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Fliegen über dem Nordatlantik - Eine Frau alleine im Cockpit

Reiskirchen | Europas einzige Überführungspilotin von kleinen Sportflugzeugen, Christina Schreiner, wohnhaft in Reiskirchen, hat bereits einige erlebnisreiche Flüge hinter sich. Zusätzlich zu ihrer deutschen Lizenz erwarb sie nach sechs Monaten Aufenthalt in Florida ihre amerikanische Berufspilotenlizenz. Dort erkundete sie fliegerisch von Venice aus den Bundesstaat mit all seinen Facetten. Von Ceday Key über Atlanta, Daytona, Miami, den Bahamas, Key West, Everglades bis hin zu Naples hat sie alles gesehen. Aber auch der Luftraum von Denver/Colorado bis nach Florida blieb von ihr nicht unentdeckt.
Nach Erhalt ihrer amerikanischen Fluglizenz 2008 reiste sie erneut Richtung USA in das Werk von Cirrus. Von dort aus überführte sie einige Male die einmotorigen Typen SR20, SR22 und SR22 Turbo mit und ohne Zusatztank über den Nordatlantik nach Europa. Dort wurden sie von privaten Käufern oder Vereinen gekauft. Die Flugstrecke führte sie alleine in ihrer Maschine über Kanada mit Zwischenstopp zum Auftanken in Ottawa bis hin nach Goose Bay/Neufundland. Beide Flugabschnitte zogen sich jeweils etwa über vier Stunden Flug, in denen man die Aussicht auf die Seen und Wälder Kanadas genießen konnte.
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Acht Stunden Flug am Tag unter höchster Konzentration ist üblich, was das Fliegen gegen die Zeit in östlicher Richtung nicht gerade erleichtert. Auch im Sommer bleibt solch ein Flug eine Herausforderung, denn er bedarf genauer Planung, da auch zu dieser Jahreszeit in großen Höhen unter Null Grad die Maschine in Wolken Eis ansetzt welches das Flugzeug flugunfähig macht. Diese Gefahr besteht besonders über Grönland wo man hoch fliegen muss. Manchmal muss Schreiner tiefer fliegen, um aus Vereisungsbedingungen heraus zu kommen. Auch die Papiere müssen in Ordnung sein und die Flugroute muss sich an Tankstellen entlang orientieren, was nicht immer möglich ist. Nur wenige Ausweichflugplätze befinden sich auf dieser Strecke.
In Goose Bay erwartete Schreiner ein unglaublich nettes und hilfsbereites Flughafen- und Hotelpersonal. Das Restaurant „Trappers“ lud ein, sich selbst Steaks zu grillen und mehrere Rudel von Braunbären konnte man auf der Mülldeponie vor Ort beobachten. Morgens um 6 Uhr ging es dann spätestens los erneute etwa 4 bis 4,5 Stunden lang über den Nordatlantik bis nach Grönland. Eine intensive Flugvorbereitung, gerade hinsichtlich des Wetters, ist in diesen
Breiten sehr wichtig und oftmals nicht ganz einfach. Es gibt für solch kleinen Flugzeuge nicht die Möglichkeit einer Zwischenlandung. Auch der Sprit ist so kalkuliert, dass vor Abflug die richtige Entscheidung getroffen werden muss: Fliegen oder nicht. Linienflugzeuge dienten Schreiner zur Übermittlung ihrer Position, da sie aufgrund der Entfernung über den Atlantik teilweise zwei Stunden oder auch länger zu keiner Bodenstation mehr Kontakt halten konnte. Hatte sie dann Grönland erreicht, wurde sie Zeugin einer wunderschönen Natur: Eisberge so groß wie Hochhäuser trieben vor den Fjords im tief dunkelblauen Atlantik und kleinere Wasserfontänen zeigten ihr, wo sich die Wale aufhielten, als sie an der Wasseroberfläche nach Luft schnappten. Nach einem kurzen Stopp in Narsarsuaq zum Tanken (manchmal auch Nuuk, Kangerlussuaq oder Kulusuk, je nach Wetterlage) und einem kurzem Smalltalk ging es, so weit die Umstände es zuließen, über das ewige Eis in Richtung Island. Es war teilweise eine halbstündige Aufgabe, sich von Meereshöhe am Flugplatz im Fjord bis auf Flugfläche 130 (13000 Fuß/knapp 4000Meter) hochzuschrauben, um direkt im Anschluss das Icecup überqueren zu können. Weitere etwa 4,5 Stunden später erreichte sie Reykjavik oder
Keflavik, wo man des Öfteren mit schlechtem Wetter bis hin zu Gewittern empfangen wurde. Reykjavik bot sich eher an, da diese wunderschöne Stadt aufgrund ihres Flairs und der sehr netten Menschen, ihre Art zu leben und zu genießen, ein interessanter Ausflugsort darstellt. Das ein oder andere Islandtief verschaffte ihr einen längeren Aufenthalt um natürlich auch die Geysire zu besichtigen. Einmal flog sie sogar zur Mittsommernacht nachts um 3 Uhr bei hellem Sonnenschein nach Schottland weiter.
Dort angekommen laden die Ruhe vor Ort, sowie die saftigen grünen Wiesen, die alten Bauwerke (Burgen, Schlösser, Leuchttürme, Ruinen) zum Träumen ein. So manche steife Brise machte das Landen zum Erlebnis und unterbrach den erneuten etwa fast fünfstündigen Flug mit etwas Abwechslung. Ab dort stellte man dann auch fest, dass das Funken mit den Bodenstationen nicht mehr so ruhig und lässig verlief wie in den USA, Kanada und über dem Nordatlantik, wo man teils überhaupt keinen Funkkontakt hat und zudem mit kleinen Sportmaschinen zwischen Boeing und Airbus auf internationalen Flughäfen landen darf ohne horrende Gebühren zu zahlen. Weiter verlief der Flug für die junge Pilotin an der Küste von England hinunter bis zur üblichen Überquerungsschneise nach Amsterdam. Die aktiven militärischen Sperrgebiete unter der Woche über der Nordsee machten eine direkte Überquerung unmöglich.
Ab Holland dauerte der Flug nach Frankfurt-Egelsbach aufgrund des ungewohnt ununterbrochenen Funkverkehrs gefühlte fünf Minuten im Gegensatz aller anderen Wasserüberquerungen. Die amerikanischen Kennzeichen, gepaart mit einer weiblichen Stimme im Frankfurter Luftraum spornten einige Piloten und das Bodenpersonal dazu an, im Funk genauer nachzufragen, von wo aus Schreiner die Maschine ursprünglich nach Frankfurt brachte. Erstaunen machte sich oft breit.
Der komplette Flugweg erstreckte sich über 7890 Kilometer (etwa 3400 Kilometer über Wasser) mit sechs Stopps im Normalfall und einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 250 bis 300 Stundenkilometer. Überlebensanzug, eine Rettungsinsel, ausgelegt für vier Personen und Ausrüstung sind ein Muss. Das moderne Glascockpit vom Avidyne bis hin zum Garmin Perspective erleichterte ihr das Fliegen alleine über solch lange Strecken. Des Weiteren verfügt die CIRRUS über einen Fallschirm, der im Notfall nach dem Auslösen mit einer Rakete durch den Lack schießt und das gesamte Flugzeug vertikal sanft zu Boden oder Wasser lässt. Innerhalb eines Jahres traf Schreiner gerade mal sechs weitere männliche Ferry-Piloten, die solche Überführungsflüge ausführen. Weitere Bilder sind auf ihrer privaten Homepage unter www.CAVolare.com zu bestaunen.

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Kommentare zum Beitrag

Simone Linne
5.040
Simone Linne aus Gießen schrieb am 04.03.2009 um 13:31 Uhr
Hallo Frau Schreiner,

ist das ein cooler Job, Hut ab! Und die Fotos sind schlichtweg gigantisch. Ein super-interessanter Artikel!
Christina A. Schreiner
206
Christina A. Schreiner aus Reiskirchen schrieb am 05.03.2009 um 18:12 Uhr
Hallo Frau Linne,

also ich hätte nicht gedacht, dass das Interesse doch so groß ist. Und für einen selber wird jeder Job irgendwann mal "normal". Aber cool ist er!!! Da haben sie recht!
Simone Linne
5.040
Simone Linne aus Gießen schrieb am 05.03.2009 um 20:08 Uhr
Hallo Frau Schreiner,

doch, das Interesse ist sogar riesengroß! Ich habe davon im Freundeskreis erzählt, die ersten haben dann den Artikel gelesen und sind völlig fasziniert. Also scheint ihr Job wohl doch nicht so "normal" zu sein ;-)
Christina A. Schreiner
206
Christina A. Schreiner aus Reiskirchen schrieb am 05.06.2009 um 13:14 Uhr
Immer noch gut besucht dieser Artikel....unglaublich!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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