Seit 40 Jahren ein Ort zum Leben

Die Wohnstätte Kiesweg der Lebenshilfe Gießen feiert Jubiläum – Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende blicken gemeinsam auf vier bewegte Jahrzehnte zurück
Gießen. Ein Zuhause besteht nicht allein aus Zimmern, Fluren und einem Dach über dem Kopf. Es entsteht durch vertraute Menschen, gemeinsame Erlebnisse und das Gefühl, an einem Ort wirklich dazuzugehören. Seit nunmehr 40 Jahren bietet die Wohnstätte Kiesweg der Lebenshilfe Gießen Menschen mit Behinderung ein solches Zuhause. Das Jubiläum wurde jetzt gemeinsam mit Bewohnern, Angehörigen, Mitarbeitenden und Gästen gefeiert.
Die Wohnstätte gehört zu den ältesten Wohnangeboten der Lebenshilfe Gießen. Eine Bewohnerin hat ihre gesamte Entwicklung miterlebt: Maria Wagner (Name geändert) zog bereits bei der Eröffnung ein und lebt bis heute im Kiesweg. Sie ist damit die einzige der heutigen Bewohnerinnen und Bewohner, die das Haus seit seinen Anfängen kennt.
Vom kleinen Haus zur großen Gemeinschaft
Seitdem hat sich vieles gewandelt. In den ersten Jahren lebten dort vor allem Menschen, die ihren Alltag vergleichsweise selbstständig gestalten konnten. Aus dieser Zeit ist sogar die Geschichte eines Ehepaars überliefert, das gemeinsam mit seinem Kind in der Wohnstätte lebte. Als Thorsten Sohn vor 25 Jahren die Leitung der Einrichtung übernahm, war das Haus ebenfalls noch deutlich kleiner. Zwölf Menschen lebten damals dort, auch das Team war entsprechend überschaubarer.
„Früher galten wir immer als die junge und besonders fitte Wohnstätte“, erinnert sich Sohn. „Tagsüber waren praktisch alle Bewohner bei der Arbeit und kaum jemand im Haus. Heute sind viele älter geworden, einige bereits im Ruhestand. Dadurch haben sich der Alltag und auch unsere Aufgaben verändert.“
Ein wichtiger Entwicklungsschritt folgte 2011: Die Wohnstätte wurde durch einen Anbau erweitert, zugleich wurde der ältere Gebäudeteil modernisiert und optisch an den Neubau angepasst. Heute leben insgesamt 19 Menschen im Kiesweg. Die jüngsten Bewohner sind Mitte 20, die ältesten Mitte 60. Sechs Plätze gehören zum stationär begleiteten Wohnen, kurz SBW. Es bildet eine Brücke zwischen der intensiveren Begleitung in der Wohnstätte und einer selbstständigeren Wohnform. Wer dort lebt, erhält weiterhin verlässliche Unterstützung, verfügt aber über größere Freiräume. Ein späterer Wechsel in das unterstützte Wohnen ist möglich, jedoch kein Muss.
Mit dem steigenden Alter der Bewohnerschaft entstanden neue Angebote. Während eine eigene Tagesstruktur früher nicht erforderlich war, gibt es inzwischen eine Tagesbetreuung für Menschen im Ruhestand. Die frühere Nachtwache wurde durch Nachtbereitschaften ersetzt. Begleitet werden die Bewohner heute von einem 25-köpfigen pädagogischen Team, die Reinigungskräfte sind dabei noch nicht mitgerechnet.
Mehr als Betreuung und Versorgung
Bei der täglichen Arbeit geht es um weit mehr als Versorgung und Pflege. Spiele, Ausflüge, gemeinsame Stunden im Garten oder eine kleine Abkühlung an besonders heißen Tagen gehören ebenso dazu wie individuell geplante Unternehmungen. Entscheidend sind die Wünsche, Interessen und Möglichkeiten jedes Einzelnen.
„Unsere Aufgabe ist es, den Menschen hier ein Zuhause zu geben – und das so individuell, wie es in einer Gemeinschaft mit 19 Bewohnerinnen und Bewohnern möglich ist“, sagt Thorsten Sohn. „Es geht darum, gemeinsam einen guten Tag zu erleben. Das gilt für die Bewohner genauso wie für die Mitarbeitenden.“
Zu den Höhepunkten des Jahres gehören die Urlaubsfreizeiten der Wohnstätte. Sie richten sich insbesondere an Menschen, die sonst nur schwer verreisen könnten. Das Team achtet darauf, die Angebote bezahlbar zu halten. Für den Übergang vom September in den Oktober ist bereits eine Fahrt an die Nordsee geplant. Solche Reisen seien für viele Bewohner besondere Erlebnisse, die noch lange in Erinnerung blieben.
Eine wesentliche Grundlage der Arbeit sind verlässliche Beziehungen. Gerade deshalb stellen personelle Wechsel das Haus immer wieder vor Herausforderungen. Viele Studierende unterstützen das Team, verlassen es jedoch häufig nach Abschluss ihrer Ausbildung. Zugleich gibt es Mitarbeiter, die der Wohnstätte seit Jahrzehnten verbunden sind: Ein Beschäftigter gehört dem Team bereits seit 22 Jahren an.
„Die Arbeit hier ist vor allem Beziehungsarbeit“, betont Sohn. „Für unsere Bewohner ist es wichtig, dass vertraute Menschen bleiben und verlässlich für sie da sind. Deshalb wünsche ich mir für die Zukunft, dass wir immer ausreichend Personal haben, um diese Nähe und all die Aktivitäten weiterhin ermöglichen zu können.“
Ein lebendiges Jubiläumsfest
Wie eng die Wohnstätte, die Familien und das Umfeld miteinander verbunden sind, zeigte sich bei der Jubiläumsfeier. Zahlreiche Angehörige waren gekommen, um gemeinsam auf die vergangenen Jahrzehnte anzustoßen. Für musikalische Unterhaltung sorgte Thilo Weiss, der bereits seit mindestens 25 Jahren bei Jubiläen, Bewohnergeburtstagen und weiteren Veranstaltungen der Lebenshilfe auftritt. Dieses Mal erhielt er beim Singen tatkräftige Unterstützung von einem Bewohner. Die Bunte Liga bereicherte das Fest zudem mit einer Torwand.
„Vier Jahrzehnte Wohnstätte Kiesweg bedeuten vier Jahrzehnte voller Begegnungen, Veränderungen und gemeinsamer Lebensgeschichten“, erklären Jan Hillgärtner und Sophia Mkheidze von der Bereichsleitung Wohnen sowie Dirk Oßwald, Vorstand der Lebenshilfe Gießen. „Unser Dank gilt den Bewohnerinnen und Bewohnern, ihren Angehörigen und allen Mitarbeitenden, die diesen Ort geprägt haben und ihm jeden Tag Leben geben. Gemeinsam wollen wir dafür sorgen, dass der Kiesweg auch in Zukunft ein verlässliches Zuhause bleibt, in dem Selbstbestimmung, Gemeinschaft und Lebensfreude ihren festen Platz haben.“
Weitere Informationen über die Angebote der Lebenshilfe Gießen gibt es unter www.lebenshilfe-giessen.de.
Lebenshilfe Gießen
Die Lebenshilfe Gießen e.V. ist ein gemeinnütziges Unternehmen und begleitet über 3000 Menschen mit und ohne Behinderung in ein selbstbestimmtes Leben.