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Vergessene Menschen: Ermordete Zwangsarbeiter.

Wettenberg | Wer kennt heute noch Germaine Durocher? Germaine Durocher war eine französische Zwangsarbeiterin, die ab September 1943 in Gießen bei Bänninger arbeitete. Unter den 76 französischen Zwangsarbeitern bei Bänninger war ab Oktober 1943 auch ihr Mann René. Harte Arbeit, schlechte Ernährungslage und mangelhafte Unterbringung im Lager Bänninger zogen Entkräftung und Krankheiten nach sich. Als Germaine im Dezember 1944 erkrankte und nicht mehr arbeiten konnte, stellte man die Diagnose Tuberkulose – eine durchaus häufige Erkrankung unter diesen Bedingungen.

Am 28. Januar 1945 verbrachte man sie in die Anstalt Hadamar, wo sie wenige Tage nach ihrer Ankunft ermordet wurde. Von Ende Juli 1944 bis zur Befreiung Deutschlands vom Faschismus wurden in Hadamar mehr als 600 Zwangsarbeiter, die wegen Tuberkulose oder anderer Krankheiten nicht mehr arbeiten konnten, umgebracht.

Im Prozess im Oktober 1945 vor dem Militärgericht in Wiesbaden leugneten die Täter die Taten nicht. Aus den Aussagen geht hervor, dass die Opfer direkt nach Ankunft mit Spritzen umgebracht wurden, die Todesbeurkundungen dann Tage später verfasst und sowohl Todesdatum als auch Ursache gefälscht wurden, um die Taten zu verschleiern.
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Der Verwaltungsleiter und zwei Pfleger wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet, der eigentlich Hauptverantwortliche Arzt, Adolf Wahlmann wurde mit Rücksicht auf sein Alter zu lebenslänglich verurteilt. In einem weiteren Hadamarprozess in Frankfurt wurde Wahlmann dann 1947 wegen 900 fachem Mord zum Tode verurteilt, im Revisionsverfahren wurde das Strafmaß bestätigt jedoch der Vorwurf auf Anstiftung zum Mord reduziert.

Nach Inkrafttreten des Grundgesetzes war die Todestrafe abgeschafft und das Urteil wurde in lebenslänglich abgeändert. In 1952 wurde Wahlmann aus amerikanischer Haft in ein deutsches Gefängnis überführt und dann im Oktober 1953 entlassen.
Noch im Juni 1947 schrieb die Firma Bänninger in einer Stellungnahme, dass Frau Durocher in der „TB-Station der Anstalt …verstorben“ sei. Germaine Durocher wurde nur 28 Jahre alt.

Aus Gießen kommend wurden weitere Zwangsarbeiter in Hadamar ermordet. Der Pole Adolf Gritzmann wurde im November 1944 im Alter von 42 umgebracht. Der Sowjetrusse Michail Kontschina, der bei der Reichsbahn Zwangsarbeit leistete, war nur 23 Jahre alt als er im November 1944 ermordet wurde. Der Pole Jan Szwed wurde zur Arbeit bei Poppe verschleppt und starb im Dezember 1944 im jugendlichen Alter von 22 Jahren von Mörderhand.

Auch aus vielen Orten des Gießener Umlands wurden Zwangsarbeiter in Hadamar ermordet. Heute erinnert bei uns nichts mehr an die vielen Tausend Zwangsarbeiter und die Opfer der unmenschlichen Arbeitsbedingungen und des „Rassenwahns“.

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Kommentare zum Beitrag

Christine Stapf
8.364
Christine Stapf aus Gießen schrieb am 09.10.2020 um 12:24 Uhr
Danke Herr Bender für Ihre Zeilen. Ich denke die Wenigsten wissen, dass auch in unserer Nähe diese grausamen Taten stattgefunden haben. Und wenn derer gedacht wird, dann sind es nur große Namen.
Vor Jahre besuchte ich eine Gedenkstätte im Landkreis Marburg-Biedenkopf.

http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/105485/auch-im-marburger-land-war-buchenwald/
Kurt Wirth
3.471
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 09.10.2020 um 17:23 Uhr
es freut mich, lieber Dieter, Dich als früherer Kunde unserer Buchhandlung "Wissen und Fortschritt" (vor fast 50 Jahren) nun als Bürgerreporter der gz anzutreffen.

Der geschilderte Massenmord an Zwangsarbeiter*innen war mir bis dato unbekannt. Auch von anderorts. In meiner jetzigen Wahlheimat Kempten sind außerhalb des jüdischen Friedhofs in den letzten Kriegsjahren ca. 160 tote Zwangsarbeiter*innen auf Geheiß der Gestapo verscharrt worden, die nach Hunger, Krankheit und Entbehrung gestorben waren, in Nuancen doch was anderes.

Dieser Tage wurde in Kaufbeuren ein Stolperstein für den polnischen Zwangsarbeiter Stefan Smiglarski verlegt, der mit 19 Jahren durch Erhängen hingerichtet wurde. Er hatte versucht, in seine Heimat zu fliehen. Alle weiteren Zwangsarbeiter der Munitionsfabrik mußten zur Abschreckung zusehen.

In Kempten wurden vor ein paar Jahren zwei Stolpersteine verlegt, ebenfalls für polnische Zwangsarbeiter. Dem 27-jährigen Boleslaw Baran und dem 17-jährigen Josef Chalupka wurden Streitigkeiten mit ihren landwirtschaftlichen "Arbeitgebern" zum Verhängnis, dem älteren zudem Abhören von Feindsendern. Sie wurden im Abstand von vier Wochen in Wäldchen am Stadtrand erhängt. Zu den Henkerdiensten wurden Häftlinge des Kemptener Aussenlagers des KZ-Dachau gezwungen. Auch hier mußten jeweils ca. 100 weitere Zwangsarbeiter*innen zusehen.

Auch die Polen Stanislaw Czycz (20) und Piotr Kalicki (30) wurden wegen Diebstahls und anschließender Flucht 1943 in Kempten hingerichtet.

Von meiner Verwandtschaft hatte ich viele Jahre übermittelt bekommen: Die Zwangsarbeiter wurden human, und so weit bei den Bauern beschäftigt, praktisch wie Familienangehörige behandelt. Auch so weit sie in Lagern waren, durften sie am Sonntag dieses verlassen, um in die Kirche zu gehen. Sogar Bergtouren im Allgäu hätten sie am Wochenende unternehmen können. Das mag es in Einzelfällen auch gegeben haben.
67
Dieter Bender aus Wettenberg schrieb am 11.10.2020 um 14:04 Uhr
Lieber Kurt
Da könnte Dich folgender link interessieren:
https://collections.arolsen-archives.org/archive/76763568/?p=1&s=Iwaniszyn&doc_id=76763568
Der verweist auf den polnischen Zwangsarbeiter Julian Iwaniszym, der in Kempten eingesetzt war und am 12.8.1943 in Stadelheim enthauptet wurde.
Kurt Wirth
3.471
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 11.10.2020 um 17:12 Uhr
Oh ja, vielen Dank.
Kurt Wirth
3.471
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 13.10.2020 um 17:48 Uhr
Durch weitere Nachforschungen auf Grund des vorgenannten Links hat sich jetzt herausgestellt: Stanislaw Czycz und Piotr Kalicki und zwei weitere zwangsarbeiter aus Kempten wurden nach Verurteilungen durch den Volksgerichtshof in München-Stadelheim enthauptet. Ihre Flucht, die in Richtung Schweiz ging (Festnahme zwischen Bregenz und dem schweizerischen Grenzort St.Margarethen), hatte den Zweck, sich dort der "Polnischen Legion" anzuschließen, die mit der polnischen Exilregierung in London kooperierte und auch um militärische Kämpfer warb.
Thorsten Lux
911
Thorsten Lux aus Buseck schrieb am 13.10.2020 um 19:42 Uhr
Danke Herr Bender. Ich habe oft das Gefühl, dass gerade das hinter den unfassbaren Dimensionen verschwindet: was das für die einzelnen Menschen bedeutet hat. Welches Leid sich hinter den Zahlen und Daten verbirgt. Schön dass es Ihnen gelungen ist, die Menschen hinter der Geschichte sichtbarer zu machen.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Dieter Bender

von:  Dieter Bender

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Interessensgebiet: Wettenberg
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