Studie zu Hitze und Herzinfarktrisiko: Betablocker und ASS absetzen?

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Eine Einschätzung zur aktuellen medialen Berichterstattung. Die eindringliche Bitte: Herzmedikamente nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt absetzen.

 

Eine kritische Stellungnahme von Prof. Dr. Thomas Voigtländer, Vorstand der Deutschen Herzstiftung anlässlich von Medienberichten über eine Studie aus „nature cardiovascular research“ zum Auftreten von Herzinfarkten und möglichen Zusammenhängen mit Hitzephasen und der Einnahme von Herz-Kreislauf-Medikamenten.

Nicht nur die aktuelle Sommerhitze von Juli und August (2022) setzt Herzkranken wie auch Herzgesunden per se zu. Neue Sorgen sind laut geworden, dass auch durch Einnahme bestimmter Medikamente in Hitzephasen das Herzinfarktrisiko deutlich erhöht werden könnte. In einer vor kurzem veröffentlichten Studie wurde zu dieser Fragestellung die Einnahme bestimmter Herzmedikamente untersucht. Die Interpretation der Daten sollte jedoch mit Vorsicht erfolgen. Und die Studie sollte keinesfalls zu einem Absetzen der Herzmedikamente führen, warnen Kardiologen.

Die drei wichtigsten Argumente:

  • Es wird nur ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Medikamenteneinnahme und nichttödlichem Herzinfarkt erfasst (Assoziation), aber kein kausaler Zusammenhang (Ursache-Wirkung).
  • Es werden nur die nichttödlichen Herzinfarkte einberechnet. Das kann die Aussagen verfälschen, weil Medikamente auch Todesfälle verhindert haben können.
  • Medikamente werden verordnet, um Folgen einer Herzerkrankung zu vermeiden. Plötzliches Absetzen erhöht das Risiko für Schäden.

Fazit der Herzstiftung:

Pauschale Aussagen, wie „Bei ASS und Betablockern steigt bei Hitze das Risiko für Herzinfarkt“ sind sehr problematisch. Sie signalisieren, dass hier ein Ursache-Wirkung-Prinzip vorliegt. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es für einen solchen kausalen Zusammenhang jedoch keinen Beleg. Auch die US-Studie aus „nature cardivascular research“ liefert dazu keinen Beleg. Sondern ihre Daten liefern nur einen wichtigen Hinweis, dem Effekt von Hitze auf die Herzgesundheit noch genauer auf den Grund zu gehen – und dabei natürlich auch die Rolle von Medikamenten in Augenschein zu nehmen. Doch für übereilte Urteile und Reaktionen, die zum Absetzen wichtiger Herzmedikamente führen, liefert die Studie keinen Anlass. Vielmehr ist die Sorge begründet, dass durch ängstliche Reaktionen von Patienten, die ihre Therapie unterbrechen, deren Herzgesundheit gefährdet wird.

Zum Hintergrund

„Betablocker und ASS können Risiko für Herzattacke bei Hitze um 75 Prozent erhöhen“. „Studie warnt: Bestimmte Medikamente könnten Herzinfarkt-Risiko erhöhen“. „Einnahme von Aspirin oder Betablockern: Warum auch junge Menschen bei hohen Temperaturen ein erhöhtes Herzinfarkt Risiko haben“. So oder ähnlich lauteten Anfang August einige Überschriften im Internet und in diversen Zeitungsmedien. Hintergrund ist eine Studie aus „nature cardiovascular research“ (1), in der bei Patienten aus der Region Augsburg mögliche Zusammenhänge von nichttödlichen Herzinfarkten mit Hitzephasen und der Einnahme von Medikamenten ausgewertet wurden.

Bekannt ist bereits, dass während Hitzephasen das Herzinfarktrisiko erhöht ist. US-Wissenschaftler haben nun anhand von Augsburger Daten geprüft, welche Arzneimittel von Herzinfarktpatienten zeitgleich eingenommen worden waren und ob dies möglicherweise irgendeinen zusätzlichen Einfluss hatte. Vor dem Infarkt hatten von den Patienten 32 % einen Plättchenhemmer/ Thrombozytenfunktionshemmer (zu denen ASS wie auch Wirkstoffe wie Clopidogrel gehören), 25 % einen ACE-Hemmer, 37 % einen Betablocker, 16 % einen Kalziumantagonisten, 23 % ein Diuretikum und 24 % ein Statin eingenommen. In der Zusammenfassung der Studie (dem sog. Abstract) steht: „Hier zeigen wir, dass das hitzebedingte, nicht tödliche Herzinfarkt-Risiko bei Anwendern von Thrombozytenaggregationshemmern bzw. Betarezeptorblockern erhöht war, jedoch nicht bei Nicht Anwendern. Wir fanden auch heraus, dass diese Effekte bei jüngeren Patienten (25-59 Jahre), die eine geringere Prävalenz für vorbestehende Herzkrankheiten aufwiesen ,stärker waren, ….. Benutzer dieser Medikamente können anfälliger als Nicht-Benutzer für ein nicht tödliches Herzinfarkt-Risiko aufgrund von Hitzeeinwirkung sein.“

Kein direkter Einfluss der Medikamente als Ursache für Infarkte belegbar

Die Forscher betonen jedoch auch selbst: „Weitere Forschung ist erforderlich, um die Effekte durch den Einsatz von Medikamenten von dem durch bereits bestehende Herzerkrankung wie koronare Herzkrankheit (KHK) zu trennen.“ So weisen sie in der Originalpublikation einerseits auf frühere Studienergebnisse hin, aus denen sich mögliche Mechanismen für nachteilige Effekte des Plättchenhemmers Acetylsalicylsäure (ASS) und von Betablockern bei Hitze durchaus andeuten. So gehöre zu den möglichen Nebeneffekten von Betablockern, dass diese die Erweiterung der Hautgefäße verhinderten (Vasodilatation), was auch die Wärmeableitung über die Haut stören könne. Andererseits betonen sie, dass kein direkter Einfluss der Medikamente als Ursache durch die Studie belegbar sei. Es könne auch nicht ganz ausgeschlossen werden, dass Patienten, die Plättchenhemmer und Betablocker einnähmen, schon krankheitsbedingt anfälliger gegen Hitzestress seien.

Genau an diesem Punkt entzünden sich auch kritische Stimmen in einer wissenschaftlichen Kommentierung zur Studie (2). Zugleich fehlten die Daten von Patienten mit tödlichem Herzinfarkt und die absolute Zahl nichttödlicher Herzinfarkte bei den jungen Menschen sei sehr gering gewesen – was beides eine saubere statistische Auswertung und Interpretation der Daten erschwere, schreibt ein Londoner Pharmakoepidemiologe. Ein Statistik-Experte verweist nochmals darauf, dass es sich lediglich um eine statistische Korrelation gehandelt habe. Dass Menschen mit nichttödlichem Herzinfarkt zur gleichen Zeit ein bestimmtes Medikament eingenommen hätten, bedeute noch lange keine Kausalität, also dass das Medikament über einen bestimmten Mechanismus den Infarkt ursächlich ausgelöst habe.

Saubere Trennung zwischen Einfluss der Herzerkrankung und der Medikation schwierig

„Menschen, denen Thrombozytenfunktionshemmer und Betablocker verordnet werden, nehmen diese nicht ohne Grund. Es ist davon auszugehen, dass sie kränker sind als diejenigen, die sie nicht nehmen“, so auch Prof. Thomas Voigtländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. So sei auch speziell bei Patienten mit vorbestehender KHK das Infarktrisiko erhöht gewesen. Zugleich nahmen 85 % dieser Patienten einen Thrombozytenfunktionshemmer und/oder einen Betablocker ein. Das mache es schwierig, zwischen dem Einfluss der Erkrankung und der Medikation sauber zu trennen. „Womöglich haben hohe Temperaturen bei solchen Patienten einen größeren Einfluss auf ihr Herzinfarktrisiko als das bei anderen Herzkranken der Fall ist. Dann würde der gemessene Risikounterschied durch den vorliegenden Gesundheitszustand und nicht durch die Auswirkungen des Medikaments verursacht. Und das räumen ja auch die Forscher in der Studie ein – und verweisen daher auch explizit darauf, dass mehr Forschung und noch größere Datenquellen nötig sind, um ihre Interpretation der Studie zu untermauern“, erläutert der Kardiologe, der auch Ärztlicher Direktor des Agaplesion Bethanien-Krankenhauses Frankfurt a. M. ist.

„Ich würde daher jeden Patienten, der eines der genannten Medikamente einnimmt und über die Ergebnisse der Studie besorgt ist, eindringlich bitten, mit seinem Arzt zu sprechen, bevor er etwas an der Einnahme ändert. Denn die Gefahren, die mit dem plötzlichen Absetzen etwa eines Betablockers einhergehen, sind viel größer – und das ist sicher nachgewiesen“, betont Voigtländer. „Bei großer Hitze gibt die Deutsche Herzstiftung viele gute Tipps, wie man sich als Herzpatient schützen kann. Das kann im Einzelfall auch einmal bedeuten, dass zum Beispiel die Blutdruckmedikation für eine kurze Zeit angepasst werden muss – aber eben nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt und wenn eine regelmäßige Blutdruckkontrolle sichergestellt ist.“

Experte

Wolfgang Klaum
Ehrenamtlicher Beauftragter der Deutschen Herzstiftung