Angst vor Herzschäden nach Covid-Impfung – Erfahrungen aus der Praxis

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Deutsche Herzstiftung

Studien gehen von einem geringen Herzrisiko etwa einer Myokarditis infolge Covid-Impfung aus. Ist das auch in der Praxis so? Ein Kardiologe beruhigt.

Viele Herzpatienten besorgt

Rund um das Thema Corona-Impfung bzw. Booster-Impfung ranken sich nach wie vor viele gesundheitliche Sorgen und Fragen – gerade von Herzpatienten. Wie hoch ist tatsächlich das Risiko einer impfbedingten Herzmuskelentzündung – gerade bei Vorerkrankung? Wie ist das Risiko angesichts der neuen Virus-Variante Omikron einzuschätzen? Welche Erfahrungen gibt es bei Kindern? Und wie sieht es mit dem Risiko von Herzrhythmusstörungen aus?

In der Sprechstunde der Deutschen Herzstiftung kommen solche Fragen in großer Zahl von beunruhigten und verunsicherten Patienten an, die zum Teil auch Herzsymptome nach einer Impfung verspüren. Der Hamburger Kardiologe Prof. Thomas Meinertz, langjähriger Vorstand der Herzstiftung und aktueller Chefredakteur der HERZ heute, der zudem eine eigenen kardiologische Praxis in Hamburg hat, kennt diese Sorgen und Ängste auch von seinen Patienten im Alltag. Im Podcast-Gespräch nimmt er Stellung, welche Sorgen berechtigt, welche nur bedingt begründet sind und welche wiederum nach seinen Erfahrungen gänzlich unnötig sind.

Die Crux mit den Myokarditis-Zahlen

Eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) oder eine Entzündung des Herzbeutels (Perikarditis) wird als mögliche Nebenwirkung nach einer Covid-Impfung mit einer mRNA-Vakzine inzwischen in den Fachinformationen der Impfstoffe aufgeführt. Doch was heißt das genau? Lässt sich das Risiko wirklich ein-eindeutig beziffern? Weiß man, wie sich das Risiko bei Kindern/Jugendlichen unter 18 auswirkt? Leider nein. Warum ist das so? Dafür gibt es mehrere Gründe. Die wichtigsten sind:

  • Der sichere Nachweis einer Myokarditis ist schwierig. Symptome allein geben nur Hinweise. Es muss mindestens eine Echokardiografie erfolgen, besser noch ein MRT. Ganz sicher ist der Nachweis nur mit einer Biopsie. Die Kriterien für eine Myokarditis variieren zudem in den Studien. Nicht immer werden die Risiken für Myokarditis und Perikarditis differenziert betrachtet.
  • Viele Erhebungen und Risikoangaben fokussieren auf Meldedaten, nicht auf klinisch gesicherte Befunden.
  • Es wird keine einheitliche Basis zur Angabe der Risikorelation genutzt: Wie viele Myokarditis-(Verdachts-)Fälle gibt es auf wie viele Patienten /Impfungen?
  • In Untersuchungen/Studien wurden unterschiedliche Altersgruppen betrachtet. (mal die Gesamtpopulation, mal die unter 30-Jährigen, mal die uter 21-Jähringen, selten die 12-17-Jährigen).
  • Die Beobachtungszeiträume sind in den Untersuchungen unterschiedlich: Wann nach einer Impfung (erster oder zweiter?) sind Beschwerden aufgetreten, wie lange hielten sie an?
  • Es wurden häufig Daten für mRNA-Impfstoffe allgemein publiziert, und nicht differenziert zwischen Spikevax/Moderna oder Comirnaty/Biontech.

Was weiß die Wissenschaft?

Dennoch lassen sich aus den bisherigen Daten gemeinsame Erkenntnisse herauslesen, die auch von Wissenschaftlern so immer wieder in der Praxis bestätigt werden.

  • Das Risiko einer Myokarditis nach einer mRNA-Impfung ist vorhanden, aber sehr gering.
  • Das Risiko ist unter dem mRNA-Impfstoff Comirnaty geringer als unter einer Impfung mit Spikevax.
  • Es trifft mehr junge Männer unter 30 Jahren als Frauen (höchstes Risiko zwischen 15 und 29 Jahren).
  • Beschwerden, Symptome einer Myokarditis treten in der Regel innerhalb weniger Tage nach der Impfung (meist der zweiten) auf.
  • Der Verlauf bei einer Myokarditis wird übereinstimmend als in der Regel mild beschrieben ohne Folgeschäden.
  • Die gesundheitlichen Risiko durch eine Covid-Infektion wird – in jeder Altersklasse – höher eingeschätzt als das Risiko einer Myokarditis/Perikarditis durch Impfung mit einem mRNA-Impfstoff.
Wolfgang Klaum
Ehrenamtlicher Beauftragter der Deutschen Herzstiftung