Schritt für Schritt angekommen

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Marcel Agirman (rechts) ist bei den Bewohner*innen der Seniorenresidenz Fortweg in Watzenborn-Steinberg beliebt. Auch Einrichtungsleitung Stephanie Meis freut sich über das Engagement des 30-Jährigen.

Mit Unterstützung der Lebenshilfe Gießen und dem Budget für Arbeit ist Marcel Agirmann heute fester Teil eines Pflegeteams

Pohlheim – Wenn Marcel Agirman an diesem Vormittag durch die Seniorenresidenz Fortweg in Watzenborn-Steinberg fährt, ist er Teil des Alltags. Er begrüßt Bewohnerinnen, tauscht sich kurz mit Kolleginnen aus, bleibt hier und da stehen. Es sind kleine, selbstverständliche Momente – und genau darin liegt ihre Aussagekraft.

Agirman arbeitet in der Betreuung des Pflegeheims im Rahmen des Budgets für Arbeit. Er plant und leitet Gruppenangebote, organisiert Bewegungs- und Gedächtnistraining, dokumentiert seine Arbeit und ist in die Maßnahmenplanung eingebunden. Aufgaben, die Verantwortung erfordern und Vertrauen voraussetzen. Beides bringt er mit.

„Ich werde hier ganz normal angenommen. Also von jedem Kollegen“, sagt Agirman, der auf einen Rollstuhl und etwas Assistenzbedarf angewiesen ist. Anfangs habe er natürlich darüber nachgedacht, wie sein Einstieg wahrgenommen wird. „Man denkt schon darüber nach, ob Leute vielleicht anders denken.“ Dieses Gefühl habe sich jedoch schnell gelegt: „Das wurde mir sehr schnell genommen. Ich habe das Gefühl gar nicht mehr.“

Arbeit, die nah an den Menschen ist

Besonders wichtig ist ihm der direkte Kontakt. „Mir macht vor allem die Arbeit mit den Bewohnern Spaß“, sagt Agirman. „Auch die Erfahrungen, die man von ihnen sammeln kann – die Geschichten, die sie erlebt haben.“ Viele dieser Gespräche bleiben hängen, manche bringen zum Lächeln, andere zum Nachdenken. „Ich habe hier sehr viele Anekdoten gelernt“, verrät er.

Die fachliche Grundlage für seine Tätigkeit erwarb Agirman über eine Weiterbildung zur Betreuungskraft nach § 43b/53c SGB XI. Im Arbeitsalltag hat er sich Schritt für Schritt weiterentwickelt – auch in Bereichen, die ihm anfangs schwerfielen. „Am Anfang konnte ich am Computer nicht gut arbeiten und dokumentieren“, erinnert er sich. „Mittlerweile ist das für mich gar nichts mehr. Es ist wirklich normal geworden.“

Fester Bestandteil des Teams

Auch aus Sicht der Einrichtungsleitung ist Agirman längst fest integriert. Stephanie Meis, Leiterin der Seniorenresidenz, beschreibt seine Rolle klar: „Er macht nicht einfach nur ein bisschen Beschäftigung, sondern er plant die Gruppenangebote, dokumentiert und ist in die Maßnahmenplanung involviert.“ Agirman sei im Alltagsgeschäft angekommen.

Die Einrichtung betreut rund 76 Bewohnerinnen und Bewohner, etwa 60 Mitarbeitende arbeiten in Pflege, Betreuung, Verwaltung, Küche, Reinigung und am Empfang. Meis sieht darin auch Perspektiven für die Zukunft: „Marcel hat jetzt bewiesen, dass es funktionieren kann.“ Denkbar seien weitere inklusive Arbeitsplätze – etwa in der Küche, der Reinigung oder in Verwaltungsbereichen.

Unterstützung, die den Weg möglich macht

Begleitet wird Agirmans Beschäftigung durch den Fachdienst Berufliche Integration der Lebenshilfe Gießen e. V. Der Fachdienst unterstützt Menschen mit Behinderung beim Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt und begleitet zugleich Arbeitgeber – von der ersten Idee über Praktika und betriebsintegrierte Beschäftigung bis hin zu sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnissen.

Zentrales Instrument ist dabei das Budget für Arbeit. Es ermöglicht Menschen mit Behinderung eine reguläre Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt und bietet Arbeitgebern finanzielle und fachliche Unterstützung. Gleichzeitig sorgt die begleitende Beratung dafür, dass Fragen im Alltag geklärt und Entwicklungen gemeinsam gestaltet werden können.

Petra Emin, Leiterin des Fachdienstes Berufliche Integration der Lebenshilfe, beschreibt den Ansatz so: „Man macht sich gemeinsam auf den Weg.“ Wichtig sei, dass es kein starres Modell gebe. „Es gibt die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren – und es gibt auch immer wieder Wege zurück, etwa in die Werkstatt, wenn das gewollt ist.“

Gerade dieses Wissen um Unterstützung im Hintergrund nehme vielen Beteiligten die Unsicherheit – ohne den Arbeitsalltag zu dominieren. Auch Agirman schätzt, dass es diese Begleitung gibt, ohne ständig im Vordergrund zu stehen.

Neue Erfahrungen, klare Perspektive

Der Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt bedeutet für ihn vor allem neue Erfahrungen. „Natürlich spielt auch Geld eine Rolle“, erklärt Agirman offen. Entscheidend sei aber, dass er hier Dinge lerne, die ihm vorher nicht möglich gewesen seien. „In der Werkstatt lernt man viel, aber hier lerne ich die Arbeit mit den Menschen noch einmal ganz anders kennen.“

Auf die Frage nach seinen Wünschen für die Zukunft antwortet Agirman ruhig und mit einem Lächeln: „Es kann so bleiben, wie es ist.“

Sein Weg zeigt, wie Übergänge mit Unterstützung gelingen können – wenn Menschen gefördert werden und Arbeitgeber bereit sind, Chancen zu eröffnen. Für andere Betroffene kann das ermutigend sein. Und für Unternehmen in der Region ein Hinweis darauf, dass inklusive Beschäftigung mit verlässlicher Begleitung nicht nur möglich ist, sondern den Arbeitsalltag bereichern kann. Weitere Informationen auf www.lebenshilfe-giessen.de.

Lebenshilfe Gießen
Die Lebenshilfe Gießen e.V. ist ein gemeinnütziges Unternehmen und begleitet über 3000 Menschen mit und ohne Behinderung in ein selbstbestimmtes Leben.