Stadttheater im Zeichen der Veränderung: Neuigkeiten für die Spielzeit 2022/2023

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Designierte Intendantin Simone Sterr (4. v.l.) und ihr neues Leitungsteam. (Foto: A. Riva)

In circa zwei Monaten geht die Spielzeit 2021/2022 am Stadttheater Gießen zu Ende. Mit der neuen Spielzeit 2022/2023 steht das Gießener Theater vor einer großen Herausforderung im Zeichen der Veränderung. Viele Neuigkeiten erwarten das Publikum ab September, dank der designierten Intendantin Simone Sterr und ihrem Team, das neben den bekannten Mitgliedern zahlreiche neue Leiterinnen und Leiter sowie Ensemble-Mitglieder präsentiert. Bei der Vorstellung des Programms für die neue Saison und der neuen Gesichter am Stadttheater war auch Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher anwesend, der die Pressekonferenz eröffnete. Becher betonte den besonderen Charakter dieser Übergangszeit und bedankte sich für das Engagement aller Beteiligten am Stadttheater. Er sei froh und stolz, so ein großartiges Theater in der Region zu haben. Angesichts der Veränderung werden Neugier und Erwartungen geweckt. Das Theater soll anregen, aber auch irritieren und schockieren, neue Idee darstellen, in die gesellschaftliche Debatte führen, Utopien wagen und gleichzeitig spannend und energiereich sein.

Stadt – Theater – Gießen

Und die Einführung ins Programm durch Simone Sterr und ihr neues Leitungsteam scheint diese Erwartungen tatsächlich zu bestätigen. Intendantin Sterr erläuterte die Bedeutung des Logos für die kommende Spielzeit, das die Theaterinteressenten bald auch auf dem Programmheft ansprechen wird. Die drei Wörter „Stadt – Theater – Gießen“ beziehen sich auf die Stadtgesellschaft, sind ein Bekenntnis zum Theater und heben den Standort Gießen hervor. Die gekritzelte, von einem Algorithmus kreierte Linie, zeigt, dass das Theater ein verlässlicher Ort ist, der immer in Bewegung ist und Themen aufnimmt und bearbeitet. Das Stadttheater erzählt von der Brüchigkeit der Welt, die in den letzten zwei Monaten für alle noch deutlicher geworden ist. Entscheidungen, Trauer, Wahrheit, Kapitalismus, demokratische Ideale, Utopie, Rechtsextremismus, Diskriminierung kehren in der nächsten Spielzeit als spartenübergreifende Motive wieder.

Das Junge Theater ist eine neue Sparte am Stadttheater Gießen und wird von Mathilde Lehmann und vom Theaterpädagoge Sebastian Songin geleitet. Hier geht es nicht um eine Jugendgruppe, sondern um drei dreimonatige Workshops je nach Altersgruppe, in denen die Kinder und Jugendlichen eine echte Teilhabe haben und auch unbequeme Fragen stellen können. Die Kleinsten werden sich mit dem Thema Angst und Mut beschäftigen, die Mittleren werden in die Stadt hinausgehen und erforschen, wem die Stadt gehört, und die Ältesten werden sich mit dem Thema Protest auseinandersetzen. Kooperationen mit Schulen und Lehrkräften sind auch vorgesehen. Das Programm des Jungen Theaters besteht aus fünf Aufführungen: „Luft nach oben“ (ab 9 Jahren) über die Entscheidungen des Bildungswegs der Kinder; „Ente, Tod und Tulpe“ (ab 5 Jahren), das versucht, die schwierige Frage nach dem Tod für Kinder zu beantworten; „Das kalte Herz“ (ab 6 Jahren) über das Thema des Kapitalismus; „Kriegerin“ (ab 15 Jahren) über das Motiv des Rechtsextremismus; und dem Projekt „Die Lügenziege“ (ab 12 Jahren), das sich mit Wahrheit, Berichterstattung und persönlicher Wahrnehmung auseinandersetzt.
Die neue Leiterin des Musiktheaters Ann-Christine Mecke und der designierte Generalmusikdirektor Andreas Schüller kündigten eine Vergrößerung des Ensembles von zwei auf sechs Sängerinnen und Sänger an. Diese neuen Mitglieder sollen zu einem jüngeren Musiktheater beitragen. Das Programm ist abwechslungsreich, von der Operette von Gordon Kampe „Gefährliche Operette“ über Donizettis „Caterina Cornaro“ bis zu der Sci-Fi-Oper „Prothesen der Autonomie“ von Thierry Tiedrow und der Kammeroper „Valerie’s Voice“ von Christofer Elgh, beide zwischen Utopie und Dystopie, sowie „Ein Sommernachtstraum“ von Benjamin Britten. Dazu werden noch bekannte Stücke wie Puccinis „Tosca“ und Mozarts „La clemenza di Tito“ aufgeführt. Die Sinfoniekonzerte und zwei Chorkonzerte runden das Programm für Musikliebhaber ab. Die interessante Neuigkeit der neuen Spielzeit sind die „Previews“ am Vorabend der Konzerte: Hier versteckt sich das Konzert, es werden Erklärungen gegeben, die Künstler werden interviewt und Gespräche werden anschließend im Foyer in einer entspannten Atmosphäre geführt. Das ist das ideale Angebot für Interessenten, die sich vor einem Abo noch scheuen, aber auch für Abonnenten, die besser vorbereitet ins Konzert gehen wollen. Das Musiktheater ist auch stolz auf seine Kooperationen, etwa mit der Staatsoper Stuttgart, der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt und insbesondere mit dem Deutschen Musikrat.

Der freie Physical Theatre Darsteller Constantin Hochkeppel ist der neue künstlerische Leiter der Sparte Tanz im Stadttheater Gießen. Er wird anregen, den Tanz freier zu denken und die Virtuosität im Körper zu entdecken. Dabei werden gesellschaftspolitische Themen in den Tanzaufführungen angegangen. Wie vor den Konzerten wird es auch vor den Tanzstücken ein neues Format geben: die „Physical Introduction“, in der Bewegungsmuster eingeleitet werden, damit die Zuschauer die Tänzerinnen und Tänzer besser nachempfinden. Körpererlebnis, Zweifel nach unserem Platz auf der Welt, Trauer und tänzerische Strukturen sind die Schwerpunkte der Aufführungen „My body a stranger that protects me that kills me“, „where we are (at)“, „Five Stages of Grief“ und „Ein neues Stück“.

Die Saison für das Schauspiel wird mit einem spartenübergreifenden Eröffnungsprojekt gestartet, wie Simone Sterr, designierte Intendantin und Leiterin der Sparte, erklärt. Die Aufführung „Posthuman Journey“ besteht aus den drei Stücken „Eine kurze Chronik des künftigen Chinas“, „Eine Posthumane Geschichte“ und „Überall im Universum Klang“ vom Autor Pat To Yan aus Hongkong. Hier wird zurück in die Vergangenheit und weit vorne in die Zukunft geschaut, und die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum lösen sich auch konkret im Saal auf. Der Schauspieldramaturg Tim Kahn wird für die Vernetzung von Kunst und Wissenschaft und das Programm im Salon zuständig sein. In den aufgeführten Werken wird es um Themen wie die Gesellschaft, die Verantwortungsübernahme, die demokratischen Ideale so wie Nationalismus und Korruption gehen. Das Publikum wird in den Genuss von den Stücken „Mais in Deutschland & anderen Galaxien“ von Olivia Wenzel und „Der Staat gegen Fritz Bauer“ kommen. Mit Bezug auf Gießen und auf die Anschläge in Hanau wird auch Büchners „Dantons Tod“ gespielt. Die Dramaturgin für zeitgenössisches Autor und Autorinnentheater Lena Meyerhoff ergänzte die Vorstellung des Schauspielprogramms mit „Café Populaire“ von Nora Abdel-Maksoud, dem finnischen Krimi „Hundepark“ über das Thema des Missbrauchs und der komplexen Täter-Opfer-Situation, „Mädchenschule“ von Nona Fernández, das während der chilenischen Diktatur von Pinochet spielt, und „Last Park Standing“ von Ebru Nihan Celkan, das sich wieder mit der Problematik der Entscheidung beschäftigt.

Sehr spannend ist auch das Projekt Erinnerungskultur, das von der Regisseurin Ayse Güvendiren betreut wird. 2022/2023 ist ein Jahr der Erinnerungskultur, in dem man rassistischer Anschläge in verschiedenen deutschen Städten gedenkt. In unserer Gesellschaft herrschen aber zahlreiche Widersprüche in dem Umgang mit diesen Ereignissen: Menschenleben werden zu Zahlen, Individuen zur anonymen Masse; man verurteilt rassistische Äußerungen, hält sie aber für Meinungsfreiheit. Das Stadttheater möchte eine widerständige Erinnerungsarbeit leisten, indem man an die Toten erinnert und sich mit den Überlebenden solidarisiert. Es werden Workshops, Lesungen, Podiumsgespräche angeboten. Etwas Besonderes ist der mobile Teegarten: Ein Teesalon ist in anderen Kulturen ein Ort der Begegnung; damit wird die erinnerungskulturelle Narrative in der Praxis in die Stadtgesellschaft getragen.

» Die kommende Spielzeit hört sich also reich an neuen Erfahrungen, neuen Projekten, neuen Ansätzen und neuen engagierten Mitgliedern des Leitungsteams und des Ensembles an. Das Publikum kann sich schon jetzt darauf freuen und überraschen lassen.