27. Januar: Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus: Auch Jehovas Zeugen von den Nazis verfolgt – Erinnerung an die Gießenerin Auguste Godglück

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Jehovas Zeugen wurden bereits ab 1933 von den Nationalsozialisten mit unnachsichtiger Härte verfolgt. Auch die Gießenerin Auguste Godglück gehört zu den eher unbekannten Opfern der menschenverachtenden NS-Ideologie

27.01.2023 – Obwohl Jehovas Zeugen schon immer politisch neutral waren und damit objektiv betrachtet für keine Regierung eine Gefahr darstellen, wurden sie oft Zielscheibe totalitärer Regime. Von den circa 25 000 Zeugen Jehovas, die 1933 in Deutschland lebten, wurde fast jeder Zweite von den Nationalsozialisten verfolgt. Insgesamt kamen europaweit rund 1 800 zu Tode. Eines von diesen Opfern war auch die Gießenerin Auguste Godglück.

Glückliche Anfänge
Auguste Marie Margarete Elisabeth kam am 11. Januar 1890 als Kind von August und Margarete Bock in Gießen zur Welt. Am 4. Juli 1925 heiratete die gelernte Schneiderin im Alter von 35 Jahren ihren Verlobten Albert Godglück. Das Ehepaar wohnte zunächst in Gießen und zog 1937 nach Leihgestern. 1940 mieteten sie ein kleines Häuschen in Krofdorf Gleiberg und bekamen zwei Kinder.

Widerstand gegen Hass
Jehovas Zeugen waren bereits direkt nach Hitlers Machtergreifung ein Störfaktor für sein nationalsozialistisches Regime. Sie lehnten die damit einhergehende unmenschliche Ideologie sowie Hasstaten entschieden ab, die in dieser Zeit besonders gegen Juden an der Tagesordnung waren. Darüber hinaus verweigerten sie den „Hitlergruß“. Brutale Hausdurchsuchungen, Schikanen sowie grausame Verhöre in den Einrichtungen der Gestapo wurden für viele alltäglich. Auch gegen Albert Godglück wurde bald ein Verfahren wegen „Vergehens gegen das Heimtückegesetz und wegen Beleidigung des Führers“ eingeleitet, das jedoch vorerst eingestellt wurde.

Verrat, Gefängnis und KZ
Im März 1941 zeigten Nachbarn das Ehepaar Godglück wegen „Abhören und Weiterverbreiten ausländischer Sender, Vergehen gegen die Rundfunkverordnung vom 1. September 1939“ an. Albert und Auguste wurden deshalb am 18. März festgenommen und befanden sich bis zum 3. Mai des gleichen Jahres dort in Untersuchungshaft. Doch schon knapp zwei Wochen später wurde Auguste in Gießen erneut festgenommen. Sie wurde dabei erwischt, wie sie mit anderen Gießenern über ihre christlichen Überzeugungen sprach und Bibeln verteilte. Bis zur Hauptverhandlung vor dem Sondergericht in Wetzlar am 10. November 1941, befand sich Auguste im Frauengefängnis Frankfurt/Main-Höchst. Ihr Mann Albert wurde zeitgleich als Verfügungsberechtigter über das Rundfunkgerät zu 18 Monaten Zuchthaus verurteilt und nach Verbüßung der Strafe am 15. September 1942 aus der Haft entlassen. Für das Hören von „Feindsendern“ wurde Auguste zu neun Monaten und für ihr Missionieren zu weiteren sechs Monaten Haft verurteilt. Das Gericht fällte schließlich das Urteil über eine Gesamtstrafe von einem Jahr Gefängnis. Anders als ihr Mann wurde Auguste nach Verbüßung der Strafe jedoch nicht entlassen, sondern der Gestapo Gießen übergeben. Aufgrund der verhängten Schutzhaft, wurde Auguste Godglück im Mai 1942 in das Konzentrationslager Ravensbrück bei Fürstenberg/Havel deportiert und am 23. Mai dort registriert. Sie erhielt die Häftlingsnummer 11103 und wurde der Kategorie „IBV“ („Internationale Bibelforscher Vereinigung“, wie Jehovas Zeugen früher genannt wurden) zugeordnet.

Unbeugsame Prinzipientreue, Befreiung und früher Tod
Auguste hätte die Möglichkeit gehabt, mit einer Unterschrift ihrem Glauben abzuschwören und so aus der Gefangenschaft freizukommen. Auf der Rückseite des letzten Briefes, den ihre Tochter Marga aus dem Konzentrationslager Ravensbrück erhielt, hieß es vonseiten des Lagerkommandanten: „Die Schutzhaftgefangene ist nach wie vor hartnäckige Bibelforscherin und weigert sich, von der Irrlehre der Bibelforscher abzulassen. Aus diesem Grunde ist ihr lediglich die Erleichterung, den sonst zulässigen Briefwechsel zu pflegen, genommen worden.“ Auguste blieb unbeugsam und hielt an ihren Idealen und Prinzipien fest, bis das Konzentrationslager Ravensbrück am 30. April 1945 von der roten Armee befreit wurde. Nach insgesamt fast viereinhalb Jahren Haft kehrte sie im Juni 1945 endlich nach Gießen zurück. Dort lebte Auguste mit ihrem Mann Albert in der Posener Str. 13: Doch die Folgen der jahrelangen Zwangsarbeit unter menschenunwürdigen Zuständen, grausamer Folter und Misshandlungen gingen nicht spurlos an ihr vorbei: Sie starb nach nur drei Jahren in Freiheit am 13. Oktober 1948 im Alter von 58 Jahren. Ihr Mann Albert folgte ihr nur drei Wochen später, am 6. November 1948, in den Tod.

Wichtige Erinnerung an mutigen Widerstand
Die Geschichte von Albert und Auguste Godglück ist nur eine von vielen noch unbekannten Geschichten von einfachen Menschen, die sich keiner menschenverachtenden Diktatur beugten. Der heutige internationale NS-Opfer Gedenktag bietet die Möglichkeit, die Erinnerung an diese Menschen aufrechtzuerhalten. Es ist ein wichtiges Gedenken, da Antisemitismus sowie Hass und Diskriminierung gegen religiöse Minderheiten leider nicht mit dem NS-Regime untergingen. In der DDR sowie in der gesamten Sowjetunion wurden Jehovas Zeugen auch nach 1945 weiterverfolgt. Tatsächlich sind sie seit 2017 in Russland wieder verboten; 98 sitzen dort derzeit aufgrund ihrer Religionsausübung Haftstrafen ab. Auch in unserem unmittelbaren europäischen Umfeld gibt es leider wieder diskriminierende Strömungen, die gegen Jehovas Zeugen vorgehen. Der heutige Gedenktag stellt ein besonderes Mahnmal gegen diese Art religiöser Intoleranz dar und sollte jeden an die Inschrift des Monuments der KZ-Gedenkstätte Dachau erinnern: „Nie wieder!“

Fotolegende:
Albert und Auguste Godglück um 1932 (Foto: privat)

5 Kommentare

  1. Da die Godglücks zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung in Krofdorf-Gleiberg wohnten, haben wir ihr Schicksal in unserer Broschüre zum lokalen Widerstand (http://stolpersteine-wettenberg.de/WuVWettenbergWeb.pdf) gewürdigt und ihre Biografie ausführlich dargestellt. Sie sind auch auf der Gedenktafel am Heimatmuseum in Krofdorf-Gleiberg (Inselstr. 1, Ecke Hauptstraße) aufgeführt.

    Das tapfere eintreten der “ernsthaften Bibelforscher” gegen Hitler, sie verweigerten den Hitlergruß, viele verweigerten als Pazifisten den Wehrdienst, ihre Flugblattaktion von 1936/37 zählte zu den breitesten Widerstandshandlungen, führte zu scharfen Verfolgungsmaßnahmen, die heute zumeist dem Vergessen preisgegeben sind.

    So wurde zum Beispiel der Bürgermeister von Fellingshausen, Georg Wagner 1937 in Schutzhaft genommen und dann in das KZ Lichtenberg verbracht, weil er den “Bibelforschern” nahe gestanden haben soll. Wagner war 1908 aus der Kirche ausgetreten und seit 1928 Bürgermeister. Die Nazis ließen ihn 1933 im Amt, weil er nach der Machtübernahme von Hitler in die NSDAP eingetreten war. 1936 wurde er dann in Folge von Verfolgungsmaßnahmen gegen die Zeugen Jehovas aus der NSDAP ausgeschlossen und abgesetzt. Nach einem Monat in Lichtenberg verschleppte man ihn in das KZ Buchenwald, wo er bis zur Befreiung über 8 Jahre eingesperrt war. Am 4. März 1950 starb Wagner, gesundheitlich zerüttet im Alter von 69 Jahren.

    @Martin Wagner: Ob Dein Vorschlag ausgerechnet in Gießen auf fruchtbaren Boden fällt, sehe ich skeptisch. da sei nur an die Provinzposse um Ria Deeg erinnert.

    • Sehr geehrter Herr Bender

      Ich teile durchaus Ihre Skepsis, dass die offizielle Gießener Politik sich dazu durchringen kann, ein ehrendes Gedenken Ihrer ehemaligen Bürgerin Auguste Godglück zu veranlassen.

      Da nach der Selbsteinschätzung die Religionsgemeinschaft politisch neutral sich versteht, war es meine Absicht auf die offiziellen Möglichkeiten hinzuweisen. Kann ja sein, dass die Gepflogenheiten in diesem Rahmen einfach nicht bekannt sind.

      Meines Erachtens ist es ein Versuch wert.

      Sollte dieser scheitern besteht ja dann immer noch die Chance im zivilgesellschaftlichen Raum sich Gehör und eventuell auch eine geeignete Gedenkform zu verschaffen.

  2. Vielen Dank für diesen sehr informativen Beitrag.

    Ich beziehe mich auf folgenden Absatz:

    “Wichtige Erinnerung an mutigen Widerstand
    Die Geschichte von Albert und Auguste Godglück ist nur eine von vielen noch unbekannten Geschichten von einfachen Menschen, die sich keiner menschenverachtenden Diktatur beugten. Der heutige internationale NS-Opfer Gedenktag bietet die Möglichkeit, die Erinnerung an diese Menschen aufrechtzuerhalten. Es ist ein wichtiges Gedenken, da Antisemitismus sowie Hass und Diskriminierung gegen religiöse Minderheiten leider nicht mit dem NS-Regime untergingen.”

    Als politisch links Stehender sind mir zwar die verschiedenen Opfergruppe (oft dargestellt bei der Auflistung der diversen Farben der Winkel an den KZ-Kleidungen) zwar bekannt, aber – da auch zahlenmäßig die “Politischen” überwiegten – so manche Gruppe wurde vergessen. Zum Glück ändert sich das in den letzten Jahrzehnten.

    Ich finde es gut, wenn die Religionsgemeinschaft auch offiziell bei den städtischen Gremien um eine geeignete Erinnerung an ihre Gießener Opfer bittet.

    Ich finde das würde am besten in der Form sein, dass das Parlament in einem überfraktionellen Antrag der Verwaltung ein möglichst genaue Handlungsvorgabe macht. Sich nur an die Verwaltung zu richten ist in meinen Augen nicht korrekt (die Macht geht vom Volke – also hier von seinen Vertretern – und nicht von der Verwaltung – aus). Sich nur an eine Fraktion zu wenden ist kontraproduktiv, da ich denke, dass (vielleicht außer einer bestimmten Fraktion) da alle Fraktionen zustimmen können.