Mortimers Weihnachtswunsch

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[CP_CALCULATED_FIELDS_VAR name=””]Mortimer saß teilnahmslos in seinem Rollstuhl und starrte hinaus ins Dunkel. “Trinken Sie doch bitte Ihren Tee, Mortimer”, drang es freundlich an sein Ohr. Es war die Nachtschwester, die, wie jeden Abend, in dem vornehmen Altenwohnheim nach dem Rechten sah. “Mr. Brewster, so trinken Sie doch Ihren Tee. Er ist doch schon ganz kalt.” Ihre Stimme klang weich und zart. Behutsam legte sie von hinten die Hände auf seine Schultern und beugte sich ein wenig an die grauen Schläfen des alten Mannes. Vorsichtig zog sie die weinrot karierte Decke, die auf seinen Beinen lag, nach oben. “Lassen Sie nur, Helen. Ich mag heute keinen Tee.” Seine Stimme klang monoton. Er wirkte abwesend, starrte unentwegt in das kalte und verschneite Dunkel, als ob er auf etwas warten würde, was nicht kommen würde.

Lange war es nun schon her, zu lange. Er konnte sich nicht mehr richtig daran erinnern. Waren es vier oder fünf Jahre, seit ihn Henry hierher brachte. Henry, sein Sohn, hatte damals beschlossen, ihn nach St. Quentin zu bringen. Ein sehr vornehmer und renommierter Altersruhesitz für vermögende ältere Menschen, unweit von London. “Vater, Du bist hier ganz in unserer Nähe, nicht mal eine Stunde von uns mit dem Auto entfernt. Wir besuchen Dich so oft es geht. Du wirst sehen, es wird Dir dort gefallen.” Das waren die Worte seines Sohnes. Seit er ihn St. Quentin untergebracht war, besuchte ihn Henry zweimal im Jahr. Das erste Mal an Mortimers Geburtstag und das zweite Mal am zweiten Weihnachtsfeiertag. Die anderen dreihundertdreiundsechzig Tage des Jahres beschäftigte sich Mortimer in der Seniorengruppe. Im vergangenen Jahr musste er die Gruppe wechseln, da er mittlerweile achtzig Jahre alt war und ab diesem Alter musste er in eine andere Gruppe. So waren schließlich die Regeln.

Er konnte sich über St. Quentin nicht beschweren. Er hatte ein schönes und geräumiges Zimmer. Es gab vier Mahlzeiten am Tag. Er konnte in dem eigens angelegten Park spazieren gehen, Schach spielen oder die Enten füttern oder einfach nur auf einer Parkbank sitzen und die Natur genießen. Die Abende verbrachte er in der Regel alleine in seinem Zimmer, immer tief versunken in der Vergangenheit. Er dachte an seine Rose, die er bereits vor vielen Jahren verloren hatte. Er dachte auch an seinen Sohn, die Enkelkinder und an Henrys Frau Betty, mit der er sich nicht sonderlich gut verstanden hatte.

Nach dem Tod von Rose beschlossen Henry und Betty, dass er nicht mehr in dem schönen Haus wohnen konnte und nahmen ihn zu sich in einen Vorort von London. Anfangs gefiel es ihm dort auch ganz gut, aber nach und nach bemerkte er, dass er nicht willkommen war.

Es kam vor, dass es ihm nicht gelang, den Suppenlöffel zum Mund zu führen, ohne dass ein wenig Suppe auf die Tischdecke tropfte. Es kam auch vor, dass ihm der Honig vom Frühstücksbrötchen auf die Tischdecke lief oder er ein frisch angezogenes Hemd mit Tee beschmutzte. Er schämte sich immer sehr, wenn ihm dies passierte. Irgendwann wurde dann beschlossen, dass er nicht mehr bei Henry und Betty wohnen konnte und ein Umzug nach St. Quentin unausweichlich sei.

“Mortimer, so trinken Sie doch Ihren Tee. Er wird Ihnen gut tun und Sie wärmen. Ihre Hände sind ja schon ganz blau.” Die Schwester lächelte und zog ihm die Decke erneut nach oben. Mortimer wurde aus seinen Gedanken gerissen und sagte plötzlich:” Ach Helen, wissen Sie, der Tee wird mir nicht gut tun und er wird mich auch nicht wärmen. Wärme, wie ich Sie mir wünsche, kann mir eine Tasse Tee nicht geben. Verstehen Sie, was ich meine? Ich habe meine Frau vor vielen Jahren verloren. Eine ganz wunderbare Frau war meine Rose. Wir verbrachten fast unser ganzes Leben zusammen und wenn ich ihr in die Augen schaute, kannte ich den Kurs, den ich einschlagen musste. Als sie starb, starb auch ein Teil von mir. Sie sagte mir, dass sie schon mal vorausgehen würde und sie auf mich warte. Sie wartet jetzt schon viele Jahre auf mich und ich möchte bei ihr sein. Henry hat seine Familie und keine Zeit. Er ist ein vielbeschäftigte Mann, immer auf Reisen, immer unterwegs. Meine Enkel habe ich auch lange nicht mehr gesehen und morgen ist Weihnachten… Weihnachten.” Seine Augen füllten sich mit Tränen.

“Ich wünsche mir so sehr einen festlich geschmückten Tisch mit brennenden Kerzen, einen mit roten und goldenen Kugeln geschmückten Weihnachtsbaum, ein prasselndes Feuer im Kamin, Weihnachtslieder, die sanft im Hintergrund zu hören sind, einen wohlriechenden Duft, der aus der Küche dringt, glückliche Kinder und glänzende Kinderaugen, wenn sie ihre Geschenke auspacken. Ich wünsche mir Weihnachtspunsch aus Kristallgläsern, Räuchermännchen, die ihren zarten Duft im Haus verteilen, tanzende Schneeflocken an den Fensterscheiben und ich wünsche mir meine Familie zurück.”

Schwester Helen hatte sich, während Mortimer erzählte, ganz sachte auf den Boden neben seinen Rollstuhl gleiten lassen.Sie war von seinen Erzählungen tief berührt und Traurigkeit kam in ihr auf. “Ich wünsche mir so sehr, meinen Sohn wieder zu sehen. Ich bin nun schon so alt und ich weiss nicht, wie lange ich noch lebe. Einmal möchte ich noch mit meinem Sohn Weihnachten verbringen. Einmal noch ….” Es wurde still. Mortimer starrte wieder in die verschneite Nacht.

Die Zeit verging. Stunde um Stunde saß er eingewickelt in seiner Decke in seinem Rollstuhl und starrte aus dem Fenster. Irgendwann schlief er ein und er träumte. Er träumte von Weinachten. Er träumte von dem festlich gedeckten Tisch, dem Duft, der aus der Küche drang und er träumte von funkelnden Kinderaugen.

“Vater”, drang es an sein Ohr. “Vater, ich bin es. Henry.” Mortimer erschrak. “Henry”, flüsterte er. Seine zittrigen Hände suchten Henrys Gesicht. “Du bist da”. Mehr vermochte er nicht zu sagen. Er weinte.

Henry strich seinem Vater über die Wangen und die grauen Haare. “Ja, ich bin da und ich bin gekommen, um Dich für immer zu holen.” Seine Stimme klang weich und liebevoll. “Wir wollen jetzt zusammen Weihnachten feiern.”

Behutsam und sachte drehte er den Rollstuhl vom Fenster, schob ihn zur Tür hinaus und gemeinsam verließen St. Quentin…..und alles war gut.

 

 

 

 

 

 

 

Fenster.für mich

 

 

Astrid Wetzel
Familienmensch mit großem Herz für Tiere. Ich male und schreibe gerne in meiner freien Zeit.