Wenn Geduld Farbe bekommt – Kunst in der „Rödi68“

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Gießen – In der internen Tagesstruktur der Wohnstätte Rödgener Straße der Lebenshilfe Gießen, von dem Team und Bewohner*innen liebevoll “Rödi68” genannt, hat Kunst einen festen Platz. Dabei geht es nicht um Leistung, Perfektion oder „schöne Ergebnisse“ im klassischen Sinn, sondern um Prozesse, Zeit und gemeinsames Erleben.
Ein anschauliches Beispiel dafür ist ein aktuelles Kunstprojekt im Bereich Acrylic Pouring. Bei dieser fließenden Maltechnik werden verdünnte Acrylfarben auf eine Leinwand gegossen. Die Farben verlaufen, überlagern und trennen sich wieder – das Ergebnis ist nie vollständig planbar. Gerade diese Offenheit macht den Reiz der Technik aus.
Vorbereitung als Teil der Struktur
Bevor Farbe eingesetzt wird, steht Geduld im Mittelpunkt. Arbeitsflächen werden abgedeckt, Materialien sortiert, Schürzen angezogen. “Für viele Bewohner*innen mit einer Autismus-Spektrum-Diagnose ist diese Phase bereits ein wichtiger Bestandteil der Tagesstruktur: Abläufe wiederholen sich, Schritte sind klar definiert, der Rahmen ist verlässlich”, erklärt Wohnstätten-Leitung Annalena Holtgrefe.
Auch das Anmischen der Farben erfordert Zeit. Acrylfarben werden mit Pouringmedium im passenden Verhältnis verdünnt, vorsichtig gerührt und abgefüllt. Zu schnelles Arbeiten würde Luftblasen erzeugen und das Ergebnis beeinflussen. Solche verlangsamten, strukturierten Handlungen können insbesondere für Menschen im Autismus-Spektrum wertvoll sein.
Gestalten ohne Eile
Beim eigentlichen Arbeiten werden Farben nacheinander auf die Leinwand gegossen oder geschichtet. Anschließend wird sie vorsichtig bewegt, damit die Farbe zu den Rändern fließen kann; alternativ kommt ein Föhn zum Einsatz. Das Bild entsteht langsam und lässt sich weder korrigieren noch beschleunigen.
Für die Beteiligten bedeutet dies: beobachten, warten und Wirkung erfahren. Jede Bewegung verändert das Ergebnis – oft entstehen gerade dort besondere Effekte, wo sie nicht geplant waren. Pädagogisch ermöglicht dies Erfahrungen wie Geduld, Kontrollabgabe sowie das bewusste Erleben von Ursache und Wirkung.
Künstler und “Rödi68”-Bewohner Michel Braun beim Schaffensprozess.
Beteiligung in vielen Schritten
Die Arbeit erfolgt nicht gleichzeitig, sondern nacheinander in überschaubaren Sequenzen. Beteiligung zeigt sich auf unterschiedliche Weise – beim Vorbereiten, Gießen, Bewegen der Leinwand oder beim gemeinsamen Betrachten der Ergebnisse.
Das fertige Bild wird häufig zum Anlass für gemeinsames Staunen. Die großformatigen, farbintensiven Werke zeigen, wie kreative Prozesse auch ohne viele Worte erfahrbar werden können.
Abschluss und Wirkung
Zum Projekt gehört auch das Aufräumen: Materialien reinigen, Tücher zusammenlegen, Arbeitsplätze ordnen. Dieser Abschluss markiert einen klaren Übergang, bevor die Bilder trocknen – meist etwa einen Tag lang.
Die entstandenen Werke werden nicht gewinnorientiert verkauft, sondern gegen Erstattung der Materialkosten abgegeben. Zusätzliche Beiträge fließen als Spende zurück in die Tagesstrukturarbeit und ermöglichen neue kreative Angebote. Aktuell entstehen auch großformatige Auftragsarbeiten, so Annalena Holtgrefe.
Das Projekt zeigt exemplarisch, dass künstlerische Arbeit in der Tagesstruktur weit über das Ergebnis hinausgeht. Sie schafft Raum für Wahrnehmung, Selbstwirksamkeit und gemeinsames Tun – und eröffnet Wege, sich individuell auszudrücken. Weitere Informationen zur Lebenshilfe Gießen und ihren Wohnangeboten auf www.lebenshilfe-giessen.de.
Lebenshilfe Gießen
Die Lebenshilfe Gießen e.V. ist ein gemeinnütziges Unternehmen und begleitet über 3000 Menschen mit und ohne Behinderung in ein selbstbestimmtes Leben.