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CD-Test: „Traumtänzer“ von „Schandmaul“

Wettenberg | Wie klingt eigentlich mittelalterliche Musik? Die Frage stelle ich mir ernsthaft, wenn ich mir die ganzen Rezensionen über entsprechende Bands anschaue, die eben dieses Genre bedienen, und die immerwährende Diskussion, ob das jetzt noch genug „echtes Mittelalter“ oder schon zu viel Massentauglichkeit und Kommerz ist. Halten wir einmal fest: Laut musikwissenschaftlicher Definition hat die heutige mittelalterliche Musik, die sich ab Ende der 80er Jahre entwickelte, mit der ursprünglichen Musik des Mittelalters oft nur am Rande zu tun, so dass es sich dabei um ein neues und eigenes Genre handelt. Die Diskussion, was denn nun eine echte Mittelalterband ist und was nicht, dürfte sich damit erledigt haben. Fakt ist: das neue Genre ist populär, und spätestens, seit Gruppen wie „In Extremo“ und „Subway to Sally“ Instrumente wie Geige, Dudelsack, Schalmei und Drehleier zwischen die tradierten Rockinstrumente gepackt und damit in Fernsehshows wie dem „Bundesvision Song Contest“ Erfolge verbucht haben, auch der breiteren Masse bekannt. Galten die beiden genannten Gruppen lange Zeit als die bekanntesten, werden die beiden Ost-Bands nun von einem Sextett aus Bayern eingeholt. “Schandmaul“ aus München stehen mit ihrem siebten Studioalbum „Traumtänzer“ derzeit ganz oben in den Albumcharts und sind von den deutschen Bühnen nicht mehr wegzudenken.
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Der Longplayer eröffnet dann auch direkt mit einem Hit: Der Titeltrack „Traumtänzer“ geht mit seiner gelungenen Mischung aus Irish-Folk-Elementen und fast punkigen Parts voll in die Beine, angetrieben von einer verspielten, lebensfrohen und leichten Flöte. Ebenfalls tanzbar ist das mystisch-verspielte, rockige „Hexeneinmaleins“, das inhaltlich stark an Goethes „Zauberlehrling“ erinnert. Ohnehin muss es bei den „Schandmäulern“ Literaturfans und Leseratten geben, weisen doch erstaunlich viele Stücke derartige Bezüge auf. „Der Alchimist“ etwa ist entfernt an das gleichnamige Buch des Brasilianers Paulo Coelho angelehnt, das bedrohlich anmutende und von schweren Dudelsack-Klängen eingeleitete „Schwur“ erzählt die Geschichte des magischen Ringes aus Tolkiens „Herr der Ringe“. Und, wer hätte das ob des einfallslosen Titels vermutet, „Bis zum Morgengrauen“ zitiert die „Twilight“-Saga und das allseits beliebte Vampirthema – allerdings ist der Hauptcharakter des Songs eine Vampirin, welcher der Protagonist zu
"Schandmaul".
"Schandmaul".
Füßen liegt. Inhaltlich widmet sich das Album genretypischen und leider fast abgelutschten Themen und Bildern: Neben Seefahrt und Alchimist kommen auch Teufelspakte („Pakt“) und Hexenverfolgung („Aassasine“) aufs Tableau. Romantische Motive verwendet die von der Akustik-Gitarre eingeleitete Ballade „Die Rosen“, die zum Träumen anregt. Neben den klassischen Bildern haben die Münchner aber auch Sozialkritik versteckt, erzählt „Der Alchimist“ von Habgier und davon, dass Reichtum nicht glücklich macht. Selbstironisch präsentiert sich Texter Thomas Lindner in „Des Dichters Segen“, das von der oft prograstinierenden Haltung und der von anderen als unnütz empfundenen Arbeitsweise von Künstlern erzählt. Lindner ist überhaupt derjenige, der an der Band am meisten Spaß macht, denn er ist wandelbar wie ein Hollywood-Schauspieler. Mal gefühlvoll-schmachtend auf „Halt mich“, mal geheimnisvoll wie auf „Hexeneinmaleins“, dann wieder diabolisch-rauh wie auf „Schwur“ – es gibt keine Facette, die der gebürtige Bremer auf dieser Scheibe nicht zeigt. Begeisternd ist auch das Zusammenspiel der Instrumente bei „Schandmaul“, die ihr Handwerk wirklich verstehen: Nie überwiegt ein Instrument zu sehr, nie unterdrücken die Mittelalter-Elemente die Rockparts oder umgekehrt.

 
"Schandmaul".
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Kommentare zum Beitrag

Tim Gross
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Tim Gross aus Gießen schrieb am 14.02.2011 um 10:51 Uhr
Schön einen Beitrag von dir zu lesen. Wobei ich ehrlich gesagt mit dieser Musik nicht ganz so viel anfangen kann. Dann doch lieber irischen Rock wie von den Young Dubliners :-)
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von:  Sabine Glinke

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Interessensgebiet: Wettenberg
Sabine Glinke
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