“Khersones”: ein Schiff widerspiegelt die jüngere Geschichte der Ukraine

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In der Spätphase unterhielt die Sowjetunion eine ganze Anzahl Segelschulschiffe, die in den Häfen aller Welt als Gäste auftauchten: Die “Towaritsch”, als “Kriegsbeute” 1945 vor Rügen gehoben, war die Ex-Gorch-Fock, die 1933 von den Nazis in Dienst gestellt wurde. Die “Sedov”, das größte heute noch segelnde Schiff der Welt, wurde als “Magdalene Vinnen II” 1921 in Deutschland in Dienst gestellt. Die “Kruzenshtern”, ebenfalls heute noch aktiv, wurde als “Padua” der sog. Flying-P-Liner 1926 ebenfalls in Deutschland fertiggestellt. Erstaunlich, daß die jetzt bald 100 Jahre alten Schiffe immer noch ihren Dienst tun und alle Kriege überstanden haben.

Obwohl weltweit die Segelschulschiffe immer mehr außer Dienst gestellt und zu teuer wurden, bestellte die Sowjetunion Ende der 1980-er-Jahre eine ganze Serie baugleicher Segelschiffe (Dar Mlodziezy-Klasse) auf der polnischen Leninwerft in Gdansk für die Ausbildung des Nachwuchses in Kriegs- und Handelsmarine:

“Mir” 1987, Heimathafen Leningrad; “Druszhba” 1987, Heimathafen Odessa; “Pallada” 1989, Heimathafen Wladiwostok; “Nadezhda” 1991, Heimathafen Wladiwostok und eben die “Khersones”, 1988 mit Heimathafen Sewastopol. Benannt ist das Schiff nach der antiken Stadt Chersones in der Nachbarschaft von Sewastopol. Die heutige Stadt Cherson, jetzt auch durch den aktuellen Krieg bekannt geworden, liegt etwas entfernt.

1990/91 konnte ich die “Khersones” bei ihren Besuchen in Hamburg unter sowjetischer Flagge und mit der Aufschrift des Heimathafens Sewastopol fotografieren. 1996 trat die “Khersones” in der Fernsehsendung “Wetten dass…?” auf: Sie fuhr unter der geöffneten Herren(klapp)brücke bei Lübeck durch und betätigte mit den “Rahnocken” Lichtschalter. Inzwischen fuhr sie nun unter ukrainischer Flagge und mit Heimathafen “Kertsch”. Im Lauf der 1990-er-Jahre kam mir die “Khersones” wiederholt unter ukrainischer Flagge und mit der Aufschrift des Heimathafens Kertsch vor die Linse, in Hamburg, Kiel, Travemünde und Rostock. Sie war regelmäßiger Gast bei der “Hanse Sail”.

1997 umsegelte die “Khersones” das Kap Hoorn, was zuletzt 1949 den deutschen Frachtseglern “Pamir” und “Passat” gelang.

Außer Kurztrips bei diesen Anlässen konnten auch zahlende Gäste als “Trainees” längere Reisen mitmachen. 2003 erhielt die “Khersones” einen ungewöhnlichen roten Anstrich. Das Mitreisen endete 2006, als im Zuge der “orangenen Revolution” Kompetenzgewirr in Kiew entstand und die Regierung der “Khersones” Auslaufverbot erteilte. Die Hamburger Firma “Inmaris” in Hamburg, welche die Reisen auf der “Khersones” vertrieb, ging in die Insolvenz. 2014 kam die “Khersones” im Zuge der Integration der Krim an Rußland, wurde 2015 in Sewastopol überholt und renoviert und soll seither unter russischer Flagge wieder aktiv sein. Genaues ist aber dazu im Netz nicht aufzufinden.

Die Fotos sind wieder mal Scans von alten Dias und daher nicht beste Qualität.

Unter Sowjetflagge und Heimathafen Sewastopol 1991 in Hamburg
dito
unter ukrainischer Flagge und Heimathafen Kertsch in Travemünde 1993
dito
unter Sowjetflagge 1991 in Hamburg
Hamburg
Hamburg, unter Segeln
Travemünde
Travemünde
Travemünde
Travemünde
mit neuem roten Anstrich in Hamburg 2004
Links die “Khersones”(Ukraine) mit rotem Anstrich 2004 beim Hamburger Hafengeburtstag. Rechts das Heck der “Sedov” unter russischer Flagge. Friedlich vereint.
in Travemünde
in Travemünde. “Finncarriers” unterm Bug

 

 

 

Kurt Wirth
Ex-Gießener, Weltbürger, Bürgerreporter seit 2012, interessiert an Natur, Wandern, (Inlands-)Reisen, aber auch an Geschichte, Zeitgeschichte, Politik.