Bürgerreporter berichten aus: Wettenberg | Überall | Ort wählen...

Still On Fire – die Rolling Stones sind zurück!

von Sebastian Haßam 09.06.20143964 mal gelesen1 Kommentar
"50 Jahre On Tour - Die Livegeschichte der Rolling Stones", Neuauflage Juni 2014
"50 Jahre On Tour - Die Livegeschichte der Rolling Stones", Neuauflage Juni 2014
Wettenberg | Still On Fire – die Rolling Stones kommen noch einmal nach Deutschland – für zwei Konzerte. Es könnten die letzten sein.

Begonnen hatte alles im Spätsommer 1965, als die Stones mit ihren brandneuen Hits „(I Can´t Get No) Satisfaction“ und „The Last Time“ im Gepäck für eine viertägige Blitztournee in Düsseldorf eintrafen. Die von der westdeutschen Presse im Vorfeld geschürten Ängste vor Krawalle sollten sich beim letzten Auftritt der „härtesten Beatband der Welt“ bewahrheiten, als tausende aufgebrachte Jugendliche die Berliner Waldbühne zertrümmerten. Die Bilder hiervon gingen um die Welt und gruben sich unauslöschlich ins Gedächtnis der damals gerade einmal sechzehn Jahre jungen Bundesrepublik.
Es dauerte eineinhalb Jahre, bis die Band im Rahmen einer Europatournee im Frühjahr ´67 erneut nach Westdeutschland kam, wo diesmal alle Auftritte ohne Zwischenfälle verliefen. Nach außen hin galt Multiinstrumentalist Brian Jones nach wie vor als Kopf der Band, auch wenn er intern die von ihm beanspruchte Führungsrolle längst an Mick Jagger verloren hatte. Dennoch war Jones derjenige, der es den Stones ermöglichte, ihre zunehmend komplexeren Songs nun auch auf der Bühne umzusetzen. Fans von damals erinnern sich noch heute an sein Flötenintro zu „Ruby Tuesday“ und die Sitareinlagen zu „Paint It, Black“.
Mehr über...
Stadion (15)Sommer (273)Rolling Stones (10)Musik (1119)Kultur (661)Deutschland (104)
Im Spätsommer 1970 schienen die Rolling Stones am Ende: Brian Jones´ tragischer Tod, das Fiasko von Altamont und die juristischen Auseinandersetzungen mit Ex-Manager Klein um Songrechte und ausstehende Tantiemen in dreistelliger Millionenhöhe hatten Spuren hinterlassen. Bill Wyman: „Wir mussten umdenken, vielleicht sogar eine neue Richtung einschlagen, um zu überleben.“(1) Eine weitere Europatournee stand an, im Rahmen derer abermals vier Deutschland-Konzerte stattfinden sollten. Für ihre Organisation und Durchführung war erstmals Fritz Rau zuständig, der bereits Live-Acts wie die Doors und Jimi Hendrix in die BRD geholt hatte. Gleichwohl stand seine erste Tour mit den Stones zunächst unter keinem guten Stern. Ob in Hamburg oder in Westberlin – tausende professionell gefälschter Konzerttickets sorgen für die bis dato heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Fans und der westdeutschen Polizei in einem ohnehin politisch aufgeheizten Klima.
Wilder, schneller, lauter. 1973 befanden sich die Rolling Stones nach Ansicht vieler auf ihrem spielerischen Höhepunkt, als sie im Zuge ihrer nunmehr vierten Europatournee gleich 11 Deutschlandkonzerte absolvierten. „Das Flair der Band war fast wie das einer kleinen Armee, die eine Stellung im Sturm nahm“, erinnerte sich später Sixties-Ikone Uschi Obermeier, die damals zum inner circle der Band zählte. „Ich habe jedes Konzert von der Bühne erlebt. Dort war die Energie am rauesten und ursprünglichsten, und der Adrenalinrausch von Zehntausenden traf mich in den Rücken.“(2) Das Abschlusskonzert der Tour am 19. Oktober in Westberlin war zugleich Mick Taylors letzter Auftritt als Rolling Stone, da er knapp ein Jahr später überraschend die Band verließ.
Bei ihrer nächsten Europatour 1976 hatte die von ihnen einst selbst in Gang gesetzte Abwärtsspirale aus Partys, Groupies und Drogen die Stones nun selbst erfasst. Ihre selbstparodistische Bühnenshow und die Fülle individueller Fehler im Zusammenspiel führten zu Spekulationen über ein baldiges Ende der Band und intern zu ersten Meinungsverschiedenheiten zwischen Mick Jagger und Keith Richards. Eigentlich hatte sich die Band bereits mit dieser Tour auch vom Hallenkonzept vergangener Tourneen verabschieden wollen, was jedoch im Vorfeld an den zahlreichen Bedenken der jeweiligen Konzertveranstalter gescheitert war. Schließlich willigte Fritz Rau in die Durchführung eines Stadion-Konzerts nach amerikanischem Vorbild ein – die Feuertaufe für den Stadionrock der kommenden Jahrzehnte: „Unser Open-Air-Konzert im Stuttgarter Neckarstadion ging erfolgreich – und vor allem auch zur Zufriedenheit der Rolling Stones – über die Bühne, und trotz noch vorhandener organisatorischer Schwächen war das Publikum doch leidlich zufrieden.“(3)
Als die Rolling Stones sechs Jahre später nach Deutschland zurückkehrten, hatte sich das bislang relativ überschaubare Konzertbusiness in eine regelrechte Industrie gewandelt, die das Rockkonzert von Grund auf veränderte. „Der entscheidende Durchbruch war die Rolling-Stones-Tournee von 1982, die durchgehend in Open-Air-Form stattfand und bei der wir die größten Fußballstadien, wie z.B. das Olympiastadion in München sowie die Fußballstadien in Hannover und Köln, jeweils zweimal bespielen konnten“(4), meinte später Fritz Rau, der allerdings mit der Verpflichtung Peter Maffays als Vorgruppe für die Stones gehörig danebengriff. Die Tatsache, dass die Gesamteinnahmen der Europatour erstmals die ebenfalls in die Höhe geschnellten Produktionskosten weit übertrafen, führte in der Folge zum endgültigen Abschied vom Hallenkonzert – nicht nur für die Rolling Stones.
Manch einer war mehr als skeptisch, als die Band nach achtjähriger Pause auf die europäische Bühne zurückkehrte. Konnte – ja durfte man mit Mitte vierzig noch Rockkonzerte geben? Kritiker behaupteten, den Stones ginge es lediglich darum, mit Hilfe alter Songs nochmals richtig Kasse zu machen. Doch weit gefehlt. Nachdem die Band bereits in den USA mit einer gigantischen Bühnenkonstruktion aus Stahlröhren, Videoleinwänden und meterhohen Gummipuppen für Furore gesorgt hatte, war sie fest entschlossen, auch dem europäischen Publikum eine Show zu bieten, die den Erlebniswert und die visuelle Erfahrbarkeit bisheriger Rockkonzerte in neue Dimensionen steigern sollte. „Für den europäischen Teil der Tournee, die Urban-Jungle-Tour, bauten wir eine andere Version des Bühnenbilds und entwarfen eine ganze Garnitur neuer optischer Elemente […]“(5), so Mick Jagger, der wie immer nichts dem Zufall überließ. Allein in Deutschland erlebten mehr als 750.000 Zuschauer die Urban-Jungle-Tour – Zahlen, die von den darauffolgenden Tourneen nochmals überboten werden sollten.
Bereits 1995 waren die Stones zurück, mit einem Nummer 1-Album (Voodoo Lounge), einer noch spektakuläreren Tourbühne und – einem millionenschweren Sponsoringvertrag mit VW. Fritz Rau, der immerhin zwanzig Jahre mit der Band zusammengearbeitet hatte, stieg aus dem Bieterverfahren für die Deutschlandkonzerte aus: „Wir haben gerechnet und gerechnet und festgestellt, dass wir bei dieser Garantiesumme für die Band die Eintrittspreise mit weit mehr als hundert Mark hätten kalkulierten müssen. Mir erschien damals ein Durchschnittspreis von achtzig Mark bei Open-Air-Konzerten schon hoch genug.“(6) Andere ließen sich blenden und verbrannten sich gehörig die Finger: Der neue Konzertveranstalter „German Tours“ ging mit dem Ende der Voodoo-Lounge-Tour trotz ausverkaufter Konzerte und vergleichsweise hoher Ticketpreise Bankrott.
Bei ihrem nächsten Abstecher nach Deutschland im Zuge der Bridges-To-Babylon-Tour 1998 gingen die Stones dennoch einen Schritt weiter, indem sie nochmals höhere Garantiesummen verlangten. Die unausweichliche Folge bestand in einer weiteren Erhöhung des Zuschauerschnitts, was schließlich eine Reihe weiterer Probleme nach sich zog: So gelang es der Tontechnik bei einem Auftritt auf dem Nürnberger Zeppelinfeld vor 90.000 Zuschauern nicht, das Gelände gleichmäßig zu beschallen. Ähnlich unbefriedigend verlief ein Konzert vor knapp 100.000 Fans auf dem Expo-Gelände in Hannover. Ebenfalls kritisiert wurden die hohen Ticketpreise.
Die Konsequenz seitens der Konzertindustrie bestand nun darin, dass sich bei den nächsten Deutschlandkonzerten der 40-Licks-Tour 2003 kein Konzertveranstalter bereitfand, die immensen Risiken einer Zusammenarbeit mit der Band auf sich zu nehmen. Dennoch blieben gerade die Auftritte dieser Tour bei vielen Fans in guter Erinnerung, da die Band erstmals seit langem nicht ausschließlich in Stadien auftrat. Ein besonderes Highlight war ein Gig im Münchner Circus Krone, wo die Stones eines ihrer besten Clubkonzerte spielten.
Im Nachhinein betrachtet war die Bigger-Bang-Tour 2006/2007 die letzte große Stadien-Tournee der Rolling Stones, bei der sie gleich zwei Sommer in Folge nach Deutschland kamen. Überschattet wurde die Tournee durch einen Unfall Keith Richards´, der im Urlaub von einer Palme stürzte und sich dann gegen alle Bedenken für die Fortführung der Tour entschied: „Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass ich es nicht schaffe, hätte ich das als Erster zugegeben.“(7)
Erst Ende 2012, nachdem in den Jahren zuvor immer wieder Gerüchte über eine unmittelbar bevorstehende Abschiedstournee aufgekommen waren, gingen die Stones wieder auf Tour, deren Auftritte sich vorerst auf Großbritannien und die USA beschränkten.
Dann – endlich – wurden im Frühjahr 2014 die Daten einer Europatour bestätigt, im Zuge derer die Stones nun nach mehr als sieben Jahren Pause nach Deutschland zurückkehren.
Morgen findet am geschichtsträchtigen Ort der Berliner Waldbühne das erste von zwei Deutschlandkonzerten statt. Nicht wenige Zuschauer dürften sich dabei an „The Last Time“, erinnert fühlen, jenem zweiten Hit neben „Satisfaction, mit dem die Stones 1965 erstmals nach Deutschland gekommen waren: „Well this could be the last time/ This could be the last time/ Maybe the last time/ I don´t know.“

Sebastian Haß, Autor: „50 Jahre On Tour – Die Livegeschichte der Rolling Stones“, eBook – Neuauflage Juni 2014 – auf amazon.de (http://www.amazon.de/50-Jahre-Tour-Livegeschichte-ebook/dp/B009U95YYY)

Quellen:
(1) Bill Wyman mit R. Havers: „Bill Wymans Rolling Stones Story“, Dorling Kindersley 2002, S. 360
(2) Uschi Obermeier/ Olaf Kraemer: “High Times. Mein wildes Leben”, Heyneverlag 2008, S.156
(3) Fritz Rau: “50 Jahre Backstage. Erinnerungen eines Konzertveranstalters”, Palmyra-Verlag 2008, S. 61
(4) Fritz Rau: “50 Jahre Backstage. Erinnerungen eines Konzertveranstalters”, Palmyra-Verlag 2008, S. 266
(5) Mick Jagger in „According to The Rolling Stones. Das Buch”, Ullsteinverlag 2003, S.258
(6) Fritz Rau: “50 Jahre Backstage. Erinnerungen eines Konzertveranstalters”, Palmyra-Verlag 2008, S. 265
(7) Keith Richards mit James Fox: „Life“, Heyeneverlag 2010, S. 719

Dies könnte Sie zum Thema auch interessieren

Etabliert in Stadt und Region: Kulturkirche St. Thomas Morus
Katholische Pfarrei St. Thomas Morus ohne Förderverein nicht mehr vorstellbar / Mitgliederversammlung bestätigt Vorstand im Amt
In der jüngste Mitgliederversammlung der Freunde und Förderer der...
Institut für musikalische Ausbildung präsentiert Konzertveranstaltungen bis zum Jahresende
Die beiden Leiter des Instituts für musikalische Ausbildung in...
Der Deutsch-Rumänische Verein Gießen stellt sich vor
(kk) Alles beginnt in diesem Jahr. Karsten Kopp, Initiator des...
BLUESDOCTOR: "Unsere Medizin ist rau und schmutzig!"
Songs From The Timbered House / BLUESDOCTOR Benefizkonzert zugunsten "Musik statt Straße" am 15. August in Kulturkirche St. Thomas Morus
##Benefizkonzert am 15.8.20 unter freien Himmel in St. Thomas...
Es sind noch Plätze frei!
https://www.orgel-information.de/News/2020/6/20200609_3.html
Tea at Five Poster - Absage der Premiere
the Keller Theatre spielt "Tea at Five" im Rathaus Gießen, Achtung: PREMIERE AM 10.09.2020 FÄLLT WEGEN KRANKHEIT AUS
Nach Monaten der Zwangspause durch die Corona-Pandemie steht das...
Open Stage - Offene Bühne für jedermann
NICHT VERGESSEN! Am Freitagabend, 28.08.20 19 Uhr OPEN STAGE / Offene Bühne in der Sommerkulturkirche
Endlich wieder Musik machen. Endlich wieder vor Publikum auftreten....

Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
29.209
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 09.06.2014 um 12:08 Uhr
1965 in München im Krone Bau erlebt. Einfach Klasse.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Sebastian Haß

von:  Sebastian Haß

offline
Interessensgebiet: Wettenberg
61
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
"Live On Stage - Die Tourgeschichte von Led Zeppelin", eBook auf amazon.de/tolino-media.de
“What Is And What Should Never Be”: Led Zeppelin – Live On Stage
Robert Plant nennt neue Tourdaten, während Jimmy Page sich weiterhin...
Rolling Stones starten Nordamerika-Tour 2015
Am Sonntag startet die nächste Nordamerikatour der Rolling Stones in...

Weitere Beiträge aus der Region

Kinder-Wunschzettel-Aktion mit dem Christkind der GIEßENER ZEITUNG
Liebe Kinder, in diesem Jahr könnt ihr eure Wunschzettel fürs...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.