Zeugen Jehovas werden im >>Dritten Reich<< verfolgt und ermordet – Wilhelm Hassler überlebt

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Gedenken an den Gießener Bürger Wilhelm Hassler, der sich als Kriegsdienstverweigerer mutig gegen die unmenschliche Ideologie der Nationalsozialisten stellte und darum unter dem Hitler-Regime brutal verfolgt wurde.

Am 27. Januar jährt sich der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Opfergruppe, die dabei gesellschaftlich weniger präsent ist und auch im Unterrichtsmaterial der Schulen selten thematisiert wird, sind Jehovas Zeugen. Unter den rund 13.400 Opfern, die die Religionsgemeinschaft historisch aufgearbeitet hat, befand sich auch der Gießener Wilhelm Hassler.

Geboren wurde Wilhelm 1892 im Kreis Büdingen und verbrachte den größten Teil seines Lebens in Gießen, wo er am damals noch bestehenden Flughafen arbeitete. In jungen Jahren heiratete er seine geliebte Margarete, mit der er bald die beiden Kinder Hans und Betty bekam. Der Familienvater kam 1931 mit Zeugen Jehovas in Kontakt, die ihm in der Bibel die Wichtigkeit der christlichen Nächstenliebe zeigten. Diese gelebte Freundlichkeit und der Respekt gegenüber Menschen jeglicher Herkunft passte zwar nicht zur aufkeimenden menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten, aber berührte den Familienvater zutiefst.

Kurz nach der Machtergreifung Hitlers 1933 gerieten Jehovas Zeugen ins Visier der Gestapo. Da der Nationalsozialismus und der geforderte Kriegsdienst ihrer Ansicht nach nicht mit ihrem christlichen Gewissen vereinbar waren, wurden Jehovas Zeugen bereits am 15. Mai 1933 verboten und alle Mitglieder galten für die Gestapo daraufhin als vogelfrei. Wilhelm schloss sich dennoch im Untergrund Jehovas Zeugen an und verteilte heimlich ihre Schriften, die die Machenschaften Hitlers und seines Gefolges vom christlichen Standpunkt aus klar verurteilten. Darüber hinaus lehnte die komplette Familie den Hitlergruß ab. Hans und Betty weigerten sich außerdem, der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädels beizutreten. Darum wurden sie ständig von der Gestapo und den eigenen Nachbarn überwacht und schikaniert. Durchsuchungen ihrer Wohnung in der Wilhelmstraße 44 waren an der Tagesordnung.

Eines Tages im Herbst 1936 wurde Wilhelm Hassler an seinem Arbeitsplatz von der Gestapo aufgesucht. Als man ihn aufforderte, seine Werkzeugkiste zu öffnen, wurde ihm klar, dass er verraten wurde. In besagter Kiste versteckte er nämlich die verbotenen Schriften von Jehovas Zeugen, die er mitunter an seine Arbeitskollegen weitergab. Der Ehemann und Familienvater wurde vor Gericht zu sechs Monaten Haft verurteilt und verbüßte die Haftstrafe in Preungesheim bei Frankfurt am Main. Anschließend wurde er ins Konzentrationslager Dachau überführt. Dort erhielt er zusammen mit seiner Häftlingskleidung etwas, das ihn sowie alle Zeugen Jehovas als Häftlinge fortan kennzeichnen sollte: den lila Winkel. Später wurde er weiter in das KZ Mauthausen in Österreich deportiert.

Wilhelm Hassler überlebte die grausame Haft im KZ und kam im November 1945 zurück nach Gießen. Das war nicht die Regel. Die erhaltenen Archive belegen, dass insgesamt 1 600 Zeugen Jehovas in KZs oder in Gefängnissen aufgrund von Hinrichtung oder den Haftfolgen den Tod fanden. Betty und Hans berichteten später, dass ihr Papa kaum von seinen Erlebnissen im KZ sprach. Er machte es sich zum Ziel, nicht zu verbittern und weiterhin Hass, Ausgrenzung und Gewalt konsequent abzulehnen.

Darin ist Wilhelm Hassler besonders in der heutigen Zeit ein nachahmenswertes Beispiel. Das Gedenken an die Zivilcourage von Menschen wie Wilhelm und ihr Vermächtnis sind die Pflicht jeder nachfolgenden Generation, die sich eine Gesellschaft wünscht, in der Werte wie Toleranz und religiöse sowie kulturelle Freiheit hochgehalten werden. Der 27. Januar bietet dazu eine gute Möglichkeit.

1 Kommentar

  1. Vielen Dank Herr Michael Schminke für Ihren sehr informativen Artikel.

    Obwohl ich mich als undogmatischer Linker natürlich sehr viel mit der NS-Zeit auseinandersetze waren mir bestimmte Details der Verfolgung der Zeugen Jehovas noch nicht bekannt.

    Sie schrieben: (……) “Eine Opfergruppe, die dabei gesellschaftlich weniger präsent ist und auch im Unterrichtsmaterial der Schulen selten thematisiert wird, sind Jehovas Zeugen.” (……)

    Es stimmt, wenn auch in der weit verbreiteten Standartwerk zum Terror der Nazis, dem Buch der “SS-Staat” von Eugen Kogon (1) die Zeugen Jehovas kurz benannt werden.

    Ich erinnere mich auch daran, dass zu Ihrer Religionsgemeinschaft in dem Buch “Der lautlose Aufstand” von Günther Weisenborn längerer Ausführungen gemacht werden. (2)

    Die zwei genannten Personen zeigen exemplarisch, dass der wahrscheinliche Grund der Nichterwähnung darin liegt, dass nur (außer bei rassistischer Verfolgung) die diversen Fraktionen der Linken das Gedächnis “hochhalten”. (Der bürgerliche Block hat dafür wenig bis keinerlei Interesse.) Also genau das politische Spektrum das (zumeist) mit Religion “Nichts am Hut hat”.

    Anderseits – und das sage ich als linker Katholik ausdrücklich leider – haben die allermeisten Religionsgemeinschaften “ihren Frieden” mit den Herrschenden gemacht (Stichwort: Allianz zwischen Thron und Altar). Und bei dem allgemeinen Unwillen (um es sehr vorsichtig auszudrücken) das Thema allzugenau anzuschauen (da käme die Kontinuität der politischen Eliten der 30er und 40er Jahren bis heute zum Vorschein …) ist der oberflächliche Blick – hier die Nichterwähnung bestimmter Opfergruppen – sehr hilfreich.

    Mir ist nicht bekannt, ob Ihre Religionsgemeinschaft einen für den Staat “brauchbaren” Ansprechpartner auf nationaler Ebene hat. Wenn ja, dann wäre es doch logisch, dass dieser sich an staatlichen Stellen wendet und beantragt, dass in Berlin mit einem Extra-Denkmal ihrer Opfern gedacht wird. Sollten die (auch die hinter dem herrschenden Block stehenden Parteien) sich versuchen “in die Büsche zu schlagen” (sprich irgendwelche Ausreden benutzen) – was zu erwarten ist – müßten Sie dann über die Zivilgesellschaft versuchen für ihr Anliegen Druck aufzubauen. (Erster Ansprechparner sind die diversen Antimilitaristischen Organisatione in der BRD.)

    Aber, dann “ziehen sie sich warm an”, denn Antimilitarismus ist in jeglicher Form (und sei es nur in der Form eines Denkmales für die Opfer einer antimilitaristischen Religionsgemeinschaft) “unpopulär”.

    Soweit mir bekannt bejaht Ihre Religionsgemeinschaft die staatliche Ordnung als solche, aber wohl nur mit dem Recht auf Verweigerung von Kriegsdienst für Ihre Anhängern. Da dieser Staat aber militaristisch ist, kommen Sie mit ihrem Ansinnen in eine Zwickmühle: Sie bejahen (mit der einen Ausnahme) den Staat – der Staat drückt Sie aber (wegen der Ausnahme) an den Rand.

    Zwickmühle hin oder her – die Menschen, welchen aus religiösen Gründen ihren Antimilitarismus mit dem Tode bezahlten, müssen in das kollektive Gedächnis (zurück).

    (1) https://de.wikipedia.org/wiki/Eugen_Kogon

    (2) https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnther_Weisenborn