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Winternacht

Reiskirchen | Teil 1/6
Mal wieder war an Schlaf nicht zu denken. Das ging nun schon Jahre so, dass sie nachts immer weniger Schlaf fand. "Alte Leute brauchen nicht so viel Schlaf" hatte sie sich immer wieder eingeredet.

Statt wie so oft den Computer an zu machen sah sie die hellen Ritzen neben der Jalousie... richtig, es war heute Nacht Vollmond.

Unter Ächzen erhob sie sich und zog sich an. Ein Nachtspaziergang im Schnee... das hatte sie schon länger nicht mehr gemacht. Sie suchte sich die schweren hochschäftigen Jagdstiefel und zog sich noch die kniehohen Gamaschen drüber. Wer weiß, wo sich überall Schneewehen gebildet hatten und sie hatte keine Lust, sich kalte, nasse Beine und Schuhe zu holen. Schon garnicht bei diesen Temperaturen. Auch sonst warm in einen Parka eingepackt öffnete sie die Haustüre.

Das Dorf lag still, so tief in der Nacht. Der längsten Nacht des Jahres. Drei Tage vor Weihnachten hatte sich eine gewisse Erschöpfung unter den Leuten breit gemacht. Fast alle Weihnachtsgeschenke waren gekauft, die Weihnachtsbäume lagen bereit in Schuppen und Gartenhütten. Alles war getan.

Sie ging
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Winter (561)wilde Jagd (5)Sonnenwende (1)
die Hauptstraße entlang. Hell glitzernd lag sie im Mondlicht einsam und verlassen da. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, so kalt war es. Einen Moment bleib sie neben einem Stall stehen. Einem der wenigen Ställe im Dorf, in denen noch Vieh war. Dampf stieg aus einem mit einem Strohwisch versperrten Abzugsrohr hervor und durch das nur angelehnte Stallfenster hörte sie leises Kettenklirren, und andere Geräusche der Tiere. Früher als Kind waren ihre diese Geräusche vertraut gewesen doch heute wurden sie auch auf dem Dorf immer seltener. Durch den immer schmaler werdenden Ring der Gärten trat sie in die offene Feldflur hinaus.

Der Mondschein glitzerte auf der hellen Schneefläche und etwas Abseits erhob sich der Wald wie ein dunkles, auf der Hügelkuppe liegendes, schlafendes Tier. Sie ging dem Wald entgegen.

Hier draußen im Feld lag mehr Schnee und sie war froh, Vorsorge getroffen zu haben, dass sie keine nassen Füße und Hosenbeine bekam. Nahe der Waldkante konnte sie im Mondschein ein paar Hirsche erkennen, die sie aber offenbar auch schon bemerkt hatten denn sie äugten neugierig herüber und verschwanden kurz darauf im Dunkel des Waldes. Ein Fuchs schnürte über die weite, weiße Fläche zu ein paar Hecken. Er hoffte wohl, dort ein unvorsichtiges Kaninchen zu erwischen.

An der Waldkante angekommen drehte sie sich um. Unter ihr im Tal lag still das Dorf im hellen Licht des Mondes. So spät in der Nacht waren auch nur noch die Hälfte der Straßenlampen an. Vereinzelt stieg aus einem Kamin ein dünner Rauchfaden in den Himmel. Tiefe Ruhe breitete sich in ihr aus, als sie ein Geräusch hörte.

Dunkle Punkte bewegten sich weit entfernt auf der dem Dorf abgewandten Seite des Tales. Reiter, Hunde und Vögel... so spät in der Nacht? Sie wunderte sich sehr. Die Reiter unterhielten sich und lachten anscheinend miteinander. "Die wilde Jagd!" schoss es ihr durch den Kopf und ein leichter Schauer kroch ihr über den Rücken. Ach es werden wohl nur ein paar übermütige junge Leute sein, versuchte sie sich zu beruhigen. Die wilde Jagd ist doch nur eine Schauergeschichte um Kinder zu beeindrucken. Die Reiter nahmen direkt Kurs auf die Waldecke, an der sie stand. Kurz darauf stiebte der Schnee auf und die Reitgesellschaft hielt vor ihr an.

Die Pferde dampften und sie dachte, wie wenig gut das Anhalten in dieser Kälte für diese sei. Die Reiter waren alle in dicke Fellumhänge gehüllt und betrachteten sie neugierig. Die Pferde waren sichtlich nervös. Jetzt sah sie, dass einer der Reiter, oder war es eine Reiterin, einen Adler auf der lederbewehrten Schulter sitzen hatte, eine klar als Reiterin erkennbare Gestalt hatte einen Raben auf dem Sattelknauf sitzen, ein weiterer hatte es sich auf einem Ast am Waldrand gemütlich gemacht.

"Guten Abend" kam es ihr über die Lippen. Sie wusste nicht, was sie von dieser Gesellschaft halten sollte. Zumindest machten sie keinen bedrohlichen Eindruck.

Die Reiter redeten kurz in einer ihr unbekannten Sprache, lachten und antworteten ebenfalls mit einem Guten Abend. Doch sie schienen nicht sehr gesprächig zu sein denn kurz darauf stoben sie wie auf ein Zeichen alle weiter, dem Waldrand entlang über die Hügelkuppe und verschwanden aus ihrem Gesichtsbereich. Eine Weile hörte sie noch das Hufgetrappel und das Lachen. dann war wieder Stille um sie herum.

Sie schüttelte den Kopf und ging weiter auf ihrem Spaziergang. Völlig unsicher darüber, wer ihr gerade begegnet war. Wieder zuhause setzte sie das Grübeln noch eine Weile fort doch der Spaziergang hatte sie wohltuend ermüdet und bald schlief sie ein.

Als sie am nächsten Tag nach sah, fand sie an der Waldecke zwar ihre Spuren und die der Hirsche - doch sonst war der Schnee unberührt...

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Kommentare zum Beitrag

Ingrid Wittich
18.912
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 12.12.2012 um 14:19 Uhr
Gute Geschichte, Ulrike. Davon möchte ich mehr lesen.
Nicole Freeman
7.266
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 12.12.2012 um 16:08 Uhr
klasse geschrieben . das ... laesst auf eine fortsetzung hoffen
Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 12.12.2012 um 16:19 Uhr
Tja - da braucht es halt auch die Inspiration vor dem inneren Auge. Ich muss davon ein Bild oder sozusagen ein Video im Kopf haben, um es zu erzählen.

Ich mag die wilde Jagd, auch wenn sie hierzulande nicht unbedingt zum Volksbrauchtum gehört.

Aber da sie sowohl zum nordischen wie auch westeuropäischen Sagenkreis gehört, gehe ich mal davon aus, dass die Sage schon im gallisch-germanisch-keltischen Raum durchaus bekannt war.

Außerdem gefällt mir der Gedanke, dass im Winter sich auch mal die Götter Freizeit gönnen... bei dem anstrengenden Job...

Leider wurde dann im Rahmen der Christianisierung diese Vorstellung verteufelt und dämonisiert.

Das mit der Fortsetzung wäre zu überlegen ;-)
Birgit Hofmann-Scharf
9.640
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 12.12.2012 um 19:51 Uhr
Oh Frau Schepp, ich bin begeistert !
Fallen Ihnen solch schöne Geschichten am Kamin in Irland ein, oder haben Sie so etwas stets in petto ?
Ich hoffe ebenfalls auf Fortsetzung.
Die Sagen der wilden Jagd, wildes Heer , sollten weiter reifen ;-)
Peter Herold
24.464
Peter Herold aus Gießen schrieb am 12.12.2012 um 20:06 Uhr
Noch ein wenig früh für die Rauhnächte, aber sehr spannend und anschaulich geschrieben. Fortsetzung? Nicht die Geschichte aber ähnliche, muss doch in Irland nur so zufliegen. Denke ich wenigtens, so abseits der so genannten Zivilisation.
Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 12.12.2012 um 22:56 Uhr
Noch bin ich hier und leider auch noch krank... na ja, was tut man nicht alles um sich die Zeit zu vertreiben.

Ich hab schon ein paar schöne Geschichten im Kopf nur meine ich oft, sie seien noch nicht ausgereift genug. Die sind aber hauptsächlich durch die hiesige Sagenwelt geprägt, noch ist der irische Einfluss gering...
Peter Herold
24.464
Peter Herold aus Gießen schrieb am 13.12.2012 um 00:33 Uhr
Liebe Frau Schepp, wenn Sie in teressiert sind an Sagen und allem mystischen, da hätte ich von meiner Frau ein schönes Buch über spezielle bayrische Dinge. Interesse? Wäre sicher was für Irische, schlaflose Nächte.
Karl-Ludwig Büttel
3.230
Karl-Ludwig Büttel aus Hungen schrieb am 13.12.2012 um 08:30 Uhr
Bitte weiter schreiben. Ich dachte wirklich an alles Mögliche was jetzt kommen könnte. Erst beim Raben und Adler wurde ich stutzig....
Peter Herold
24.464
Peter Herold aus Gießen schrieb am 13.12.2012 um 09:20 Uhr
Die Fortsetzung Herr Büttel ist shon da. Die Spannung hält an
Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 13.12.2012 um 11:14 Uhr
Das freut mich natürlich, dass die Geschichte so gut ankommt. Wo die Figuren noch nicht mal Namen haben...

Das hat man dann davon wenn man so aus dem Stegreif einfach los schreibt.
;-D
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von:  Ulrike J. Schepp

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Ulrike J. Schepp
1.180
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