Bürgerreporter berichten aus: Wettenberg | Überall | Ort wählen...

Krieg in Syrien: Zwischen Pest und Cholera

Dr. Kamal Sido und Tom Koenigs (im Bildvordergrund) stellten sich den Fragen der Zuhörer.
Dr. Kamal Sido und Tom Koenigs (im Bildvordergrund) stellten sich den Fragen der Zuhörer.
Wettenberg | Syrien "zwischen Pest und Cholera"

4000 km ist er entfernt, und doch ganz nah: Der Krieg in Syrien. Nah zum einen, weil Flüchtlinge aus Syrien nach Gießen kommen, nah zum anderen, weil viele kurdische Familien, die in Gießen leben, verwandtschaftliche Beziehungen nach Syrien haben und unmittelbar vom Krieg betroffen sind. Das nahmen die Deutsch-Kurdische Gesellschaft und Bündnis 90/Die Grünen Gießen zum Anlass, um zu einer mit Dr. Kemal Sido von der Gesellschaft für bedrohte Völker und Tom Koenigs, Bundestagsabgeordneter der Grünen, hochrangig besetzten
Diskussionsveranstaltung in die Kongresshalle eingeladen. Mehmet Tanriverdi, Ehrenvorsitzender der Deutsch-Kurdischen Gesellschaft und Stadtverordneter, moderierte und führte durch die Diskussion.

Auf dem Podium saßen Dr. Kamal Sido, ein in Syrien geborener und aufgewachsener Politologe, der als Nahostreferent für die Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen tätig ist, und Tom Koenigs, Bundestagsabgeordneter der Grünen, Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses und auf Grund langjähriger Tätigkeit für die UN anerkannter Experte in Menschenrechtsfragen. Circa 60 Interessierte waren ins voll besetzte Kerkrade-Zimmer gekommen.

Mehr über...
Dr. Kamal Sido zeigte sich erfreut über den Beginn des arabischen Frühlings, den demokratischen Aufbruch und das Ende der Diktatoren: "Endlich haben meine Reden doch mal was genutzt." Er führte jedoch aus, dass die friedliche und demokratische Revolution zunehmend von islamistischen Kräften unterwandert worden sei und heute in Syrien von diesen dominiert werde. Sie wollten einen sunnitisch-muslimischen Staat, der die Minderheiten in Syrien, Aleviten, Christen und Kurden, unterdrückt. Für einen multikonfessionellen Staat wie Syrien sei das aber nicht hinnehmbar, die Menschen wollten sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen, weder durch einen Diktator wie Assad, noch durch eine religiöse Diktatur. Sido warf auch der türkischen Regierung unter Erdogan vor, die islamistischen Kräfte zu unterstützen: „Ich habe selbst gesehen, wie islamistische Gruppen, die weltweit als Terrororganisationen gelten, in türkischen Städten an der Grenze umherfahren und ihre Kämpfer in türkischen Krankenhäusern behandelt werden." Die Regierungen der westlichen Welt nähmen die islamistische Unterwanderung der Revolution zu wenig zur Kenntnis. Außerdem müssten sie mit allen Gruppen sprechen.

Tom Koenigs betonte die Unübersichtlichkeit der Situation und die Marginalisierung der demokratischen Kräfte. Er wies auf die starke Rolle Russlands hin, das aus machttaktischen Gründen – Russland hat eine Militärbasis an der syrischen Küste – einseitig auf Assad gesetzt und ihn politisch, diplomatisch und militärisch
unterstützt hätte. „Russland hat jede kritische UN-Resolution Assad betreffend zu Fall gebracht.“ Dadurch sei der Bürgerkrieg auch zu einem Stellvertreterkrieg der Weltmächte geworden. "Der Schlüssel zu einer diplomatischen Lösung liegt in Moskau", spitzte Koenigs zu. Nur Putin habe Einfluss auf Assad und könne ihn dazu bringen, an den Verhandlungstisch zu kommen. Koenigs sagte weiter, dass er, obgleich Friedensfreund, zur Kenntnis nehmen müsse dass im aktuellen Konflikt offensichtlich allein die militärische Drohung der USA zu einer gewissen Verhandlungsbereitschaft von
Putin und Assad geführt habe. Gleichzeitig wies Koenigs auf die Verantwortung Europas und Deutschlands hin: "Wenn wir auch sonst nichts tun können, wir können uns um die
Opfer kümmern". Er plädierte erneut für die Aufnahme von mehr syrischen Flüchtlingen in Deutschland und Europa.

Ein Zuhörer berichtete von seinem Besuch in Flüchtlingslagern in der Türkei und Jordanien. Gewalt, Vergewaltigung und Mädchenhandel seien dort an der
Tagesordnung. Mehrere Diskutanten bekräftigten die Haltung der Referenten, dass der Konflikt nicht militärisch zu lösen sei, und plädierten für einen Verhandlungsfrieden. Dazu seien die Konfliktparteien aber nur bereit, wenn sie überzeugt seien, dass sie den Krieg nicht militärisch gewinnen könnten. Deshalb müssten sich Russland und die arabischen Staaten, die die Konfliktparteien unterstützten, an den Verhandlungstisch setzen.

Kommentare zum Beitrag

Leider gibt es noch keine Kommentare zu diesem Artikel.
Schreiben Sie doch den ersten!

Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Eva Kissel

von:  Eva Kissel

offline
Interessensgebiet: Wettenberg
11
Nachricht senden

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.