“Kundschafter für den Frieden”- US-Akademikerpaar spionierte jahrelang für die DDR. Eine Buchbesprechung.

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Jüngeren Menschen sind sie kaum noch bekannt, die “großen Nummern”, die für die DDR oder den Weltsozialismus während des Kalten Krieges spionierten: Günter Guillaume, der engste Mitarbeiter Willy Brandts. Oder Hanns-Heinz Porst, der Nürnberger Fotogroßunternehmer, der auch im eigenen Unternehmen soziale Experimente durchführte. Oder der altehrwürdige Grandseigneur der Berliner FDP, William Borm, dessen Spionagetätigkeit erst Jahre nach seinem Tod bekannt wurde. Oder der unter dem Decknamen “TOPAS” im NATO-Hauptquartier agierende Rainer Rupp.  Oder etliche “Sekretärinnen” in Bonn. Teils waren sie überzeugte Sozialisten, teils waren sie der Auffassung: Wenn auch die geheimsten Pläne und Strategien dem jeweiligen Gegner bekannt gemacht werden, dient das der Entspannung und der weltweiten Sicherheit im Angesicht der atomaren Hochrüstung. Die wenigsten waren materiell interessiert.

So war das auch bei Beatrice Altmann-Schevitz und Jeffrey Schevitz (im folgenden stets “Jeff”), die für ihre eigene Tätigkeit kein Geld erhielten (obgleich sie es zeitweise gut gebraucht hätten). 1994 erfolgte bei ihnen, vermutlich in Auswertung der sog. “Rosenholzdateien” (Listen des MfS mit Deck- und Klarnamen der Agenten, die während der “Wende” erst aus dem MfS an den KGB gegeben wurden und von dort an den CIA der USA gelangten) die erste Hausdurchsuchung. Es folgte Untersuchungshaft für beide und schließlich die Verurteilung durch das Oberlandesgericht Stuttgart: 1 Jahr und 6 Monate auf Bewährung für Jeff und eine Geldbuße von 10.000 DM für Beatrice.

Bea und Jeff, beide aus jüdischen bzw. halbjüdischen Familien mit relativem Wohlstand, fanden in Buffalo am Eriesee im US-Bundesstaat New York zueinander. Er war 14 Jahre älter als sie, gerade Dozent für Soziologie an der Universität von Buffalo geworden, ehelich frisch getrennt. Sie begann gerade ihr Studium. Beide waren politisiert worden durch die angehende Aufarbeitung der Verbrechen an der Ur-Bevölkerung Amerikas, die Rassenunruhen, Gefängnisrevolten, die Gefahr eines Atomkriegs und den Vietnamkrieg. Jeff’s Studienschwerpunkt und seine Dissertation behandelten die “Weaponmakers”: die Ingenieure und Wissenschaftler in der Rüstungsproduktion und die Frage: War ihnen doch nicht unwohl dabei und hatten sie eventuell doch ein schlechtes Gewissen?

In den USA wie in Europa gab es abenteuerliche Ratschläge zum Schutz vor Atomwaffen

Es folgte ein “Ruf” für Jeff an die FU Berlin. Allerdings auch nur für einen Lehrauftrag von 2 Jahren ab 1976. Die beiden zogen um und richteten sich in Berlin ein. Beatrice bekam Arbeit in einem “Kinderladen”. Als marxistisch und sozialistisch Angehauchte fassten sie eine Perspektive für eine nachfolgende Tätigkeit an einer Hochschule der DDR ins Auge und nahmen Kontakte über Empfehlungen dorthin auf. Stattdessen wurde ihnen jedoch nach reiflichen Diskussionen geraten, im Westen zu bleiben und für die HV-A des MfS zu arbeiten. Und so folgten regelmäßige Treffen in Ostberlin im “Kollektiv” (zu zweit mit 3 MfS-Angehörigen) um ihre Arbeit zu beraten und zu begleiten und die Ziele festzulegen. Aber auch die Hochzeit der beiden erfolgte nun in Berlin.

Das Ziel ihrer Tätigkeit war das Bundeskanzleramt, und zwar in den Fragen Energiepolitik und Sicherheit, wobei die “Energiepolitik” eben auch die Fragen der friedlichen und militärischen Nutzung der Kernenergie betraf. Jeff bemühte sich um Kontakte zu Wissenschaftlern und Lobbyisten, zu Konferenzen und Tagungen zu diesen Themen. Er agierte dabei als Vertreter einer Washingtoner Beratungsfirma IEAL und gewann nach und nach zwei Wissenschaftler als ständige Informationslieferanten: “Cäsar” und “Surfer”, die – gegen Bezahlung – ihm laufend Expertisen lieferten, in der Annahme für die Firma IEAL. Beatrice arbeitete derzeit in einer relativ untergeordneten Tätigkeit in der Südafrikanischen Botschaft (also noch zu Apartheidzeiten).

Nach Ende der Berliner Dozententätigkeit gelang es Jeff, beim Kernforschungszentrum Karlsruhe eine unbefristete Stelle zu erhalten. Beatrice erhielt eine Stelle als “Sozialarbeiterin” bei der US-Armee. Jeff fuhr regelmäßig weiter nach Bonn, um “Cäsar” und “Surfer” weiter zu betreuen. Beatrice, inzwischen geschult und erfahren in der konspirativen Technik, fotografierte die Berichte und Dokumente, verpackte sie in kleinste Behältnisse und brachte sie in einen “toten Briefkasten” in einer Toilette im Nachtzug von  Basel nach Berlin. Dieserhalb fuhr sie zweimal die Woche zwischen Karlsruhe und Baden-Baden hin und her.

Der “Tote Briefkasten” im Nachtzug Basel-Berlin

Parallel dazu studierte sie in Heidelberg Sozialarbeit, war Sozialarbeiterin bei der US-Armee, zuerst Mitarbeiterin bei dem American Express Büro im Kasernenbereich. Daneben widmete sie sich dem 1978 geborenen Sohn Jan.

Am 2.Januar 1990 fand das letzte Treffen des MfS-“Kollektivs” in Berlin statt. Die Kontakte liefen die ganzen Jahre über die per Funk und Kurzwellen-Radio übermittelten chiffrierten Zahlenkolonnen, in deren Ent- und Verschlüsselung Beatrice eingearbeitet wurde. Ihrer beider Leben nach dem Stuttgarter Prozess wird in dem Buch durchaus beschrieben, ich will es hierbei belassen. Beide wohnen heute im Allgäu.

Das Buch:

Beatrice Altman-Schevitz: “Der Schatten im Schatten – Mein Leben als US-Amerikanerin und MfS-Spionin im Kalten Krieg”, erschienen 2022 bei BEBUG mbH/edition berolina, Berlin. 20,00 Euro. Im elektronischen Versandhandel weithin erhältlich, im Buchhandel auf Bestellung.

Das Beitragsfoto stammt vom Verfasser dieses Beitrags, die von Bernd Bücking (1939-2021) in dem Buch enthaltenen Zeichnungen und das Hochzeitsfoto habe ich mit freundlicher Genehmigung der Autorin hochgeladen.

 

 

 

Kurt Wirth
Ex-Gießener, Weltbürger, Bürgerreporter seit 2012, interessiert an Natur, Wandern, (Inlands-)Reisen, aber auch an Geschichte, Zeitgeschichte, Politik.