Gießen ist ein Glücksfall für Archäologen

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Dr. Sandra Sosnowski informierte im Oberhessischen Geschichtsverein

Gut besucht war der Netanya-Saal des Alten Schlosses, als nach zweijähriger pandemiebedingter Pause Dr. Michael Breitbach vom Oberhessischen Geschichtsverein Dr. Sandra Sosnowski vom Landesamt für Denkmalpflege zu ihrem Vortrag “Neueste Erkenntnisse zur Stadtgeschichte Gießens aus archäologischer Sicht” begrüßte.  Breitbach erinnerte daran, dass die Archäologie einen wesentlichen Anteil an der Vereinsgründung hatte  und bezog sich dabei auch auf frühere Vorträge mit diesem Schwerpunkt. Davon zeuge nicht zuletzt auch das Oberhessische Museum mit seinen Sammlungen. Der Vereinsvorsitzende  stellte mit der Referentin  die neue Bezirksarchäologin vor, die ihren Aufgabenbereich skizzierte.

Die aus Sachsen-Anhalt kommende Referentin, seit Jahren in Wiesbaden im Denst des Landes  Hessen tätig, verwies darauf, dass Gießen nicht unbedingt das beste Gelände für Archäologen sei, dennoch aber einen Glücksfall  darstelle. Grund dafür sei die rege Bautätigkeit und die erforderliche Betreuung durch Fachleute, nicht zuletzt durch einen eigenen Stadtarchäologen. Sosnowski griff aus zahlreichen Fundplätzen im Kerngebiet  aus den Jahren 2017 bis 2022 drei heraus. Bei der Grabung im Bereich der Schanzenstraße habe man bereits im Vorfeld die “Georgenschanze” vermutet, was sich bei den Grabungen bestätigte. Unter schwierigen Bedingungen, nicht zuletzt durch Grundwasser, wurde eine Mauer (38) ergraben, die mit Pfosten stabilisiert wurde. Deren Holz, ohnhehin recht gut erhalten, konnte durch Dendrochronologie auf die Jahre 1537 und 1541 datiert werden. Die durch einen Knick veränderte rechteckige Form der Anlage falle in diese Zeit .Noch unklar sei das Bild über den weiteren Verlauf der Mauer nach den aktuellen Grabungen im Bereich Reichensand.Hier sei mit weiteren Erkenntnissen zu rechnen.

Ausführlicher ging Sosnowski auf die Befunde der Notgrabung am Neustädter Tor ein, wobei die Grabung sehr schnell und unter massivem Zeitdruck erfolgte. Die Grabungen der Jahre 2012/13 erlaubten mit Datierungen der Mauerpfosten auf die Jahre 1389 und 1489-92 einen neuen  Blick auf die Erweiterungen  des Kernstadtgebiets in Richtung Seltersweg. Stark gestört wurde die Arbeit der Archäologen an der hier gefundenen Mauer durch zahlreiche angelegte Leitungen im Bereich der Grabungen.

Den Bogen von der frühen Neuzeit bis in die Keltenzeit (3.Jhd v.C.)  spannte die Archäologin durch Erwähnung der Arbeiten in Weidenhausen und an den Siedlungsgruben von Lützellinden sowie Schmuckstücke mit Korallen und Bernstein, die eher bei Bestattungen üblich waren, wofür an den genannten Grabungsstätten aber kein Hinweis existiere. Nicht selten merke man  nicht sofort, wie wichtig manche Funde seien. Für ihre spannenden Ausführungen zum “archäologischen Glücksfall Gießen” erhielt Dr.Sosnowski reichen Beifall.

Text und Foto: Dr. Hans-Wolfgang Steffek M.A.

 

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