buchenwald verschleppt, kam aber wieder frei und konnte die Auswanderung in die USA , die schon geplant war, realisieren. Allerdings standen sie mit leeren Händen da, da ihre Gepäckkisten “verschwunden” waren. Ihr Sohn Fred zählte als US-Soldat zu den ersten, die das KZ Dachau befreiten und den grauenvollen Anblick von Eisenbahnwaggons mit hunderten Leichen ertragen mussten. Ausdrücklich würdigte die Referentin die Bemühungen Karls und des im Bankgewerbe tätigen Siegfried anderenFamilienmitglieder zur Ausreise zu verhelfen. Siegfried überlebte mit seiner Familie wie durch ein Wunder als “Austauschjuden” die Deportation nach Bergen- Belsen.

Keine Rettung gab es für Adolf, der als Kriegsfreiwilliger an die Front im 1. Weltkrieg kam, zweimal verwundet wurde , als Epileptiker aus dem Krieg zurückkehrte und 100 Prozent kriegsversehrt war.  Unsägliche Schikanen der Naziärzte machten aus dem Kriegsopfer einen “Simulanten”, der letztlich in Hadamar vergast wurde. Seine Mutter Fanny  wurde aus einem Bad Nauheimer Altenheim verschleppt und fand in Theresienstadt den Tod. Adolfs Frau Clementine und Sohn Siegbert wurden im besetzten Polen ermordet.

Ein Vortrag, der unter die Haut ging und deutlich machte, dass auch heute noch bestehender .Antisemitismus konsequent bekämpft werden sollte.  Text und Bild: Dr. Hans-Wolfgang Steffek M.A.