Wenn Sicherheit vier Pfoten hat

Ein starkes Team: Christine „Franzi“ H. und Assistenzhund Timmy.
Assistenzhund Timmy unterstützt Christine H. im Alltag mit psychischer Erkrankung – und macht Teilhabe konkret erlebbar
Gießen – Der Bus hält, Türen öffnen sich zischend. Stimmen, Bewegung, Enge. Situationen wie diese waren für Christine „Franzi“ H. – ihren Namen möchte sie auf eigenen Wunsch nicht ausgeschrieben haben – lange kaum zu bewältigen. Heute sitzt sie ruhig auf ihrem Platz. Neben ihr liegt Timmy – blaue Weste, aufmerksam, konzentriert. Ein Assistenzhund bei der Arbeit.
Christine H. lebt mit einer dissoziativen Identitätsstruktur, einer chronischen psychischen Erkrankung. Timmy, viereinhalb Jahre alt, ist ihr anerkannter Assistenzhund. „Ich habe durch ihn viel mehr Freiheiten gewonnen“, sagt sie. „Mein Alltag ist leichter und sicherer geworden.“​
Timmy wurde gezielt für Christines H. Bedürfnisse ausgebildet. Nach intensivem Training legten beide gemeinsam eine staatlich anerkannte Prüfung ab. „Das bedeutet, dass er mich fast überallhin begleiten darf – in Supermärkte, Arztpraxen oder ins Krankenhaus. Natürlich mit Ausnahmen, etwa auf Intensivstationen.“ Trägt Timmy seine Weste, ist klar: Er arbeitet. „Dann sollte er nicht angesprochen oder angefasst werden.“​
Wie sehr der Hund im Alltag hilft, zeigt sich schnell. „Mit Timmy kann ich Bus fahren, mich in größeren Menschenmengen bewegen. Manche Termine schaffe ich mit ihm ganz ohne zusätzliche Unterstützung.“ Er bringt Struktur, Sicherheit und Nähe. „Wir kommen viel raus, ich habe mehr Sozialkontakte. Das Leben ist einfach lebenswerter geworden.“
Doch auch hier gibt es Hürden. „Nicht alle akzeptieren, dass Timmy an Orte darf, wo Hunde normalerweise verboten sind. Ich muss immer wieder um mein Recht kämpfen.“ Manchmal wird ihr der Zutritt verweigert oder Fremde greifen ungefragt nach dem Hund. „Das kostet Kraft – und die habe ich nicht immer.“
In Deutschland sind Assistenzhunde gesetzlich als Hilfsmittel anerkannt. Schätzungsweise leben hier rund 3.000 ausgebildete Tiere, etwa 2.000 davon als Blindenführhunde. Genauere Zahlen fehlen, weil erst seit Inkrafttreten der Assistenzhundeverordnung (AHundV) am 1. März 2023 eine einheitliche Prüfung und Registrierung gilt.
Die Kosten sind hoch: Eine Ausbildung kann 20.000 bis 30.000 Euro kosten, teils mehr. Während die Krankenkassen Blindenführhunde übernehmen, fehlt für andere Assistenzhunde – etwa bei psychischen Erkrankungen – eine flächendeckende Finanzierung. Viele Betroffene müssen Spenden, Stiftungen oder, wie Christine H., Eigenmittel aufbringen.
Bei der Lebenshilfe Gießen, wo Christine H. aktuell ein Praktikum absolviert, wird der Einsatz ausdrücklich unterstützt. Linda Hauk, Leitung Personal aus der Geschäftsführung, betont:  „Assistenzhunde ermöglichen Teilhabe ganz konkret. Sie geben Sicherheit, Stabilität und Selbstständigkeit. Für uns ist klar: Solche Hilfsmittel gehören selbstverständlich in den Arbeits- und Lebensalltag – und müssen respektiert und gefördert werden.“
Christine H. wünscht sich genau das: mehr Wissen und Akzeptanz. „Es gibt viele Arten von Assistenzhunden für ganz unterschiedliche Erkrankungen. Ich wünsche mir, dass sie stärker als Hilfsmittel wahrgenommen werden – und gesehen wird, wie wichtig sie für Betroffene sind.“
Timmy hebt kurz den Kopf. Der Bus fährt an. Alltag – möglich gemacht durch vier Pfoten.
Lebenshilfe Gießen
Die Lebenshilfe Gießen e.V. ist ein gemeinnütziges Unternehmen und begleitet über 3000 Menschen mit und ohne Behinderung in ein selbstbestimmtes Leben.