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Anita Pallenberg wird 70!

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Wettenberg | Die einstige Muse der Rolling Stones und femme fatale des Rock´n´ Roll blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

„Ich ging direkt auf Brian [Jones] zu, er gefiel mir am besten. Ich tippte ihm auf die Schulter und hielt ein breites Lächeln bereit, als er sich umdrehte. Aber ich konnte es kaum glauben – er war ganz verstört, den Tränen nahe, und ich dachte irgendwie, es sei mein Fehler.“(1)
Anita Pallenberg

München, 14. September 1965. Als die 22jährige Anita Pallenberg im Schlepptau eines Fotografen in den Backstagebereich der Stones vordrang, ahnte sie nicht, wie sehr dies ihr Leben verändern sollte. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie als Model, gelegentlich auch als Restauratorin oder Graphikdesignerin – immer unterwegs zwischen Rom, London, New York und München.

Die Stones waren ebenfalls unterwegs, doch anders als Anita Pallenberg kamen sie gar nicht dazu, all die neuen Eindrücke um sie herum in sich aufzunehmen. Sie absolvierten eine Tour nach der anderen, allein 1965 waren es sieben, und ihre spärliche Freizeit verbrachten sie größtenteils im Studio.
Brian Jones, der insbesondere in der Bundesrepublik nach wie vor als Kopf der Band galt, hatte in Wahrheit die Führungsrolle an Mick Jagger verloren, der gerade mit Keith Richards (I Can´t Get No) Satisfaction geschrieben hatte.
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Kein Wunder, dass sich Brian Jones sofort nach Anita Pallenberg verzehrte, deren unerschütterliches Selbstvertrauen ihm neuen Halt gab – zumindest vorerst.
„Mein erster Eindruck war der einer sehr starken Frau und obendrein einer extrem intelligenten. Mal ganz zu schweigen davon, dass sie unterhaltsam war und ungeheuer schön anzuschauen“(2), so Keith Richards, der Anita Pallenberg gerne für sich gewonnen hätte. Doch seine Chance sollte kommen – schneller als gedacht.
Im Frühjahr 1967 hatte sich Brian Jones psychischer Allgemeinzustand dramatisch verschlechtert. Er nahm Drogen, wurde immer unzuverlässiger und schlug regelmäßig seine zahlreichen Frauen, die in ihn nach wie vor als verkanntes Genie betrachteten, das er vielleicht auch war. Anita Pallenberg, die mental Brian Jones weit überlegen war, bekam es zunehmend mit der Angst zu tun.
„Brian unterschrieb praktisch seine Scheidungspapiere und machte den Weg frei für Anita und mich“(3), bestätigt Keith Richards, der inzwischen eine mehr oder weniger offensichtliche Affäre mit seiner heimlichen Traumfrau eingegangen war.

Anita Pallenberg und Keith Richards hatten den Schritt gewagt, mit fatalen Folgen für Brian Jones. Bill Wyman: „Brian, den man ohnehin schon vier Jahre lang vom Nervenzentrum der Gruppe ferngehalten hatte, war jetzt vollends isoliert – und was noch schlimmer war – gedemütigt.“(4) Doch in Wahrheit entwickelte sich die neue Beziehung nicht weniger destruktiv. „Etwa zu dieser Zeit sind Anita und ich in die Heroinsucht abgerutscht“, so Keith Richards, der die Gefahr zunächst unterschätzte: „Es [war] sicherlich nicht der Weg zu musikalischer oder sonstiger Genialität. Für mich war es ein Balanceakt. […] Ich brannte, während die anderen lediglich versuchten, den Anschluss nicht zu verlieren.“(5).
Im Sommer ´69 ertrank Brian Jones unter bis heute nicht geklärten Umständen in seinem Swimmingpool. Freunden zufolge plagten Anita Pallenberg Schuldgefühle – sie machte sich Vorwürfe, ihn verlassen zu haben. Die Situation spitzte sich weiter zu, als sie die weibliche Hauptrolle im Undergroundfilm „Performance“ übernahm, dessen sexuell avantgardistische Szenen später zur Indizierung führten. Ihr männlicher Co-Star hießt ausgerechnet – Mick Jagger. Keith Richards: „Es gab natürlich Gerüchte, und ich dachte, wenn sie was Mick anfängt, na dann, viel Glück, mein Junge.“(6)
Anita Pallenberg blieb trotz einer riskanten Badewannenszene bei Keith Richards.
Spätestens nach Altamont 1969 gerieten die Dinge endgültig außer Kontrolle. Bei der Farewell-Tour ´71 durch Großbritannien kurz vor dem Steuerexil in Südfrankreich, begleitete Anita Pallenberg die Band - mit katastrophalen Folgen: „Sie verpassten Züge und Flugzeuge und kamen zu fast jedem Auftritt zu spät.“(7)
Auch die Flucht nach Südfrankreich brachte Keith Richards und Anita Pallenberg keine Ruhe, wo sie umlagert von einer bizarren Community aus Möchtegernfreunden, halbprofessionellen Musikern und Dealern sich um ein halbwegs normales Leben bemühten. „Exile On Main St.“ entstand dort – jenes Album, das heute als Meisterwerk der Stones gilt und die Band hatte für den Sommer eine weitere US-Tour geplant. Mick Jagger, der inzwischen Bianca Perez Moreno de Macias geheiratet hatte, drängte zur Entscheidung. Keith Richards nahm Anita Pallenberg beiseite und nannte ihr eine mehrwöchige Entziehungskur in der Schweiz als letzten Ausweg…

Im Frühjahr 1972 standen Anita Pallenberg und Keith Richards mit dem Rücken zur Wand –
ihre gemeinsame Drogensucht hatte sie fest im Griff: „Die Vorstellung, die ganze Tour aufs Spiel zu setzen, weil ich sie nicht durchstehen würde, war unerträglich – sogar für mich“(8), begründete Keith Richards später seinen Entschluss zum damals noch extrem schmerzhaften Entzug in einer Schweizer Privatklinik.
Anita Pallenberg war zum zweiten Mal schwanger und so bestand auch in ihrem Fall dringender Handlungsbedarf. Doch anders als der Stonesgitarrist konnte sie die hierfür notwendige Willensstärke nicht aufbringen, von ihrer einst so starken Persönlichkeit war wenig geblieben. Keith Richards: „Während ich in der Klinik war, brachte Anita ein paar Häuser weiter unsere Tochter Angela zur Welt. Als ich aus dem Horror wieder auftauchte, nahm ich meine Gitarre und schrieb an einem Nachmittag „Angie“(9)
In der Schweiz zog sich Anita Pallenberg immer stärker von der einst so glamourösen Außenwelt zurück; Angstattacken und jähren Wutausbrüche führten dazu, dass sich viele Freunde nun von ihr abwandten. Mitte der 70er war Keith Richards der einzige, der nach wie vor zu ihr hielt: „Ich liebte sie, ich tat alles für sie. Wenn sie Schwierigkeiten hatte, war ich für sie da.“(10)
Im März 1976 brachte Anita Pallenberg den gemeinsamen Sohn Tara zur Welt. Einige Wochen später befanden sich die Stones auf ihrer Europatour in Paris, als Anita Pallenberg anrief: „Lungenversagen, plötzlicher Kindstod. […] Ich bin nie über Taras Tod hinweggekommen, und sie auch nicht, da bin ich mir sicher. […] Anitas Abstieg beschleunigte sich, sie rutschte tiefer in ihre Angstzustände und die Paranoia.“(11).

Als Keith Richards knapp ein Jahr später wegen Drogenbesitzes in Toronto verhaftet wurde und vor einem grundlegenden Neuanfang stand, trennten sich die Wege beider endgültig. Heute ist sich der Gitarrist sicher: „Ich wäre wahrscheinlich ewig mit Anita zusammengeblieben, aber als es zu diesem alles entscheidenden Punkt kam, ab dem es überhaupt keinen Stoff mehr geben sollte, hat sie einfach weitergemacht.“(12)
Im Sommer 1979, die Rolling Stones befanden sich zu Plattenaufnahmen in Paris, sorgte Anita Pallenberg nochmals für Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass sich ihr 17jähriger Liebhaber in ihrem Haus erschossen hatte. Für Keith Richards war dies der endgültige Schlusspunkt. Seinen Schmerz legte er in die Zeilen eines Songs, den er für Anita und sich schrieb – All About You:
“Oh, tell me those lies
Let me think they're true
I heard one or two
They weren't about me, they weren't about her
They were all about you
I may miss you
But missing me just isn't you”

Anita Pallenberg änderte ihr Leben radikal und es gelang ihr nach jahrelangem Entzug wieder ein normales Leben zu führen. Mit Keith Richards steht sie bis heute in freundschaftlichenm Kontakt, nicht zuletzt auch wegen der gemeinsamen Enkelkinder ihres Sohnes Marlon.

Sebastian Haß, Autor: „50 Jahre On Tour – Die Livegeschichte der Rolling Stones, eBook auf amazon.de

Quellen
(1) Anita Pallenberg in Stephen Davis: Die Stones, Europaverlag 2002, S.182
(2) Keith Richards: Live, Heyneverlag 2010, S.261
(3) Keith Richards: Live, Heyneverlag 2010, S.291
(4) Bill Wyman: „Stone Alone“, Goldmann Verlag 1990, S.484
(5) Keith Richards: „Life“, Heyne Verlag, 2010, S.346f.
(6) Keith Richards: „Life“, Heyne Verlag, 2010, S.340
(7) Tony Sanchez: „30 Jahre mit den Rolling Stones“, Heyne-Verlag 1993, S.220
(8) Keith Richards: „Life“, Heyne Verlag, 2010, S.427
(9) Keith Richards: „Life“, Heyne Verlag, 2010, S.429
(10) Keith Richards: „Life“, Heyne Verlag, 2010, S.515
(11) Keith Richards: „Life“, Heyne Verlag, 2010, S.510
(12) Keith Richards: „Life“, Heyne Verlag, 2010, S.543

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