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Einfach Hamburg seinen Bären aufbinden

von Jennifer Keilam 14.07.20101303 mal gelesen2 Kommentare
Staufenberg | Skurrile Hansestadt: Hamburger Agentur veranstaltet Stadt- und Kieztouren für Kuscheltiere

Sie wachsen mit uns auf. Geben uns Freude und trösten uns. Geduldige Zuhörer. Sie sind kuschelig. Niedlich. Immer für uns da. Manchmal müssen sie für unsere Wut herhalten und werden schon mal gegen die Wand geworfen. Für so viel Aufopferung wäre es doch an der Zeit ihnen eine Freude zu machen, ihnen eine Auszeit zu gönnen. Teddy auf Reisen schicken. Das ist kein skurriler Scherz, sondern das Konzept der Hamburger Agentur „Teddy Tours Hamburg“. Inhaber ist der 34-Jährige Niklas Knippschild. „Unsere Kunden geben ihr Kuscheltier bei uns ab und wir zeigen den flauschigen Lieben die schöne Stadt Hamburg. Als Erinnerung werden Fotos vor den Sehenswürdigkeiten gemacht!“ Schon 46 plüschige Freunde von Geschäftsleuten, Journalisten und Anwälten besichtigten seit der Gründung Ende 2006 die Hansestadt. Die Nachfrage und das Trendbarometer steigt: Denn jetzt erweitert der Inhaber sein City Tour Paket mit einer St. Pauli Tour inklusive Kiez-Größe Olivia Jones.

Eine witzige Geschenkidee

In seinem Wohnzimmer an dem holzigen
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Tisch öffnet Niklas Knippschild das Postpaket aus Berlin. „Die Ankunft eines Teddys ist immer ganz spannend“, sagt er. Jetzt wird das Schmusetier, in dem Falle kein Tier, sondern Puppe Bärbel, erst einmal registriert und bekommt eine eigene ID-Card, damit sie nicht vertauscht wird. Hier wird festgehalten, dass Bärbel weiblich und schon 75 Jahre ist. Die Bilder mit ihr vor den Hamburger Sehenswürdigkeiten sind als witzige Geschenkidee für den 80. Geburtstag der Besitzerin gedacht.

Niklas Knippschild begutachtet das blonde Püppchen mit den blauen Augen. Die feine Spitze am Kragen verziert das cremefarbene Kleid mit bunten Blümchen. Die kleinen Zehen stecken in braunen Ledersandalen. Schön vorsichtig packt der „Teddy Tours Hamburg“ Inhaber die dritte Reiseteilnehmerin für diesen Tag in ein weißes, flauschiges Handtuch und verstaut sie bei „Teddy“ und Ente „Schmusl“ in der schwarzen großen Sporttasche. „Die meisten Kunden nutzen unser Angebot als exklusive Geschenkidee für Kuscheltierbesitzer, die einen starken Bezug zu Hamburg haben und nicht weil sie glauben, dass Teddy Urlaub braucht“, erklärt der „Reiseleiter“, während er den Reisverschluss zu zieht und die kleine, silberne Digitalkamera einsteckt.

Kaum aus dem Bus
am Rathausplatz ausgestiegen, zeigt sich der April von seiner typischen Seiten. In Kombination mit kaltem Wind rieseln erst kleine Tropfen vom Himmel und verwandeln sich schlagartig in einen Platzregen. Die Menschen irren hektisch umher. „Das ist doch das typische Bild von Hamburg“, erklärt Niklas Knippschild. „So werden die Bilder nix!“ Er muss umdenken. Da ist Improvisationstalent gefragt. „Dann gehen wir mal ins Rathaus hinein“ – dieses Bild blieb bisher allen 46 Kuscheltieren, die seit der Gründung Ende 2006 mit „Teddy Tours Hamburg“ gereist sind, verwehrt.

Reiseleiter Knippschild betritt mit seiner nass gewordenen Tasche die pompöse Rathausdiele durch das schmiedeeiserne Portal. Seine Augen wandern hektisch von links nach rechts und zwischen den 16 Säulen, die das Sterngewölbe tragen, hin und her. Auf der Suche nach einem guten Motiv. Er stellt die Tasche ab. „Die Puppe jetzt auszupacken ist eigentlich echt peinlich“, grinst der Hamburger schüchtern.

Kuscheltierriesen veranstaltet der Sachbearbeiter bei einer Hilfsorganisation nebenberuflich einmal im Monat. „Leben kann man davon noch nicht!“ Niklas Knippschild zog 2006 von Paderborn nach Hamburg und war auf der Suche nach etwas Verrücktem. Schon in dem französischen
Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ schickt die Titelfigur den Gartenzwerg ihres Vaters um die Welt. Der verwunderte Vater begutachtet schließlich die Fotogrüße aus aller Welt, auf denen der Gartenzwerg vor berühmten Sehenswürdigkeiten abgelichtet war. Aber Niklas Knippschild inspirierte sich bei dem Berliner Unternehmen „Teddy Tour Berlin“. „Ich dachte, wie kann man so bescheuert sein und fand die Idee sofort klasse.“ Seitdem bietet er selbst die Hamburger City Touren für Teddybären, Puppen und sonstige plüschige Freunde an.

Fragende Blicke

„Was macht der denn da?“, hallt die Stimme eines Jugendlichen, der mit einem Mädchen an einer der Säulen steht. Zwei unter den zahlreichen Touristen, die das Gewölbe der Rathausdiele bestaunen und dicht gedrängt mit nassen Jacken umher laufen. Fragende Blicke bekommt Niklas Knippschild genug, nachdem er Bärbel wieder in das Handtuch einrollt, dann „Schmusl“ und „Teddy“ in Szene vor der pompösen Eingangstreppe setzt. Ungerührt und mit keiner Regung zeigen die plüschigen Touristen was sie von dem beeindruckenden Inneren des historischen Regierungsgebäudes halten.

„Tja, das war's wohl schon für heute“, sagt Niklas Knippschild sichtlich geknickt. Er tritt aus dem Rathaus heraus. Aber
der Regen und die Wolken haben sich plötzlich verzogen. Die Mittagssonne scheint hoch am blauen Himmel. Es riecht wie im Hochsommer nach einem kurzen Schauer. Der Rathausplatz beginnt sich nach und nach mit Menschen zu füllen. Einzelne haben schon wieder ihre Sonnenbrille auf. Ein Saxophonist spielt „Qué Será, Será“. Die Musik vermischt sich mit dem Entengeschnatter unten beim Alsterfleet. Die Sonne spiegelt sich im Wasser. Nun steht den Bildern vor den weiß verputzten, rundbogigen Alsterarkaden im italienischen Stil links gegenüber dem Rathaus nichts mehr im Weg. Bärbel, Teddy und Schmusl blicken nacheinander mit ihren Knopfaugen Richtung Alsterarkaden. Einmal umdrehen, bitte! Und Reiseleiter Knippschild macht noch gleich die Schnappschüsse mit dem beeindruckenden Rathaus im Hintergrund, dessen Kupferdach in grüner Patina leuchtet. Und wieder das gleiche Bild von vorhin. Niklas Knippschild ignoriert gekonnt die fragenden und irritierenden Gesichter, die starrend an ihm vorbei gehen. „Warum fotografiert er die Puppe?“, tuscheln zwei Frauen mittleren Alters, die über den Rathausplatz schlendern.

Hamburg auf originelle Art vermarkten

„Ich verkaufe eine Illusion“ - dazu zählen auch die Postkarten, die Niklas Knippschild an die Daheimgebliebenen verschickt. Noch vor Ort in der Sonne verfasst er den Grußtext auf der Rückseite der Ansichtskarte, die vorne die schönsten Bauwerke der Hansestadt zeigt. „Hallo nach Hause! Liebe Grüße aus Hamburg! Deine Bärbel. Nächste Woche besuchen wir den Michel“, heißt es. Denn Niklas Knippschild ist durchnässt und muss diese City Tour unter anderem zum Michel, den Landungsbrücken und mit einer Hafenrundfahrt in der kommenden Woche fortführen. Aber die Zeitverzögerung ist schon mit eingeplant. Je nach Tourangebot, Mini-Tour 39 Euro und City Tour 89 Euro, verweilen die Kuscheltiere zwischen zwei bis vier Wochen in Hamburg. „Wenn der stoffelige Tourist die Heimreise antritt hat er eine schöne Foto-CD und andere Mitbringsel im Gepäck.“

Neu im Programm des Reisebüros der etwas anderen Art ist seit diesem Jahr die „St. Pauli-Tour“ für 129 Euro. Hier fotografiert Niklas Knippschild alle Highlights rund um die Reeperbahn. „Ich war auf der Suche nach etwas Besonderen und bin auf die Kiez-Tour gekommen.“ Eine Gradwanderung zwischen Kultur und Rotlicht. „Die Tour hat schon seinen Reiz. Vor allem die Station im Dollhouse, wenn sich die Stripperinnen mit unseren plüschigen Gästen ablichten lassen.“ Ein weiterer Höhepunkt ist das Zusammentreffen mit der Kiezgröße Olivia Jones, die sich mit den bärigen Lieben in Szene setzt.

„Ich passe schon sorgfältig auf die Plüschis auf, aber man darf diese Sache eben nicht zu ernst nehmen.“ Den Bauch der kuscheligen Lieben krault er daher nicht. „Ich mache das aus Spaß und um Hamburg auf eine originelle Art zu vermarkten“. Auch Sascha Albertsen, Pressesprecher der Hamburg Tourismus GmbH, findet die Idee gut. „Wir freuen uns über jede Idee, die das Bild dieser schönen Stadt in die Welt trägt“.

 
 
 
 

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Kommentare zum Beitrag

Simone Linne
5.040
Simone Linne aus Gießen schrieb am 14.07.2010 um 11:09 Uhr
ne, oder??? muharhar!
Sabine Mayer
599
Sabine Mayer aus Pohlheim schrieb am 14.07.2010 um 11:27 Uhr
Urlaub für Teddy und Co XD
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Jennifer Keil

von:  Jennifer Keil

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