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Vortragsreihe: Dreimal voll besetzter Seminarraum im Holz- und Technikmuseum

Wettenberg | „Der Klimawandel betrifft und als Menschen. Um das Leben auf der Erde an sich muss man sich keine Sorgen machen.“ Dieses Zitat eines der Referenten könnte das Gesamtfazit der dreiteiligen Vortragsreihe „Was hat der Klimawandel mit Wettenberg zu tun?“ sein. Dazu hatte im März die Landschaftspflegegemeinschaft Wettenberg e. V. eingeladen. Vorsitzender Hans-Richard Wegener hatte sich um Referenten zu den Themen Wald, Vögel und Blühflächen bemüht.
Den Anfang machten Thomas Ullrich (Mitarbeiter der Landesbetriebsleitung) und Udo Steiger (Revierleiter Krofdorf) von HessenForst. Ullrich zeigte anhand von Daten des Deutschen Wetterdienstes, dass jedes der vergangenen zwanzig Jahre wärmer war als das langjährige Mittel. „Gesunde Wälder reduzieren den Klimawandel, denn sie funktionieren als Kohlenstoff-Senke.“, so Ullrich. Aber: Wenn die globale Erwärmung nicht auf 2°C begrenzt werde, würden die Wälder absterben. Somit seien die Wälder nur bis etwa 2070 eine Kohlenstoff-Senke, so dass bis dahin der Kohlenstoff-Vorrat in den Bäumen steige. „Die sterbenden Wälder setzen dann aber Kohlenstoff frei und beschleunigen
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den Klimawandel“, so Ullrich. Aus forstlicher Sicht müsse man schauen, wie man die Wälder heute durch Baumartenwahl für die Zukunft aufstellen könne. In Deutschland kommen neben vier Hauptbaumarten nur 46 weitere vor, so dass man auf Bäume aus anderen Regionen der Erde zurückgreifen müsse. Sein leidenschaftlicher Appell an die Politik: „Umweltfreundliche Dienstleistungen und Produkte müssen finanziell deutlich bessergestellt werden. Subventionen für klimaschädliche Produkte gehören abgeschafft.“
Udo Steiger warf dann einen Blick in den Krofdorfer Forst. Hier mache sich bereits bemerkbar, dass in den vergangenen zehn Jahren die Niederschläge geringer und die Jahresmitteltemperaturen höher waren als im Referenzzeitraum 1961-1990. Gerade die Jahre 2015 und 2016 waren kritisch, fehlten doch 30 % der Regenmenge. „Die Bäume geraten in Hitze- und Trockenstress. Sie werden anfälliger gegenüber Insekten und Pilzen, die wiederum durch die mildere Witterung begünstigt werden.“ Insgesamt sinke die Vitalität der Bäume, was Steiger an den Baumarten Buche, Eiche und Fichte darstellte. „Wenn einzelne Bäume betroffen sind, ist das kein Problem. Das entstehende Totholz ist ökologisch vorteilhaft, da eine ganze Reihe Lebewesen davon abhängt“, betonte er. „Kritisch ist, wenn die Bestände flächig betroffen sind und absterben.“ Auf solchen Flächen könne sich rasch Landreitgras ausbreiten, die Neubegründung eines Baumbestands sei dann sehr schwierig. „Das Gras nimmt den jungen Bäumen das Wasser und bietet Versteck für Mäuse. Die nagen im Winter dann die Bäume an.“ Für die Zukunft sei es wichtig, die Wälder breit aufzustellen: Verschiedene Arten, durchmischte Altersstruktur. Nur so könne man Risiken streuen und verteilen. „Für uns Förster war das Klima immer ein konstanter Faktor, so wie das Boden. Bereits heute ändert es sich so schnell, dass uns das Erfahrungswissen der Förstergenerationen vor uns nicht mehr weiterhilft“, so seine Erkenntnis.
Teilweise aufbauend auf den Zukunftsszenarien des Wettenberger Waldes wagte im nächsten Vortrag Tim Mattern einen Blick in die Zukunft der Wettenberger Vogelwelt. Absterbende Wälder würden zunächst vermutlich die Spechte begünstigen. Nach deren Zusammenbruch könnten die Lichtungen von Neuntöter und Baumpieper besiedelt werden, bevor die aufwachsende Sukzession wieder einen anderen Lebensraum bietet. Zuvor erläuterte Mattern, warum sich Vogelbestände überhaupt ändern und untermauerte dies jeweils mit Beispielen. Verluste oder Änderungen von Lebensräumen seien ein Kernpunkt, diese könnten sich offensichtlich oder auch weniger augenfällig vollziehen. „Der Flussregenpfeifer benötigt Kiesbänke oder andere vegetationslose Bodenbereiche für die Brut“, führte der Beauftragte der Staatlichen Vogelschutzwarte an. Im Naturschutzgebiet Holzwäldchen habe die Art zehn Jahre lang gebrütet, bis der Pflanzenbewuchs zu hoch und zu dicht war. Luftfotos von 1935, 1984 und 2017 leiteten zu einem anderen Beispiel über: „Agrarland mit Feldern sieht für uns nach wie vor aus wie Agrarland mit Feldern. Aber hier haben sich Änderungen ergeben, die sich unmittelbar auf die Feldlerche auswirken.“ In einem Untersuchungsgebiet im Hardtfeld habe sich die Anzahl der Felder von 1998 bis 2017 halbiert, der Feldlerchenbestand sei gleichzeitig um zwei Drittel gesunken. Nahrungsverfügbarkeit sei ein weiterer wesentlicher Faktor, wie am Bruterfolg der Schleiereulen verdeutlicht werden konnte. Ein Beispiel für Einflüsse von Witterungsereignissen waren die Mehlschwalben, in deren Brutstatistik sich der Effekt eine Extremwetterlage auf dem Zug in die Winterquartiere im Jahr 1974 zeige. Zuzug und Abwanderung aus oder in andere Regionen sei zu berücksichtigen, auch Arealveränderungen wie die von Türkentaube oder Beutelmeise. Die Einstellung der Verfolgung durch Menschen habe zur Rückkehr von Kolkrabe, Wanderfalke, Schwarzstorch, Uhu und Kormoran nach Hessen geführt. Grundlage der Ausführungen war unter anderem das Buch „Schützenswerte Lebensräume in Wettenberg“ von 1989 mit einem Verzeichnis der Vögel Wettenbergs, das aktuell fortgeschrieben wird.
Die Bedeutung der Feldraine als Vorbild für Blühflächen war Thema der dritten Vortragsveranstaltung. Michael Link warf zunächst einen Blick auf die Kulturlandschaft früherer Zeiten und wie sie beispielsweise in Teilen Polens heute noch ist. Vielgestaltig mit eher kleinen Äckern, diese getrennt durch Raine. „Rain bedeutet vom Wortstamm Ackergrenze, von daher hatte man ein Interesse daran, diese als Markierung der Grundstücke nicht zu zerstören.“ In Deutschland habe sich seit der Nachkriegszeit das Landschaftsbild durch Bodenmelioration und Verlust von Kulturpflanzenarten gewandelt. Die Wildkräuter im Ackerbau seien aber auch in ihrer Lebensweise jeweils eng mit bestimmten Kulturen verknüpft und gingen daher mit verloren. In artenreichen Rainen im Grünland könne man bis zu 70 Pflanzenarten finden. Untersuchungen von Landschaftsausschnitten in Polen ergaben Artenzahlen von rund 160 Pflanzenarten auf 6,25 Hektar – einschließlich der Kulturpflanzen. Auf den Rainen kamen davon 100 Pflanzenarten vor. „Die Raine machten nur 3 % der Fläche aus. Es stimmt mich eigentlich hoffnungsvoll, dass man auf so geringem Flächenanteil ungenutzter Strukuren so viel Artenvielfalt schützen kann“, sagte der Referent. Er empfahl eine Mindestbreite von drei Metern, wolle man den Artenreichtum auf höchstem Niveau halten. „Die Breite ist wichtig, um negative Einflüsse von den Anliegern abzumildern.“ Link plädierte für Naturschutzmaßnahmen, die in die landwirtschaftliche Produktion integriert sind. Eben die Anlage von Feldrainen und artenreichen und dauerhaften Saumstreifen statt den üblichen Blühstreifen. Auch im Siedlungsbereich könne man leicht Flächen umgestalten. Zu beachten seien jeweils die Standortbedingungen und die regionale Herkunft des Saatguts von Wildpflanzen, weiterhin hänge die Ausprägung des Rains von dessen Pflege ab.
Im Anschluss daran ging Oliver Wegener auf den Boden als Grundlage allen Lebens ein. „Man muss sich die Relation verdeutlichen: Die Erde hat einen Durchmesser von gut 12.000 km. Der Boden, der uns ernährt ist eine Schicht von etwa einem Meter, vielfach sogar weniger!“ Am Liebig‘schen „Gesetz des Minimums“ verdeutlichte er, dass eine einseitige Düngung nicht unbedingt ertragssteigernd sei, wenn andere Pflanzennährstoffe fehlten. Gartenböden seien häufig einseitig überversorgt, weshalb er dazu riet, Bodenproben untersuchen zu lassen. Regenwürmer seien die wichtigsten Helfer. „Füttern Sie Ihre Regenwürmer! Es gibt keine Maschine, die die Leistung dieser Bodenlebenwesen ersetzen kann“, betonte Wegener.

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Kommentare zum Beitrag

Friedel Steinmueller
3.336
Friedel Steinmueller aus Heuchelheim schrieb am 31.03.2018 um 19:27 Uhr
Den eingangs erwähnten Zeilen kann ich im wesentlichen Zustimmen. Der Mensch braucht eine intakte Natur. Die Natur kann aber völlig ohne den Menschen auskommen.
Was ich allerdings nicht so recht glauben kann ist die Annahme das unsere Wälder bei einer Erwärmung von mehr als 2 K absterben würden. Bis es soweit kommt, müsste der Anstieg extrem sein.
Wohl aber wird es eine Belastungsprobe werden für Baumarten die eher kälteres Klima gewohnt sind.
Die Forstwirtschaft ist daher gefordert, hier entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

Anfang der 90er Jahre lief mal eine Sendung unter dem Titel:
"Waldreport 2010."
Da wurden u.a. Computeranimationen der stetig absterbenden Wälder gezeigt. Im Hintergrund war Vogelgezwitscher zu hören, während dies zusammen mit den absterbenden und entlaubten Bäumen mehr und mehr verstummte.
Nichts davon ist auch nur annähernd so eingetreten, wie es einst diese wahrlich düsteren Prognosen prophezeiten. Gott sei es gedankt!
Fakt ist, das wir seit 1987 - und das ist exakt das Jahr wo die Klimaerwärmung zu einem rasanten Höhenflug ansetzte - in vielen Teilen der Welt einen markanten Temperaturanstieg beobachten. Und dieser Anstieg ist besonders extrem in den Polargebieten der Nordhalbkugel. Dies hat Auswirkungen auch auf das Klima in unserer Region, die eigentlich von Jedem zu erkennen sind.
So sind die Vegetationszeiten einige Wochen länger.
Während in früheren Jahrzehnten, also noch bis in die 80er Jahre hinein, die Wälder erst im Mai ergrünten, so ist das seit Ende der 80er Jahre wiederholt schon im April und in Ausnahmefällen sogar schon im März beobachtet worden - so auch letztes Jahr.
Der Schwund der Gletscher weltweit schreitet noch immer voran.
Es können hier nur Beispiele der Vielzahl an Auswirkungen aufgeführt werden.
Aber was passiert, sollte das Klima doch wieder in eine Kaltphase abstürzen?
Dies kann innerhalb sehr kurzer Zeit geschehen - etwa über ein Zeitraum weniger Monate - so wie auch 1987 diese Warmzeit spontan und nachhaltig einsetzte.
Eine Klimakaltphase hätte aufgrund der Ernährungslage
für 8 Milliarden Menschen verheerende Folgen.
Darüber muss man sich auch im klaren sein.
Hallo Lieber Leser
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von:  Dr. Tim Mattern

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