Edle Zigarren aus Heuchelheim

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Die Tabakindustrie hatte im Gießener Land einst eine große Bedeutung. Ludwig Rinn gründete am 8. Juni 1895 den Betrieb Rinn & Cloos zur Herstellung von Zigarren. Heinrich Cloos, der Kommerzienrat, war Teilhaber. Auf die Leitung der Firma hatte er allerdings keinerlei Einfluss und schied schon im Jahr 1917 wieder aus.

Im Jahr 1920 wurde die offene Handelsgesellschaft umgewandelt in eine Familien-Aktiengesellschaft. Hierbei blieben alle Aktien im Familienbesitz. Daher war lange Zeit ein Aktienkauf nicht möglich und Rinn bewahrte seinen Besitz innerhalb seiner Familie. Der Gründer des Unternehmens, Ludwig Rinn, wurde am 17. März 1870 geboren und er war von einem Heuchelheimer Holzhändler und Landwirt der Sohn. Rinn hatte das Zigarrenmachen bei dem Unternehmen Busch und Mylius erlernt, die sich in Heuchelheim im Jahr 1877 niedergelassen hatte. Ludwig Rinn übernahm 1899 seinen Lehrbetrieb.

Der Startschuss erfolgte mit 60 Mitarbeitern und 1927 waren es schon etwa 3.200 Mitarbeiter. Vornehmlich wurden Sandblattdecken verarbeitet, welche die untersten Blätter von der Tabakpflanze sind, die zuerst reifen und im Geschmack besonders gut und bekömmlich sind. Im thüringischen Treffurt kam 1907 eine Fabrik dazu. Es wurden neben Zigarren auch Zigarillos hergestellt. Das Unternehmen hatte 1933 in 43 Betrieben zur Herstellung sowie fünf Sortierfabriken fast 5.000 Arbeiter. Zudem waren es ein Jahr später 6.000 Betriebsangehörige.

In erster Linie wurden anfangs Männer beschäftigt, die später als Aufseher beim Bau von weiteren Filialen in nahegelegenen Dörfern eingesetzt wurden. Allerdings änderte sich das bald, als die Verantwortlichen bemerkten, dass Frauen mehr Fingerfertigkeit für die Zigarrenproduktion besaßen. Darüber hinaus arbeiteten sie häufig in Heimarbeit.

Nachdem der Zweite Weltkrieg beendet war, lag von Rinns Lebenswerk ein großer Teil in Trümmern. Der zentrale Betrieb in Heuchelheim wurde neben einigen Filialfabriken im Dezember 1944 durch Fliegerangriffe zu 80 Prozent zerstört. In der Sowjetzone gingen Zweigbetriebe verloren.

Nach Kriegsende begann unter der Leitung von dem Gründer Ludwig Rinn sofort der Wiederaufbau. Erneut waren zum Anfang der 1960er Jahre mehrere Tausend Arbeiter beschäftigt.

Im Jahr 1950 wurde Ludwig Rinn zu einem Ehrenbürger der Gemeinde ernannt. Als höchste Auszeichnung berief ihn die Universität Gießen zum Ehrensenator. Er hat sich außerdem um den Bau der Heuchelheimer Turnhalle verdient gemacht. Am 30. Oktober 1958 starb Ludwig Rinn mit 88 Jahren.

In der Geschäftsführung war sein Nachfolger Hans Rinn, sein Sohn. Im Laufe der Zeit fanden dessen Söhne deutlich schlechtere Bedingungen vor. Seit den 1960er Jahren war der Zigarrenkonsum einer ständigen Talfahrt ausgesetzt, weil die Zigarre aus der Mode kam.

Das Heuchelheimer Unternehmen wurde 1991 an die Dannemann-Gruppe verkauft. Bis zum März 1993 fertigte diese noch Zigarren in Heuchelheim. Danach verlegte das Unternehmen die Produktion nach Thüringen (Treffurt an der Werra).

Mitten in Heuchelheim blieb in der Ludwig-Rinn-Straße das ausgedehnte Firmengelände zurück, das zunächst von den Firmenerben an viele Gewerbetreibende vermietet wurde.

Aus Heuchelheim in Gießen ist die Zigarrenproduktion nicht ganz verschwunden: Noch heute wird ein Teil der einstigen Rinn & Cloos-Gebäude zur Produktion genutzt. Es war noch kein Jahr seit der Produktionseinstellung von Rinn & Cloos vergangen, als der Sohn von Hans Rinn, Steffen Rinn, im Jahr 1994 mit seinem Unternehmen „Don Stefano“ begann, Zigarillos und Zigarren herzustellen.

Dabei hat sich das Unternehmen gut entwickelt und der Gründer Steffen Rinn, der Enkel von Ludwig Rinn, bietet erneut vielen Arbeitern Lohn und Brot. Die neue Firma konnte sich schon im Jahr 2001 über die Auszeichnung „Jahressieger der Europäischen Zigarren“ freuen. In die Geschäftsführung ist mit Steffen Rinns Sohn schon die nächste Generation eingebunden.

In Heuchelheim wurde außerdem die Geschichte der Zigarrenproduktion durch das Heimatmuseum dokumentiert.