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Mortimers Weihnachtswunsch

Pohlheim | Mortimer saß teilnahmslos in seinem Rollstuhl und starrte hinaus ins Dunkel.
"Trinken Sie doch bitte Ihren Tee, Mortimer", drang eine freundliche Stimme an sein Ohr.
Es war die Nachtschwester, die, wie jeden Abend, in dem vornehmen Altenheim nach dem Rechten sah.
"Mr. Brewster, so trinken Sie doch Ihren Tee. Er ist schon ganz kalt." Ihre Stimme klang weich und zart. Behutsam legte sie ihre Hände auf seine Schultern und beugte sich ein wenig an die grauen Schläfen des alten Mannes. Vorsichtig zog sie die weinrot karierte Decke, die auf seinen Beinen lag, ein wenig nach oben.

"Lassen Sie nur, Helen. Ich mag heute keinen Tee." Seine Stimme klang monoton. Er wirkte abwesend, starrte unentwegt in das kalte und verschneite Dunkel.

Lange war er nun schon hier, zu lange. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Waren es vier oder fünf Jahre, seit ihn Henry hierher brachte? Henry, sein Sohn, hatte damals beschlossen, ihn nach St. Quentin zu bringen, ein sehr vornehmer und renomierter Altersruhesitz für vermögende ältere Herrschaften unweit von London. "Vater, Du bist ganz in unserer Nähe, nicht mal eine halbe Stunde
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mit dem Auto von uns entfernt. Wir besuchen Dich so oft es geht. Du wirst sehen. Es wird Dir vorkommen, als ob Du noch bei uns in London wohnst." Das waren die Worte seines Sohnes. Seit er in St. Quentin untergebracht war, besuchte ihn Henry lediglich zweimal im Jahr. Das erste Mal an seinem Geburtstag am 12. August und das zweite Mal am 2. Weihnachtsfeiertag. Die anderen 363 Tages des Jahres beschäftigte sich Mortimer in der Seniorengruppe ab achtzig. Die Gruppe der siebzig bis neunundsiebzigjährigen musste er im letzten Jahr verlassen. So waren schließlich die Regeln.

Er konnte sich über St. Quentin nicht beschweren. Er hatte ein sehr schönes und geräumiges Zimmer, es gab vier Mahlzeiten, er konnte in dem eigens großzügig angelegten Park spazieren gehen, eine Runde Schach spielen, die Enten am Teich füttern oder einfach nur auf einer Parkbank sitzen und in die Natur schauen.

Die Abende verbrachte Mortimer meistens alleine in seinem Zimmer, tief versunken in die Gedanken der Vergangenheit. Er dachte an seine Frau Rose, die er vor so vielen Jahren schon verloren hatte.

Er dachte auch an seinen Sohn Henry, seine Enkelkinder und an Henrys Frau, mit der er sich nicht sonderlich gut verstanden hatte.

Nach dem Tod von Mortimers Frau beschlossen Henry und dessen Frau Ruth, dass er nicht mehr in dem schönen Haus wohnen konnte und nahmen ihn zu sich in einen Vorort von London. Anfangs gefiel es ihm dort sehr gut, aber nach und nach bemerkte Mortimer, die Kälte, die ihm entgegen blies.

Es kam vor, dass es ihm nicht gelang, den Suppenlöffel zum Mund zu führen, ohne dass ein wenig Suppe auf die Tischdecke tropfte, denn nach einem heftigen Schlaganfall litt er schubweise an heftigem Zittern. Es kam auch vor, dass ihm der Honig vom Frühstücksbrötchen auf die Tischdecke lief oder er ein frisch angezogenes Hemd sogleich am frühen Morgen mit Tee oder Kaffee beschmutzte.

Mortimer schämte sich immer sehr, wenn ihm dies passierte.

Irgendwann wurde dann beschlossen, dass er nach St. Quentin umziehen müsse, da Ruth dies alles nicht mehr ertragen könne.

Das war schon so lange her.

„Mortimer, trinken Sie doch ein wenig von Ihrem Tee. Er wird Ihnen gut tun und Sie wärmen. Ihre Hände sind ja kalt und schon ganz blau.“
Die Schwester lächelte ein wenig und zog erneut die karierte Decke nach oben. Mortimer wurde aus seinen Gedanken gerissen und sagte plötzlich:

„Ach Helen, wissen Sie, der Tee wird mir nicht gut tun und er wird mich auch nicht wärmen. Wärme, wie ich sie mir wünsche, kann mir eine Tasse Tee nicht geben. Verstehen Sie, was ich meine? Ich habe meine Frau vor vielen Jahren verloren. Eine ganz wunderbare Frau war meine Rose. Wir verbrachten fast unser ganzes Leben miteinander. Wenn ich ihr in die Augen schaute, war dies der Kurs, den ich einschlagen wollte. Als sie starb, starb auch ein Teil von mir. Sie sagte mir, als sie wusste, dass es keine Heilung mehr für sie geben würde, dass sie schon einmal voraus gehe und auf mich warte. Sie wartet jetzt schon so viele Jahre auf mich und ich möchte bei ihr sein.
Henry, unser Sohn, hat keine Zeit. Er ist ein viel beschäftigter Mann, immer auf Reisen.
Meine beiden Enkelkinder habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Morgen ist Weihnachten….Weihnachten, “ wiederholte er leise. Seine Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich wünsche mir so sehr einen festlich geschmückten Tisch mit brennenden Kerzen, einen mit roten und goldenen Kugeln funkelnden Weihnachtsbaum, ein prasselndes Feuer im Kamin, Weihnachtslieder, die leise im Hintergrund zu hören sind, einen wohlriechenden Duft, der aus der Küche dringt, glückliche Kinder und glänzende Kinderaugen, wenn sie ihre Geschenke auspacken, Weihnachtspunsch aus wunderschönen Gläsern, Räuchermännchen, die ihren zarten Duft im Haus verstreuen, tanzende Schneeflocken an den Fensterscheiben und ich wünsche mir meine Familie.“

Helen, die Nachtschwester, hatte sich, während Mortimer erzählte, ganz langsam neben ihn auf dem Fußboden gesetzt. Sie war von seiner Geschichte so ergriffen, dass sich Traurigkeit in ihr ausbreitete.

"Ich wünsche mir so sehr, meinen Sohn wieder in die Arme schließen zu können," klagte er. "Ich bin nun schon so alt, ich weiß nicht, wie viel Zeit ich hier noch habe. Einmal möchte ich noch Weihnachten mit meinem Sohn verbringen." Es wurde still. Mortimer schaute aus dem Fenster in die verschneite Nacht.

Die Zeit verging. Stunde um Stunde saß er, eingewickelt in seine Decke, in seinem Rollstuhl und starrte in die Nacht. Irgendwann war er eingeschlafen und er träumte von Weihnachten.

"Vater, " drang es leise an sein Ohr. "Vater, ich bin es."

Mortimer erschrak. "Henry, oh Henry," flüsterte er. Seine zittrigen alten Hände suchten verzweifelt Henrys Gesicht. "Oh, mein Junge. Du bist da." Mehr konnte er nicht sagen. Er weinte. Er weinte vor Glück. Tränen liefen ihm über die Wangen. "Mein Sohn. Du bist da."

Henry streichelte seinem Vater zärtlich über die grauen Haare. "Ja, ich bin da und ich bin gekommen, um Dich für immer mit zu nehmen." Seine Stimme klang weich und liebevoll.
"Wir wollen jetzt zusammen Weihnachten verbringen, Vater."

Behutsam und sachte drehte er den Rollstuhl vom Fenster und schob ihn zur Tür hinaus und Vater und Sohn verließen das Haus und alles war gut.

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Kommentare zum Beitrag

Andrea Mey
9.445
Andrea Mey aus Lollar schrieb am 08.12.2011 um 21:49 Uhr
Eine wunderschöne, rührende Weihnachtsgeschichte!
Nicole Freeman
6.944
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 09.12.2011 um 06:45 Uhr
traenchen abwischen. ja eine wunderschoene traurige geschichte.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Astrid Wetzel

von:  Astrid Wetzel

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Interessensgebiet: Pohlheim
Astrid Wetzel
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