

Auf seiner exklusiven deutschen Lesereise mit seinem neuesten, in deutscher Übersetzung erschienenen, Bestseller „Der Horizont der Nacht“ hielt der international gefragte italienische Krimiautor Gianrico Carofiglio auch in Wetzlar am Mittwoch, 18. März 2026, nach den Terminen in den Großstädten München und Stuttgart und vor seiner letzten Etappe in Köln. Dank der Kooperation der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Mittelhessen e.V., der Kulturinitiative an Lahn und Dill und der Stadtbibliothek Wetzlar konnte das große Qualitätspublikum von rund 200 Personen, das die Hospitalkirche füllte, in den Genuss dieses hochkaratigen literarischen Abends kommen.
DIG-Vorsitzende Rita Schneider-Cartocci erklärte sich stolz, den Schriftsteller und ehemaligen Antimafia-Staatsanwalt begrüßen zu dürfen, dessen Bücher millionenfach in der ganzen Welt in über 28 Sprachen verkauft werden. Auch Klaus Tschakert von der Kulturinitiative an Lahn und Dill freute sich über den regen Zuspruch und die Präsenzlesung als kulturellen Ort für verschiedene Perspektiven und bezog sich kritisch auf die aktuelle Debatte bezüglich der Kriterien für den Deutschen Buchhandelspreis.
Die Lesung wurde von Literaturexpertin Grazia C. Caiati (DIG Mittelhessen e.V. und Justus-Liebig-Universität Gießen) moderiert, die zuerst einen biografischen Überblick bot. Der 1961 in Bari (Apulien) geborene Schriftsteller war jahrelang als Richter und Antimafia-Staatsanwalt in Bari sowie als Berater der Antimafia-Kommission des italienischen Parlaments 2007-2008 tätig. Fünf Jahre lang war er Senator der Italienischen Republik für die Partito Democratico. Sein erster Roman erschien 2002; 2013 entschied er sich, sich ausschließlich der Literatur zu widmen; seine juristischen und politischen Tätigkeiten übt er nicht mehr aus. In seine Bestseller fließen seine fundierten juristischen und psychologischen Kenntnisse ein: Es handelt sich nicht um einfache Krimis, sondern auch um die Tiefe der menschlichen Seele; die Ursachen einer Straftat, die Kluft zwischen Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit, der Gebrauch und Missbrauch der Sprache werden immer erforscht. Gianrico Carofiglio erhielt zahlreiche Literaturpreise, u.a. die wichtigsten italienischen Preise „Premio Bancarella“ 2005 und „Premio Campiello“ 2010. Einige seiner Romane wurden zu Fernsehfilmen und -serien für das italienische Fernsehen. Am 9. März begann die neue Serie „Guerrieri – La regola dell’equilibrio“ (die Regel des Gleichgewichts) mit dem bekannten Schauspieler Alessandro Gassmann in der Rolle des Avvocato Guido Guerrieri im italienischen staatlichen Fernsehen Raiuno, die aus sechs Episoden aus drei Romanen Carofiglios besteht und deren Drehbuch teilweise von Carofiglio selbst mitgeschrieben wurde.
Die Hauptfigur von „Der Horizont der Nacht“ ist der Rechtsanwalt „Avvocato“ Guido Guerrieri aus Bari, der Protagonist einer Reihe von sieben Romanen ist. In dieser Neuerscheinung verteidigt Guerrieri eine Frau, die den Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester ermordet hat. Im Laufe des Prozesses entstehen im Anwalt aber Zweifel über die Wahrheit. Guerrieri erlebt eine Krise mit sich selbst und versucht mit der Unterstützung des Psychoanalytikers Carnelutti, beharrlich zu den menschlichen Abgründen und zum Kern seines Ich vorzudringen, auf der Suche nach Wahrheit und Glück. Die Geschichte entwickelt sich also auf zwei Erzählsträngen: Einerseits das eigentliche Krimi mit den aktuellen Themen der Femizide und Frauengewalt und der Frage, ob es sich um Mord oder Notwehr handelt; andererseits die psychologische Reise des Avvocato Guerrieri.

Caiati führte ein zweisprachiges Gespräch mit Carofiglio, das sich mit der Lesung treffender Passagen aus der deutschen Version von „Der Horizont der Nacht“ durch Jörg Braunsdorf abwechselte. Das Publikum konnte damit weitere Details über das Verfassen von Carofiglios Romanen und etwas mehr über seine Person und seine Einstellungen zu den in seinen Werken wiederkehrenden Themen entdecken.
Die Atmosphäre der süditalienischen Hafenstadt Bari, die Sehnsucht, Einblicke in die Anwaltstätigkeit und aktuelle soziopolitische Themen Italiens, tiefgründige Überlegungen über Leben, Tod, Entscheidungen, Zweifel, sowie die Leidenschaft für die Kampfkunst und ihre Bedeutung – alles fließt in seinen Roman wie in ein Bild von Jackson Pollock mit den unterschiedlichsten Dingen. Denn in die Kunst werfe man alles, was man habe, erklärte der Autor: „In dem, was ich schreibe, gibt es alles, was ich früher gemacht habe“. Trotzdem warnt er, in den Avvocato Guerrieri kein alter ego von ihm selbst zu sehen, man sollte die Figur nicht mit dem Autor gleichsetzen, das Buch sei nicht autobiografisch. Oder vielleicht doch, schmunzelte Carofiglio, als er erwähnte, wie beliebt die Romanfigur bei Frauen sei.
Der ebenfalls aus Bari gebürtigen Moderatorin Grazia Caiati war das Bild der Stadt in den Büchern sowie in der TV-Serie sofort aufgefallen. Guerrieri wohnt in einer wunderbaren Wohnung in Bari Vecchia, die vor zwanzig Jahren unvorstellbar gewesen wäre, da die Altstadt Baris vor Jahrzehnten noch eine gefährliche Stadt war. Carofiglio bestätigte, wie die Stadt sich verändert hat. Mittlerweile ist Bari eine sichere Stadt voller Leben geworden, ein beliebtes Ziel für Touristen, die sich gerne länger dort aufhalten. Bari sei eine Stadt zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“, beschrieb der Schriftsteller. Hat Guerrieri wirklich Sehnsucht nach dem alten Bari? Guerrieri hat eigentlich Sehnsucht nach seiner Jugend, wie alle Menschen: „Si è fatto tardi molto presto (es ist sehr früh spät geworden)“, zitierte er. Mit dem Leben und Aufwachsen in dem alten, gewalttätigen Bari hat auch der Ursprung Carofiglios Leidenschaft für die Kampfkunst zu tun. Wie er erzählte, musste man oft kämpfen oder flüchten. Karate brauchte er am Anfang in den Schlägereien in Bari Vecchia, dabei musste er sich mit seinen Ängsten auseinandersetzten. In der professionellen Kampfkunst tritt man ebenfalls in Kontakt mit der eigenen Schattenseite. Sein nüchterner, wesentlicher, genauer Schreibstil spiegelt die Eigenschaften der Kampfkunst wider. Er besitzt mittlerweile den schwarzen Gürtel 6. Dan in Karate und interessiert sich für Buddhismus und orientalische Philosophien.

Ein zentrales Thema in „Der Horizont der Nacht“, aber auch in Carofiglios anderen Werken und Leben, ist der Zweifel. Caiati spannte den Bogen zum aktuellen Zeitgeschehen mit den vielen Fake News und stellte dem Autor eine anregende Frage zur Funktion des Zweifels als Erziehungsmittel oder auch als Instrument von Abwehr und Selbstschutz. „Die Dummen sind voller Gewissheit, die Intelligenten voller Zweifel“, zitierte Carofiglio den Philosophen Bertrand Russel. Für ihn als Polizeiermittler sei der Zweifel ein wichtiges Werkzeug, um verschiedene Hypothesen zu prüfen und um zu vermeiden, sich auf eine einzelne festzulegen und alle anderen Möglichkeiten mit einem „Tunnelblick“ auszublenden. Der Zweifel habe eine epistemologische Funktion. Es gebe viele Politiker ohne Zweifel, ironisierte Carofiglio. Und ohne Zweifel richte man Schäden an.
Zum Abschluss des Austausches mit dem Schriftsteller wurde angemerkt, dass viele Charaktere zwei Leben führen: Ist es nur ein literarisches Mittel oder ist es eine existentielle Überzeugung des Autors? Und interpretiert er es optimistisch? Carofiglio erklärte sich als Optimist, was sich im Titel des Romans zeigt. Optimismus heiße nicht, das Leiden und den Schmerz im Leben zu verneinen, sondern sie zu durchqueren, und dabei eine Perspektive zu haben. So wie beim „Horizont der Nacht“: in der Nacht kann man den Horizont nicht sehen, man kann ihn sich aber vorstellen. Und diese Vorstellungskraft ist für Carofiglio der positive Sinn des Lebens.




