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Winterflug

Sonnenaufgang
Sonnenaufgang
Reiskirchen | Teil 2/6
Über eine Woche war vergangen, Weihnachten mit den üblichen Pflichtbesuchen und viel zu viel Schlemmerei mal wieder Geschichte. Doch etwas nagte in ihr: die ungelöste Frage, wem oder was sie zur Wintersonnenwende begegnet war?Fast war sie geneigt, alles als einen Traum abzutun doch da waren ihre Fußspuren, die sie am nächsten Tag gefunden hatte und die lebhafte Erinnerung, die im Gegensatz zu Träumen nicht verblasst war. Sie wollte sich Klarheit verschaffen - noch diese Nacht.

Sorgsam bereitete sie ihren Rucksack vor. Schließlich wollte sie nicht nur ein paar Meter spazieren gehen sondern wenn nötig auch länger warten. Heißer, stark gesüßter Tee wurde zubereitet und in die Isolierkanne gefüllt. Dazu noch eine Decke um eventuell den Wind abzuhalten. Dann brach sie auf.

Als sie an der Kirche vorbei kam, schlug diese gerade Mitternacht. Geisterstunde dachte sie. Und eigentlich nur dazu da, um kleine Kinder zu beeindrucken. Schnell war sie in der Feldflur und stieg die leichte Anhöhe hinauf. Der abnehmende Mond ging gerade auf und die glitzernde Schneelandschaft war heute bei weitem nicht so erleuchtet wie vor einer Woche.

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Die Hirsche blieben fern doch der Fuchs war wieder da. Zielstrebig steuerte er ein Gebüsch an aus dem kurz danach ein klagender Schrei erklang, die Todesklage eines Hasen. Zumindest würde Füchslein heute nicht hungern müssen. Sie musste ein wenig schmunzeln.

An der Waldkante angekommen befreite sie eine Bank vom Schnee und machte es sich mit Decke gemütlich. Vielleicht hätte sie ja heute Glück und konnte Gewissheit erlangen. Im Wald hinter sich hörte sie hin und wieder schwere stapfende Schritte von Vierbeinern. Wahrscheinlich trieben sich die Hirsche dort herum und trauten sich nun nicht an ihr vorbei ins offene Feld. Manchmal hörte sie ein Auto in der Ferne fahren. Unter dem Schnee knispelten die Mäuse. Ansonsten war es still um sie herum.

Nach einer Weile holte sie die Isolierkanne heraus um sich einen Becher des heißen Tees einzuschenken.

'Neugierig wie eine Katze!' erklang es kraftvoll direkt in ihrem Kopf. Vor Schreck zuckte sie zusammen und der halbvolle Becher kullerte in den Schnee. Die Decke verhinderte daß sie sich verbrühte. Sie schaute auf.

Vor ihr stand die Reitergesellschaft, völlig lautlos. Sogar die Hunde und der Adler saßen still. Nur die Krähen flatterten in einiger Entfernung herum. Wie kamen die nur hier her fragte sie sich. Vor ein paar Augenblicken war noch niemand weit und breit zu sehen gewesen und jetzt waren sie hier völlig lautlos aufgetaucht. Ihr schlug das Herz bis zum Hals.

Der Mann, vielleicht der Anführer, machte ein paar Handbewegungen in ihre Richtung und Wärme füllte sie aus. Sie sah ihn sich genauer an.

Sie blickte in ein bärtiges Gesicht, weiße Augenbrauen und ein in mehrere Zöpfe geflochtener Bart. Dazu trug er eine Art Umhang aus Pelz, mit der Fellseite nach innen. Das dunkle Leder des Umhangs war prachtvoll bestickt. Auf dem Kopf trug er eine Fellmütze. Der Rest seiner Kleidung, die sie erkennen konnte, erinnerte sie mehr an die Teilnehmer eines Mittelaltermarktes. Nur dass diese Kleidung selbst bei dieser schlechten Beleuchtung als deutlich edler zu erkennen war wie alles was sie auf Mittelalterturnieren gesehen hatte.

Die Frau neben ihm trug ähnliche Kleidung, nur in hellem Leder und mit hellen Pelzen.

Sie sprachen wieder in der ihr unverständlichen Sprache miteinander und lachten.

'Magst Du mitkommen? Es wird Dich bestimmt interessieren! Neugierige Katze' erklang es wieder in ihrem Kopf. Sie schaute zu ihm auf. Ruhig und mit einem freundlichen Lächeln saß er auf seinem Pferd. Er streckte die Hand aus.

Seltsam ganz ohne Furcht doch voller Neugier streckte sie die Hand aus.

'Moment' ertönte eine weibliche Stimme in ihrem Kopf. Die Frau hatte sich ihr zugewandt.
'Du sollst schließlich nicht erfrieren. Die Katze braucht erst noch ein richtiges Fell!' Sie griff hinter sich und holte einen weiteren Umhang hervor. Mühelos, fast tänzerisch dirigierte sie ihr Pferd heran und legte ihr den Umhang um. Weißes Leder und weißes Fell mit schwarzen Spitzen, an den Rändern zeigte das Fell nach außen. Und er war erstaunlich leicht.

'Komm!' Der Mann streckte fordernd seinen Arm aus. Sie ergriff seine Hand und sie wurde von ihm mühelos auf die Kruppe des Pferdes, hinter dem Sattel, gehoben. Er bedeutete ihr, dass sie sich an ihm festhalten solle. Kaum hatte sie einen festen Griff preschte die ganze Gruppe los. Sie wurde eins mit Pferd und Reiter
.
In gestrecktem Galopp ging es über die Schneefläche, sie wurden immer schneller, vorbei an Wäldern, durch Täler und über Hügel. Manchmal wurde große Hecken fast spielerisch übersprungen. Die Landschaft flog nur so an ihr vorüber.

Einmal schaute sie verstohlen nach hinten doch obgleich der Schnee um sie herum stiebte waren hinter ihnen keine Hufabdrücke im Schnee zu sehen. Doch sie wunderte sich nicht lange und ließ sich wieder von der guten Stimmung ihrer Begleiter anstecken, die juchzend und johlend über die Hügel galoppierten. Im Osten färbte sich der Himmel rosa.

'Du willst uns begleiten?' Ihr Reiter hatte das Pferd angehalten.

"Ja gerne" gab sie zur Antwort. Sie hatte Urlaub, niemand war auf sie angewiesen und vielleicht wurde das ja ein interessantes Abenteuer.

Auf ein Zeichen galoppierten sie wieder alle los. Diesmal wurden sie immer schneller und schneller und schneller. In riesigen Sätzen sprangen sie über Hecken hinweg. Bis sie plötzlich merkte, dass sie nach einem Sprung nicht mehr aufgekommen waren. Verwirrt schaute sie nach unten und sah wie die dunkle Erde unter ihr zurück fiel. Im Osten ging die Sonne auf.

Sie stiegen höher und höher und ihr gingen Gedanken über die Armstrong Linie durch den Kopf, jenseits derer kein Mensch mehr ungeschützt und ohne Druckanzug überleben konnte... doch sie fühlte sich seltsam sicher und geborgen. Unter sich sah sie die Grenze zwischen Tag und Nacht auf der Erde, über sich Millionen Sterne im schwarzen Samt des Alls.

...Fortsetzung folgt...

Inspiriert wurde diese Geschichte durch ein Bild von Eva Wiedermann, durch die Sage über die Entrückung des Dietrich von Bern, durch eigene Erfahrungen beim Reiten im Schnee, durch die Schilderungen eines Freundes über das Segelfliegen im Morgengrauen, durch den Sprung des Felix Baumgartner und durch einen sehr intensiven und bewusst erlebten Traum, den ich vor 2 Jahren hatte.

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Kommentare zum Beitrag

Peter Herold
24.460
Peter Herold aus Gießen schrieb am 13.12.2012 um 00:59 Uhr
Weiter so, liest sich gut. Etwas berührt mich jetzt aber besonders.
....durch die Sage über die Entrückung des Dietrich von Bern....

So in der Zeit, als früher Jungs so um die zehn bis vierzehn Jahre ihre Spiele spielten, schlüpften wir damals mit Begeisterung in die Gestalten der Niebelungen und die sie begleitenden Ritter. Ich verkörperte idabei immer den Dietrich von Bern, der hatte es mir irgendwie angetan.

Est wieder vor kurzem trat ich wieder in dessen Gestalt, in Schriftform, jemanden gegenüber, der mir sehr viel bedeutet.
Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 13.12.2012 um 06:13 Uhr
Die lieferte das Bild über das schneller werdende Pferd, das in den Himmel galoppiert.
Nicole Freeman
7.248
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 13.12.2012 um 08:38 Uhr
das ist enfach toll geschrieben. man kann es sich gut vorstellen. ich warte auf die fortsetzung.
Peter Herold
24.460
Peter Herold aus Gießen schrieb am 13.12.2012 um 09:17 Uhr
Also ich habe die zwei bisher erschienenen weitergeleitet. Bin gespannt wie sie dort ankommen
Karl-Ludwig Büttel
3.228
Karl-Ludwig Büttel aus Hungen schrieb am 13.12.2012 um 09:28 Uhr
Weiter so. Ich freue mich auf die Fortsetzung.
Karl-Ludwig Büttel
3.228
Karl-Ludwig Büttel aus Hungen schrieb am 13.12.2012 um 09:28 Uhr
Danke Herr Herold für den Tip.
Peter Herold
24.460
Peter Herold aus Gießen schrieb am 13.12.2012 um 09:42 Uhr
Klar doch.Ich habe den schon sehr früh heute gelesen, daher wusste ich dass eine Fortsetzung da ist.
Das kann zur Sucht ausarten
Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 13.12.2012 um 11:26 Uhr
Für die Liebhaber von zauberhafter Musik und schönen Bildern hätte ich noch eine kleine Videoproduktion anzubieten (meine erste) in der der Gegensatz von moderner, technischer Welt und spiritueller Weltsicht meiner Meinung nach so treffend auf den Punkt gebracht wie sonst nirgends. Und dass bei aller rationaler Erklärung doch irgendwo eine Sehnsucht nach dem Wunderbaren bleibt:

http://www.youtube.com/watch?v=KINKOmxcReA

(infos zur Sängerin im Abspann)
Peter Herold
24.460
Peter Herold aus Gießen schrieb am 13.12.2012 um 16:43 Uhr
Hab mal kurz reingehört, habe ja nie so richtig Zeit ;-), als Rentner hat man das ja nicht.
Gefiel mir ganz gut. Eventuell habe ich mal ausreichend Zeit für die ganze Länge
Hallo Lieber Leser
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von:  Ulrike J. Schepp

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Ulrike J. Schepp
1.180
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