Kaputte Straßen und Brücken, Schlaglöcher überall, fehlende Barrierefreiheit an Fußwegen und Haltestellen: Das Straßennetz ächzt unter der jahrelangen Priorisierung ständigen Neubaus, während die vorhandene Infrastruktur vernachlässigt wurde. Noch schlimmer sieht es bei der Bahn aus. Wer regelmäßig in Zügen in und um Gießen unterwegs ist, kennt die Folgen: Verspätungen, Ausfälle und komplett gesperrte Bahnlinien. Dennoch soll jetzt mitten im Kreis Gießen die B49 komplett neu gebaut werden. Die ersten Bäume sollen noch im Februar fallen, denn das Geld steht bereit. Es stammt aus den Sanierungsetats. „Ein Wahnsinn“, sagen die Gegner*innen.
Im Herbst letzten Jahres fällte die Bundespolitik auf Druck von Landeschefs eine fatale Entscheidung: Es kürzte den Sanierungsetat für Verkehrswege, um zusätzliche Milliarden in den Neubau von Straßen umzuleiten. 23 zusätzliche Beton- und Asphaltpisten können deshalb bundesweit neu gebaut werden, drei davon in Hessen und eine davon im Kreis Gießen: Die B49, die südlich von Reiskirchen und Lindenstruth durch das Jossollertal geführt werden soll. Nicht nur wertvolle Naturflächen würden vernichtet, landwirtschaftliche Höfe und andere Einrichtungen gefährdet sowie Reiskirchens einziger für die Erholung attraktiver Ortsrand beeinträchtigt, sondern die ganze Planung beruht auf bewusst gefälschten Zahlen. Das hatten Initiativen in der Vergangenheit mehrfach öffentlich gemacht, selbst nachgezählt und alle Angaben auf ihren Internetseiten https://b49.siehe.website belegt. Dass nun auch noch Mittel, die für Sanierungen gebraucht werden, in den reinen Prestigebau gesteckt werden, macht Anwohner*innen und Verkehrswendeaktive zusätzlich fassungslos: „Hier werden Natur und wichtige Flächen zur Nahrungsmittelerzeugung vernichtet, damit irgendwelche Dorf- und Landespatriarchen rote Bänder durchschneiden können“, heißt es aus ihren Kreisen. „Ab jetzt ist jedes Schlagloch und jede fehlende Barrierefreiheit eine Erinnerung: Das dafür nötige Geld wird im Jossollertal vergraben.“ Dabei wären die Alternativen für eine Verkehrsreduzierung auf der B49 recht einfach: Stärkung der Vogelsbergbahn, zusätzliche Haltestelle in Lindenstruth, Tempo 30 in den Ortsdurchfahrten, eine eindeutige Ausschilderung des Verkehrs von Grünberg über die A5 statt der B49 und Einkaufsmöglichkeiten in jedem Ort. „Die aktuelle Politik in Reiskirchen und vielen anderen Orten ist nicht mehr rational“. Im Wettstreit um Profite zerstören die Orte ihr Nahumfeld mit neuen Straßen und Gewerbegebieten. Viel des dadurch entstehenden Verkehrs sei selbsterzeugt, was wieder zur Planung neuer Straßen führt, an denen entlang dann neues Gewerbe angesiedelt wird. „Das ist ein Kreislauf des Schreckens, an dessen Ende Tankstellen, Supermärkte, Bordelle, Spielhöllen und einige Konzerne gewinnen, während die Lebensqualität für die Menschen und die Natur zerstört würden.“ Reiskirchen sei jetzt schon ein abschreckendes Beispiel dieser Spirale. Die Initiativen kündigten weiteren Protest gegen den von ihnen als Wahnsinnsprojekt bezeichneten B49-Neubau an, unter anderem mit einer Klage, die vor dem Verwaltungsgerichtshof läuft und die gefälschten Zahlen als Grund der Nichtigkeit der Planung anführt.






