ICE-Nutzung zwischen Frankfurt-Süd und Friedberg vorher schon gescheiterte Abdämpfung – Main-Weser-Bahn-Desaster in den Baustellenfahrplänen von Juni bis September 2022 haben RMV und DB Netz zu verantworten.

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Als ein quasi beispielloses Desaster bezeichnet der PRO BAHN Regionalverband Mittelhessen in seiner jüngsten Zusammenkunft erneut die Baustellenfahrpläne 13.06.-08.07. sowie 09.07.-04.09.2022 der Main-Weser-Bahn. Wer sich so etwas ausgedacht hat, der versündigt sich nicht nur an allen regelmäßigen Fahrgästen, sondern auch an unserer gesamten Gesellschaft.

Die Deutsche Bahn-Tochter DB Netz und der Rhein-Main-Verkehrsverbund haben den aktuellen Baustellenverkehr auf der Main-Weser-Bahn zu verantworten. Die nun anstehende Vollsperrung zwischen Bad Vilbel und Frankfurt-West und die damit verbundene Umleitung des gesamten Regional- und Fernverkehrs bis nach und über Hanau zu führen, wird zu einem Desaster sondergleichen bedeuten, welches so in der Form noch nie da war. Als Verbraucherverband bezeichnet der PRO BAHN Regionalverband Mittelhessen den Baustellen- und Umleitungsfahrplan als ein „Versagen, vielleicht mit Vorsatz“ auf Kosten der Bürgerinnen und Bürger<!–more–>

Inzwischen ist anscheinend auch bei RMV und DB Regio erkannt, dass die eingerichteten Fahrplankapazitäten auf der Umleitungsstrecke über Hanau hinten und vorn nicht ausreichen. Nun wurde zwischen dem RMV und DB Fernverkehr vereinbart, dass mit allen Zeitkarten, mit Ausnahme der 9-Euro-Tickets, man zwischen Friedberg und Frankfurt-Süd die 8 Fahrten je Richtung mit dem ICE ebenfalls nutzen darf.

In der RMV-Pressemitteilung ist von „Mittelhessen“ die Rede. Allein Friedberg stellt nicht die Region Mittelhessen da, sondern ist mit dem Endpunkt der S 6 und der Zugehörigkeit zum Planungsverband Großraum Frankfurt Teil des Rhein/Main-Gebiets. Für das eigentliche Kerngebiet Gießen/Marburg/Wetzlar, in welchem über 70% der 1 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner Mittelhessens wohnen, gibt es keinerlei Nachbesserung. Wenn man denn alle zwei Stunden achtmal am Tag vorhandene Fernverkehr als Notnagel sieht, dann hätte man die Nahverkehrstickets auch beim Zustieg in <strong>Marburg und Gießen</strong>, den größeren Bahnhöfen der Main-Weser-Bahn, <strong>anerkennen müssen</strong>. <strong>Das gilt auch für das 9-Euro-Ticket.</strong>

Menschen in einfachen Arbeitsverhältnissen schreiben den Fahrgastverband PRO BAHN an, weil sie mit unsäglichsten Abwiegelungsbriefen versucht wurden, ruhiggestellt zu werden. Sie werden aller Voraussicht nach ihre Arbeitsplätze verlieren, haben durch die Umleitungsverkehre der letzten Wochen Fehlstunden auf dem Zeitkonten, was sich vom 09.07. bis 04.09. während der Vollsperrung noch massiv verschärfen, für viele Pendlerinnen und Pendler unzumutbar werden wird.

Eine Farce, eine Lächerlichkeit, dass nun mit dem Nahverkehrsticket (auch Bedienstetenticket, Schülertickt, Seniorenticket) die ICE-Relationen der Fernverkehrs-Linie 26 nur zwischen Frankfurt-Süd und Friedberg genutzt werden dürfen. In der Pressemitteilung im Fall von Friedberg von „Mittelhessen“ zu reden, dies zeugt entweder von Denkblockade oder Unwissen, weswegen dieses Wort verwendet wurde.

Die Grundstruktur dieses Baustellenfahrplans stammt aus dem Jahr 2018. Dass es zeitliche Vorläufe bedarf, um so etwas zu organisieren, wird vom Fahrgastverband PRO BAHN natürlich verstanden. Was nicht akzeptiert werden kann ist, dass man den Mittelhessen-Express über in die Frankfurter Stadtgrenze in die Metropole hineinfahren lassen möchte, die Züge in Hanau enden und so allein schon 40% der Reisenden von einer akzeptablen Fahrt ausgeschlossen sind. Ein Umstieg in Hanau in die völlig überfüllten und oft deutlich verspäteten RE50/RE51 aus/in Richtung Fulda ist inakzeptabel, ebenso in die anderen langsamen Verbindungen des Regional- und S-Bahn-Verkehrs. Den Fass den Boden aus schlägt dann die Tatsache, nun auch noch E-Bikes bereitzustellen, womit die Menschen die Baustellendistanz überwinden sollen.

Es wäre besser gewesen, die aktuell aus anderen betrieblichen Gründen ausfallenden RB58 Frankfurt-Maintal-Hanau mit ihren Trassen für die RB40/RB41 vorzuhalten, so dass ein größerer Teil der sog. Mittelhessen-Express-Züge von Dillenburg/Wetzlar und Treysa/Stadtallendorf kommend, auch während der Sperrpause bis nach Frankfurt am Main Hbf. durchfahren kann. Weitere Kompensationen wären möglich gewesen, z.B. einzelne Nahverkehrsfahrten von Aschaffenburg anstelle über Maintal, über Offenbach fahren zu lassen. Die nordmainische Strecke über Maintal bietet jedoch noch einiges an Potential.

Für das bevorstehende Desaster tragen leitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von DB Netz sowie im RMV die Verantwortung. Seit Jahren befindet sich der RMV-Verbundraum im Ranking der Hiobsbotschaften über Chaos im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) auf einem der vorderen Plätze, wenn nicht gar auf dem unglücklichen „Zitronenplatz“ 1. Daher kann, um wirklich eine flächendeckende Verkehrswende zu erzielen, es nur noch mit neuen Personen in Verantwortung gehen, das betrifft Teile der DB und insbesondere den RMV. Leider versteckt sich die Landespolitik seit 25 Jahren hinter der rechtlich selbst herbeigeführten Blockade, selbst nichts entscheiden zu wollen und schieben die Verantwortung an die beiden Verkehrsverbünde RMV und NVV und die sie tragenden Gebietskörperschaften ab. Daher befindet sich Hessen in Sachen ÖPNV in der Selbstblockade von laufendem Betrieb und Investitionen. Wenn die Politik nicht umdenken will, müssen auch hier Konsequenzen eingefordert werden.

Es hat, mit Ausnahme des um Jahrzehnte zu spät kommenden viergleisigen Ausbaus bis Bad Vilbel/Friedberg, seit 55 Jahren keinen Ausbau mehr in das Schienennetz erfahren. Mehr als 25 Jahre falscher RMV sind genug, jetzt mit der Verkehrswende und dem Klimawandel braucht man innovative Gestalter in solchen Posten, keine Bremser gegen gesellschaftliche Grundbedürfnisse.

1 Kommentar

  1. Danke für den sehr informativen Beitrag. Er zeugt von sehr viel Fachwissen; ins Besonders was die Kapazitäten der einzelnen Schienenstränge betrifft. Obwohl ich seit Jahrzehnten gegen die Dreckschleuder Auto argumentiere und deswegen ständig mit dem Zug unterwegs bin (mann / frau muss konsequent sein!!) waren mir die einzelnen Auslastungsgrade der Einzelstrecken nicht geläufig.

    Sicherlich ist es nicht einfach einen Notfahrplan aufzustellen. Aber – oder bin ich naiv??? – ich darf doch erwarten, dass bei der – sicherlich seit Monaten getätigten – Vorarbeit aller (!!!) greifbarer Sachverstand abgefragt wurde und dann mit mehreren Varianten in den Plan eingearbeitet wurde.

    Ist dies hier / in diesem Fall erfolgt oder / und erfolgreich gewesen?

    Ich denke – wie die Artikeleinsteller: keinesfalls!

    Im Artikel steht dazu: (…..) “Für das bevorstehende Desaster tragen leitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von DB Netz sowie im RMV die Verantwortung.” (……)

    Ich finde das genau ist die richtige Frage.

    Wir – nicht nur unsere Interessenvertreter in den diversen Fahrgastverbände bzw. in irgendwelchen Beiräten, sondern auch die OEPNV-Nutzern, die Autogegner, Klimaretter …… sollten da einhacken. Die potentiellen Versager müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Nicht nur politisch (d.h. die hinter diesen Noch-Behörden stehenden politischen Kräfte), sondern auch ganz persönlich, welche diesen Notfall-Fahrplan “verbrochen” haben. Diese Leutchen verdienen in der Regel sehr viel Geld … und was liefern sie dafür ab???

    Mit anderen Worten, wir (siehe oben) müssen uns organisieren; einerseits auf der Straße Druck machen (Demonstrationen vor der Bahnzentrale und RMV-Zentrale) und anderseits juristisch gegen die betreffenden Leuten vorgehen (da müßte meiner Meinung nach mindestens eine Abmahnung, wenn nicht eine Kündigung “raus springen”).