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Ehemaligem Friedhof als Schulstandort

Wettenberg | Mit Verwunderung haben wir zur Kenntnis genommen, dass die strittige Frage ob ein ehemaliger Friedhof im Wettenberger Ortsteil Krofdorf-Gleiberg für einen Schulstandort herangezogen werden kann, zwischen der Gemeinde Wettenberg und den christlichen Kirchengemeinden beraten wird, ohne dass die Freireligiöse Gemeinde hierüber vorab informiert oder um Stellungnahme gebeten wurde. Diese Vorgehensweise steht in eklatantem Widerspruch zur Geschichte dieses Friedhofes, soweit diese heute bekannt ist.
Dieser Friedhof entstand genau in der Zeit, in der sich die Spaltung der evangelischen Kirchengemeinde bereits abzeichnete und die Mehrheit der Bevölkerung Krofdorf-Gleibergs aus der evangelischen Kirche austrat und sich in der Konsequenz vom Christentum lossagte.
Historisch ungeklärt ist derzeit noch, ob die Anlage dieses Friedhofes hiermit im Zusammenhang zu sehen ist, da bereits vor den ab 1860 erfolgenden massenhaften Kirchenaustritten den freisinnigen Kirchenmitgliedern von dem pietistisch orientierten Pfarrer mit Deckung durch die Kirchenhierarchie sogenannte Amtshandlungen, wie Taufen und Hochzeiten verweigert
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wurden, ob das auch bei Bestattungen vorkam, ist derzeit nicht historisch verbürgt. In jedem Fall hat dieser Friedhof durch diese Entwicklungen eine besondere historische Bedeutung, die untrennbar mit der Kirchenaustrittswelle in den Jahren 1860/1861 und damit mit der Geschichte der Freireligiösen Gemeinde verbunden ist. Auf diesem Friedhof ist kein einziger Katholik beerdigt, diese gab es zu den Zeiten als sich am heutigen Aubernweg, zwischen Krofdorf und Gleiberg ein Friedhof befand, noch nicht, aber hier sind mehrere hundert Dissidenten beerdigt, wie man die Mitglieder der Freireligiösen nannte, denen man die Anerkennung als Religionsgemeinschaft - ein elementares Menschenrecht – verweigerte. Sollte man bei eventuellen Grabungen auf Gräber stoßen, dann gibt es durchaus eine große Wahrscheinlichkeit, dass es sich um das Grab eines solchen Dissidenten handeln könnte, dem man sein Menschenrecht auf Anerkennung seiner Religion bis in den Tod verweigerte, der gegen seinen Willen den evangelischen Religionsunterricht besuchen musste und der keinen Wert auf eine nachträgliche christliche Aussegnung legt. Die einzige Lösung dafür kann nur eine übergreifende Gedenkveranstaltung sein und wir sind bereit darüber in den Dialog mit den Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften einzutreten.
Der Umgang mit dem Tod wird in unterschiedlichen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten verschieden gelebt und unterliegt auch Wandlungen. Freireligiöse sehen den Tod als etwas Natürliches an, das untrennbar zum Leben gehört und die meisten von uns halten es für wichtiger, was man für andere Menschen zu deren Lebzeiten getan hat, als die Frage, wie lange man um sie trauert; aber auch da gibt es unterschiedlich ausgeprägte Sensibilitäten, denen man gerecht werden sollte und muss, dazu gehört aber auch, dass man einen ehemaligen Friedhof nicht instrumentalisieren sollte, um anderen Argumentationen auszuweichen. Hieraus folgt für uns auch, wenn eine Nutzung für eine Schule oder ein Familienzentrum ausscheidet, dass dann nur eine Parkanlage bleibt und eine Nutzung als Bolzplatz oder Bouleplatz ebenfalls mit einem ehemaligen Friedhof nicht vereinbar ist, falls diese ebenfalls ganz oder teilweise auf ebendiesem Gelände liegen. Wir könnten uns aber als Freireligiöse auch vorstellen, dass man über die Nutzung des Platzes gesamtgesellschaftlich diskutiert und auf den ehemaligen Friedhof und seine besondere Geschichte, als des Friedhofes der Dissidenten in würdiger Form hinweist.
Es gibt sicherlich viele Argumente über den Standort einer Schule, die Notwendigkeit eines Familienzentrums, den Erhalt und die Nutzung eines vorhanden Schulgebäudes, wir fühlen uns aber nicht berufen als Religionsgemeinschaft dazu Stellung zu beziehen, da kann und soll jeder von uns für sich selber sprechen.

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